Freie Wohlfahrt hat viel zu bieten
"Menschen nicht defizitär betrachten, sondern fragen, was sie beitragen möchten – wer sonst macht das?" So beschreibt Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann die Aufgabe der freien Wohlfahrt und stellt klar, dass diese "mehr als eine Leistungserbringung im Sozialstaat" sei. Entsprechend wollte das Symposium der Freien Wohlfahrtspflege NRW in den Rheinterrassen in Düsseldorf deren zentrale Rolle im Sozialstaat verdeutlichen und daraus folgend die Notwendigkeit, ihre Strukturen nachhaltig zu stärken.

Josef Neumann (SPD) begrüßte die Teilnehmenden beim Symposium der Freien Wohlfahrtspflege in Nordrhein-Westfalen in den Düsseldorfer Rheinterrassen.
Zentrale Rolle
Als Schirmherr der Veranstaltung wurde André Kuper, Präsident des Landtags Nordrhein-Westfalen, von MdL Josef Neumann (SPD) vertreten. Der Vorsitzende im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales stellt in seinem Grußwort zentrale Fragen zur Zukunft des Sozialstaats: "Wie geht es weiter mit einer Gesellschaft, die politisch und sozial tief gespalten ist? Wie können wir auch unter schwierigen wirtschaftlichen, politischen und finanziellen Bedingungen das Prinzip der Sozialstaatlichkeit garantieren?" Neumann hebt die zentrale Rolle der Freien Wohlfahrtspflege NRW hervor als "Garant dafür, dass das Prinzip der Sozialstaatlichkeit gewahrt bleibt".
Es sei Aufgabe des Parlaments, gemeinsam mit der Freien Wohlfahrtspflege zu diskutieren: "Wir werden streiten, wir werden unterschiedliche Auffassungen haben. Doch es kommt darauf an, weiter über Argumente zu streiten, anstatt festzulegen, was sein muss. Genau deshalb ist dieses Symposium so wichtig."

"Unsere Träger leisten unverzichtbare Arbeit", sagt Hartmut Krabs-Höhler, Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW.
Unverzichtbare Arbeit
Hartmut Krabs-Höhler, Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW, verweist in seinem Vortrag auf das Subsidiaritätsprinzip als tragendes Element der sozialen Daseinsvorsorge: "Die Freie Wohlfahrtspflege hilft in der kleinsten Einheit vor Ort und ist das Fundament unseres Sozialstaates.
Unsere Träger leisten unverzichtbare Arbeit in der Altenpflege, der Kinderbetreuung, der Behindertenhilfe und in der Integration von Zugewanderten." Diese Leistungen seien gefragt wie nie. "Doch sie sind nicht selbstverständlich – sie brauchen stabile Rahmenbedingungen und eine auskömmliche Finanzierung."

"Die überbordende Dokumentation frisst zu viel Zeit und Energie", kritisiert NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann.
Zu wenig Geld, zu wenig Fachkräfte
Auch der nordrhein-westfälische Gesundheits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) geht auf die Bedeutung der Subsidiarität ein. Ohne den Sozialstaat mit der größtmöglichen Selbstbestimmung von Individuum und Familie wäre nicht eine solche Vielfalt in den sozialen Einrichtungen des Landes entstanden, so Laumann. Zugleich weist er auf die knappen Haushaltsmittel des Landes für diesen Bereich hin. Die Frage sei deshalb: "Wie können wir mit den vorhandenen Ressourcen einen Sozialstaat gestalten, den wir gemeinsam akzeptieren können?" Ähnlich herausfordernd seien die demografischen Veränderungen und der steigende Fachkräftebedarf im sozialen Sektor: "Wir brauchen Zuwanderung – auch für den Arbeitsmarkt der sozialen Berufe. Es ist wichtig, mit den Wohlfahrtsverbänden zu klären, welche Qualifikationen wir von Menschen erwarten, die in diesen Bereich einsteigen."
Zu viel Bürokratie
Ein großes Problem sieht Laumann in der zunehmenden Bürokratie. Der Sozialstaat könne nur funktionieren, wenn sich das Verhältnis zwischen Staat und Wohlfahrtspflege von einer "Misstrauenskultur" hin zu einer "Vertrauenskultur" entwickle: "Die überbordende Dokumentation frisst zu viel Zeit und Energie – und sie macht schlechte Laune. Die Menschen in sozialen Berufen wollen mit Menschen arbeiten, nicht mit Bürokratie." Eine mutigere Herangehensweise mit weniger Kontrolle und mehr Vertrauen könne hier neue Ressourcen freisetzen. Kirsten Schwenke, Diakonie RWL-Vorständin, stimmt zu: "Bürokratismus und Sozialstaat schließen sich aus."

