Ausflug auf die "Neue Insel"
Dort, wo an diesem Nachmittag Baufahrzeuge über eine triste Betonfläche kurven, können in Zukunft Brautleute ihren Hochzeitswalzer tanzen. Aus der ehemaligen Schreinerei wird ein Restaurant. Und wo derzeit noch Dornenbüsche und Brennnesseln wuchern, soll schon bald ein Biergarten samt Kinderspielplatz entstehen. Das Prestigeprojekt der "Neue Arbeit der Diakonie Essen gGmbH" auf dem Areal der Spillenburger Mühle heißt "Neue Insel". Insel deshalb, weil das Gelände von einem Nebenarm der Ruhr umgeben ist. Der jetzige Eigentümer hat es vor mehr als 30 Jahren erworben und das Wasserkraftwerk, das einmal eine Mühle war, wieder in Betrieb genommen. In der neuen Planung spielt das Kraftwerk eine zentrale Rolle, denn aus Wasserkraft soll künftig auch der Strom für den gesamten Komplex gewonnen werden.

Diakonie RWL-Vorständin Kirsten Schwenke mit der Gründungsurkunde der Inklusionsgesellschaft "Neue Insel", neben ihr Michael Stelzner (li.) und Matthias Jacobstroer, beide Geschäftsleitung "Neue Arbeit".
Inklusionsgesellschaft gegründet
"Wir möchten auf der Insel ein Nachhaltigkeitskonzept zum Anfassen schaffen: Umweltschutz verbindet sich mit sozialer Verantwortung und Inklusion, die Schleuse ist der ökologische Kern des Ganzen", sagt Michael Stelzner, Geschäftsführung "Neue Arbeit". Die Einrichtung der Diakonie setzt das Projekt in Kooperation mit der Stadt Essen und gemeinsam mit Stephan Rettenmaier, dem Eigentümer des Geländes, als Privatinvestor um und tritt selbst als Pächter auf. Eigens dafür hat sie eine Tochtergesellschaft gegründet: Mitte August wurde der entsprechende Vertrag für die Inklusionsgesellschaft "Neue Insel" unterschrieben, in der auch Langzeitarbeitslose beschäftigt werden.

Gäste der "Neuen Insel" können am Foodtruck Waffeln, Kuchen und Salat kaufen.
Natur und Industriekultur
Erster Spatenstich für das umfangreiche Bauprojekt - umgebaut wird behutsam im Bestand - war schon im Mai 2021, doch seitdem kam es immer wieder zu Verzögerungen. Die ursprünglich für März 2023 geplante Eröffnung musste bereits verschoben werden. "Es geht voran, allerdings langsamer als geplant. Die Folgen der Corona-Pandemie und des Angriffskriegs in der Ukraine sind nicht spurlos an uns vorbeigegangen", berichtet Michael Stelzner. Doch trotz Bauarbeiten machen schon heute viele Radfahrer und Spaziergänger ihre Zwischenstopps auf dem Gelände, kaufen sich am himmelblauen Oldtimer-Foodtruck eine Limo, frisch gebackene Waffeln oder einen Salat im Glas und ruhen sich auf den Recycling-Möbeln aus, die in der Holzwerkstatt der "Neuen Arbeit" entstanden sind. "Der Ruhrtalradweg gehört zu den beliebtesten Fahrradrouten Deutschlands", sagt Stelzner. "Und die Lage hier auf der Ruhrinsel und das Ambiente mit Natur und Industriekultur sind einfach einmalig."

Die Bauarbeiten haben sich verzögert, noch ist die künftige Eventhalle eine Baustelle.
Feiern und arbeiten
Für ihn ist es daher wenig überraschend, dass es schon jetzt zahlreiche Buchungsanfragen für die Eventhalle gibt, obwohl das Gebäude noch Baustelle ist. Im Idealfall sollen aber schon im Frühjahr 2024 bis zu 150 Personen in der Halle feiern und durch eine große Glasfront über die Insel schauen können. Auch Büros für Verwaltungsmitarbeitende der "Neue Arbeit" sind dort geplant.

