Wo Klimaaktivistin und FDP-Chef einander zuhören
"Abende wie dieser machen mir Hoffnung. Und ich hoffe, dass mehr Menschen wertschätzen, was wir – noch – haben." Mit diesen Worten beschrieb eine Teilnehmerin, wie sie das vierte Dialogforum der bundesweiten Initiative #VerständigungsOrte in der Dortmunder Stadtkirche St. Reinoldi erlebt hatte. Der provokative Titel der Veranstaltung: "Die Zukunft wird heiß! Wer zahlt beim Klima drauf und wer gewinnt?". Rund 80 Teilnehmende tauschten sich in kleinen Gruppen über die drängendste Herausforderung unserer Zeit aus: die Klimakrise und die sozialökologische Transformation.
Nach einer kurzen Faktenorientierung durch Christian Müller, den Nachhaltigkeitsbeauftragten des Hauptsponsors der Veranstaltung, der Bank für Kirche und Diakonie, ging es beim Podiumsgespräch vor allem um die persönlichen Geschichten und Erfahrungen hinter den jeweiligen Positionen.

"Niemand wird kommen und uns retten. Wir müssen es selbst tun. Wir müssen miteinander lernen, wie wir Demokratie leben wollen", sagt Carla Hinrichs, Klimaaktivistin und Sprecherin der ehemaligen Letzten Generation.
Versprechen gebrochen
Carla Hinrichs, Klimaaktivistin und Sprecherin der Neuen Generation (ehemals Letzte Generation), berichtete davon, wie schon in ihrer Jugend das Versprechen, dass es ihrer Generation einmal besser werde, angesichts der Klimakrise zerbrach. Sie sprach davon, wie sie ihr Studium abbrach, um Klimaaktivistin zu werden, und wie eines Tages Polizisten mit gezogener Waffe in ihrer Wohnung standen und sie wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung verhafteten.
Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Dürr erzählte, wie ihn seine Faszination von marktwirtschaftlichen Lösungswegen dazu führte, seine Diplomarbeit über den internationalen Emissionshandel zu verfassen – und wie er auch mit seinen Kindern darüber im Gespräch ist.
Besonders eindrucksvoll war die globale Perspektive, die Ina Hommers von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit einbrachte, etwa durch ihre Erfahrungen in Nigeria und am Horn von Afrika, wo die Folgen der Erderhitzung bereits spürbar sind, aber teilweise auch heute schon Lösungen wie Energieversorgung durch dezentrale Photovoltaikanlagen entstehen.

Moderator Peter Großmann
Offen und respektvoll
Der durch den Abend führende TV-Moderator Peter Großmann (ARD) brachte die weit auseinander liegenden Perspektiven der Podiumsgäste in einen aufmerksamen und konstruktiven Austausch.
In den anschließenden Tischgesprächen konnten die Teilnehmenden – von jungen Menschen bis Senioren, von FDP-Mitgliedern bis Klimaaktivistinnen – in kleinen Runden ihre Meinungen und Geschichten teilen. Trotz mancher hitzigen Diskussionen war die Atmosphäre von Offenheit und respektvollem Zuhören geprägt.
Künstlerische Beiträge des Musikers und Kabarettisten Fabian Vogt und des Theaterprojekts Klima-Monologe, das die authentische Erzählung einer jungen Frau mitten in den verheerenden Bränden in Kalifornien Anfang 2025 eindrücklich in Szene setzte, verliehen dem Abend eine tiefere, emotionale Dimension. Am Ende des Dialogforums hielten die Teilnehmenden konkrete Hoffnungen für die Zukunft auf einer "Hoffnungswand" fest.
"Das Ziel, die vielfältigen gesellschaftlichen Perspektiven zu Klimakrise und Transformation zu Wort kommen zu lassen und einen Raum für offenen und respektvollen Austausch zu schaffen, wurde erreicht", resümierte Sigurd Rink, Referent bei der evangelischen Zukunftswerkstatt midi und Mitorganisator des Abends. "Trotz weit auseinanderliegender Positionen konnten die Teilnehmenden die verschiedenen Meinungen im Raum aushalten und einander ehrlich zuhören."
Der Abend zeigte: Auch bei brisanten Themen sind Dialog und Verständigung möglich. Viele Teilnehmende bedankten sich nach dem offiziellen Ende für die bereichernde Erfahrung und blieben bei Imbiss und Getränken noch weiter im Gespräch.

"Menschen sind die Lösung, nicht das Problem", sagt Christian Dürr, Bundesvorsitzender der FDP.
Gesammelte Eindrücke
Carla Hinrichs, Klimaaktivistin und Sprecherin der ehemaligen Letzten Generation:
- "Erst wenn Menschen sich auf Augenhöhe begegnen, in einem Raum, der sich für sie sicher und würdevoll anfühlt, dann kann Versöhnung passieren und neues Vertrauen entstehen. Nur so können wir uns der eskalierenden Klimakrise gemeinsam entgegenstellen."
- "Niemand wird kommen und uns retten. Wir müssen es selbst tun. Wir müssen miteinander lernen, wie wir Demokratie leben wollen."
- "Ich wünsche mir keine blinde Hoffnung, sondern eine Hoffnung, die uns aktiviert und inspiriert, eine mutige Hoffnung."
Christian Dürr, Bundesvorsitzender der FDP
- "Ich nehme gerne am Dialogforum der #VerständigungsOrte teil, weil hier Menschen mit unterschiedlichen Meinungen dazu ermutigt werden, über effizienten und bezahlbaren Klimaschutz ins Gespräch zu kommen."
- "Menschen sind die Lösung, nicht das Problem."
- "Es gibt schon Dinge, die gelungen sind. Lasst uns lauter darüber sprechen."
Ina Hommers, Bereichsleiterin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)
- "Verständigungsorte bieten genau das, was unsere Gesellschaft braucht: Räume, in denen wir miteinander ins Gespräch kommen, auch wenn wir unterschiedliche Perspektiven haben. Ich habe vor Ort in Nigeria und am Horn von Afrika miterlebt, wie durch Klimafolgen Verteilungskämpfe um Ressourcen entstehen. Dafür brauchen wir gemeinsame Lösungen, bevor aus Ressourcenkonflikten Kriege werden, die zu Flucht und Vertreibung führen."
- "Mir macht Hoffnung, dass wir alle gemeinsam hier sind und miteinander ringen, weil wir nur so weiterkommen."
Text: Pfarrer Walter Lechner (midi), Fotos: Merlin Morzeck
Ansprechperson
Kurztext
Die Veranstaltung ist Teil der Initiative #VerständigungsOrte, mit der Kirche und Diakonie Raum für gesellschaftlichen Dialog schaffen und den Austausch über öffentliche Konfliktthemen in Deutschland voranbringen. #VerständigungsOrte ist eine Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Diakonie Deutschland und der evangelischen Zukunftswerkstatt midi.