Tim Rietzke, Geschäftsfeldleitung Familie und junge Menschen bei der Diakonie RWL, mit Ulrike Kilp, Geschäftsführerin Diakonisches Werk Solingen.
Wichtige Schnittstelle
Tim Rietzke, Geschäftsfeldleitung Familie und junge Menschen bei der Diakonie RWL, stellt fest: "Ich finde es gut und wichtig, dass Minister Laumann deutlich darauf hingewiesen hat, dass der Bund Anstrengungen unternehmen muss, um die Kommunen zu entlasten und sie von ihren Altschulden zu befreien. Die hohe Verschuldung und die angespannte Haushaltslage in vielen Kommunen in NRW führt dazu, dass die Spielräume in der Kinder- und Jugendhilfe, die in Verantwortung der Kommunen liegt, immer enger werden."
Die Sozialwissenschaftlerin Katrin Schneiders, Professorin an der Hochschule Koblenz, sieht die Wohlfahrtsverbände als Schnittstelle zwischen Staat und Gesellschaft. Für eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Staat und Wohlfahrt ("Ich sehe dafür viel Potenzial") seien beispielsweise ein stärkerer Einstieg in die Digitalisierung, eine Re-Organisation der Wohlfahrtsverbände sowie Netzwerkbildung unerlässlich. Themen, die die Diakonie An Sieg und Rhein schon lange beschäftigen.

Patrick Ehmann und Michaela Teigelmeister von der Diakonie An Sieg und Rhein stellen im World-Café die Integrierte Sozialberatung vor. An deren Stand informierte sich auch Kirsten Schwenke (Mitte), Diakonie RWL-Vorständin.
Strukturen aufbrechen
Im "World Café" stellte deren Geschäftsführer Patrick Ehmann daher gemeinsam mit Fachbereichsleitung Michaela Teigelmeister die sogenannte Integrierte Sozialberatung als innovativen Ansatz in der Praxis vor. "Als regionaler Wohlfahrtsverband sind wir digital ausgerichtet und leben eine starke Innovationskultur", so Ehmann. Das Prinzip der Integrierten Sozialberatung sei die kollaborative Zusammenarbeit von Spezialist*innen in Echtzeit. "Wir wollen starre Beratungsstrukturen aufbrechen, um Menschen in ihren komplexen Lebenslagen passgenau zu beraten", erklärt Teigelmeister. Dafür seien teils "radikale Änderungen innerhalb der Organisation" nötig, beispielsweise in Sachen Arbeitszeitmodelle. Noch sei das neue Beratungskonzept Zukunftsmusik; im Mai startet die einjährige Planungsphase. Ehmann: "Unser Ziel ist, dass es bundesweit funktioniert."

Matthias Ruf, Vorsitzender der Geschäftsführung der Diakonie Bethanien, fragt sich, welchen Beitrag die freie Wohlfahrt vor dem Hintergrund der begrenzten finanziellen Ressourcen leisten kann.
Weitere Symposium-Teilnehmende aus der Diakonie-Familie waren beispielsweise Matthias Ruf, Vorsitzender der Geschäftsführung der Diakonie Bethanien, und Ulrike Kilp, Geschäftsführerin Diakonisches Werk Solingen. Sie verlangt von der Politik mehr Ehrlichkeit in Sachen Rechtsanspruch auf einen OGS-Platz ab 2026. "Es wäre ehrlich, schon jetzt zu kommunizieren, dass die Träger bis dahin kein Rundum-Paket liefern können. Sonst schlittern wir in die nächste Demokratiekrise."
Matthias Ruf bleibt besonders an Karl-Josef Laumanns Aussage zur finanziellen Lage in NRW hängen: "Das Geld wird in den kommenden Jahren so knapp sein, wie ich es noch nie erlebt habe – und ich lebe schon sehr lange." Dazu sagt Ruf: "Angesichts solcher Aussagen frage ich mich, was das für uns als freie Wohlfahrt bedeutet. Welchen Beitrag können wir vor dem Hintergrund der begrenzten finanziellen Ressourcen leisten? Wie können wir in Zukunft gemeinsam mit Politik und Gesellschaft den Sozialstaat weiterentwickeln und fördern?"
Auch Hartmut Krabs-Höhler blickt in seinem Schlusswort in die Zukunft: "Diese Veranstaltung ist kein Solitär. Die Freie Wohlfahrtspflege NRW hat viel zu bieten und wird sich weiter einbringen. Deshalb arbeiten wir auch künftig daran, gemeinsam mit der Politik tragfähige Lösungen für die Zukunft der sozialen Daseinsvorsorge zu entwickeln und die soziale Infrastruktur für kommende Herausforderungen zu rüsten.“
Text: Verena Bretz, Fotos: Verena Bretz/Diakonie RWL, Andreas Brockmann/Freie Wohlfahrtspflege NRW