Die Betten im Fahrradhostel werden teils aus recycelten Kirchenbänken gebaut.
Nachhaltig und barrierefrei
Gleich neben der Brücke, die von der Westfalenstraße auf die Insel führt, soll ein Fahrradhostel entstehen. "Alle knapp 30 Zimmer werden barrierefrei sein", kündigt Andreas Bußmann, Projektleiter "Neue Insel", an. Und die Möbel, so Bußmann weiter, werden größtenteils in der eigenen Holzwerkstatt recycelt und gebaut. "Wir verwenden dafür ausschließlich Altholz. Aus ausrangierten und gespendeten Kirchenbänken bauen wir dann etwa Betten", erklärt er. Ein Großteil der Inneneinrichtung sei bereits fertig. "Die Möbel lagern wir derzeit noch ein."
Ebenfalls an der Einfahrt zur Insel ist eine Kapelle für Taufen und Trauungen geplant. Die Idee dahinter: "Paare können sich bei uns auf der Insel das Ja-Wort geben und dieses gleich nebenan im Trauzimmer standesamtlich besiegeln lassen", kündigt Bußmann an. "Später können sie in unserem Restaurant regionale Crossover-Küche genießen und abends in der Halle ihre große Party feiern – das komplette Rundum-Paket." Auf der Außenfläche gleich hinter der Eventhalle soll darüber hinaus eine außergewöhnliche Fotokulisse mit Oldtimerfahrzeugen entstehen, die ebenfalls größtenteils in den Diakonie-eigenen Gewerken restauriert werden. Auch ein Schiff ist als besondere Attraktion dabei: die "Moornixe".

Die "Moornixe" soll künftig als begehbares Denkmal und Fotomotiv ihren Platz auf der "Neuen Insel" finden.
Rückkehr der "Moornixe"
Die "Moornixe" wurde im Jahr 1930 in Essen gebaut, war ab 1933 als erster Ausflugsdampfer auf dem Baldeneysee unterwegs, wurde zwischendurch nach Norddeutschland verkauft, dann wieder zurückgekauft, aufwändig restauriert und zuletzt als Liebhaberobjekt heimgeholt ins Ruhrgebiet. Bei der Flutkatastrophe im Juli 2021 jedoch wurde das Schiff von seinem Ankerplatz in Mülheim losgerissen, zwischen die Walzen eines Wehrs getrieben und darin zerquetscht. Fahren wird die "Moornixe" also nie wieder. "Aber wir wollen das Wrack so gut es geht restaurieren, auf die Bordwand wieder den ursprünglichen Namen 'Baldeney' pinseln und es dann als begehbares Denkmal den Menschen zugänglich machen", kündigt Bußmann an.

(v.l.) Marc Nottelmann, Ina Heythausen, Heike Moerland, Anke Klanten und Vorständin Kirsten Schwenke von der Diakonie RWL sowie Michael Stelzner, Andreas Bußmann und Matthias Jacobstroer, alle "Neue Arbeit" Essen.
Riesiges Potential
Vor einigen Wochen hat Diakonie RWL-Vorständin Kirsten Schwenke die "Neue Insel" besucht, um sich einen ersten Eindruck von dem Projekt zu machen. Ihr Fazit: "Was hier geschaffen wird, ist innovativ und wirklich tief beeindruckend. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Standort riesiges Potential hat und ein beliebter Anlaufpunkt für die Menschen in der gesamten Region werden kann." Für die Verantwortlichen soll die Insel in der Ruhr darüber hinaus "ein wichtiges Standbein" werden, betont Michael Stelzner: "Dieses Projekt trägt hoffentlich dazu bei, dass wir auch künftig - besonders vor dem Hintergrund zahlreicher Sparmaßnahmen - gut aufgestellt sind."
Text: Verena Bretz, Fotos: Neue Arbeit, Luca Korthals/Neue Arbeit, Bretz
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