Aktuelles
Wohnungslosenhilfe

Mehr als eine Million wohnungslose Menschen in Deutschland

Mindestens 1.029.000 Menschen waren in Deutschland im Jahr 2024 wohnungslos: Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. hat heute ihre aktuellen Hochrechnungsergebnisse vorgestellt. Die Zahlen sind alarmierend.

Armut und soziale Notlagen
Obdachloser in Untersführung
© Diakonie Deutschland/Kathrin Harms

Die aktuelle Hochrechnung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. (BAG W) zur Zahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland umfasst die Jahre 2023 und 2024 sowie die Stichtagszahlen zum 30. Juni 2023 und 30. Juni 2024. Im Verlauf des Jahres 2024 waren demnach 1.029.000 Menschen in Deutschland wohnungslos (2023: 928.000). Rund 56.000 von ihnen lebten ganz ohne Unterkunft auf der Straße (2023: 54.000). Zum Stichtag 30. Juni 2024 waren 760.000 Menschen betroffen (2023: 681.000). Aus den Jahresgesamtzahlen ergibt sich ein Anstieg um 11 Prozent zwischen 2023 und 2024.

Auch in Nordrhein-Westfalen ist laut Sozialbericht NRW im Jahr 2024 die Zahl der Wohnungslosen mit 122.170 auf einen neuen Höchstwert gestiegen. Gegenüber 2023 bedeutet dies einen Anstieg um 13.580 Personen bzw. 12,5 Prozent. Der generelle Trend einer besorgniserregenden Zunahme der Wohnungslosigkeit hält damit sowohl landes- als auch bundesweit unvermindert an.
Circa 840.000 Personen sind ordnungsrechtlich durch Städte und Kommunen untergebracht. Ihre Zahl stieg von 2022 auf 2023 um 68 Prozent und von 2023 auf 2024 um weitere 12 Prozent. Gründe dafür sind unter anderem die anhaltende Zuwanderung nach Deutschland sowie der angespannte Wohnungsmarkt, der den steigenden Bedarf an bezahlbarem Wohnraum nicht auffangen kann. 

Zugewanderte Menschen und Familien besonders betroffen 

Laut Hochrechnung der BAG W waren im Jahr 2024 rund 765.000 der wohnungslosen Personen Erwachsene (74 Prozent), darunter 465.000 Männer (61 Prozent) und 300.000 Frauen (39 Prozent). Rund 264.000 Kinder und Jugendliche unter 18 (26 Prozent) waren wohnungslos. Sie lebten mehrheitlich zusammen mit ihren Eltern und waren institutionell untergebracht. 
820.000 (80 Prozent) der wohnungslosen Menschen besaßen 2024 keine deutsche Staatsbürgerschaft, darunter waren 55.000 Personen mit einer EU-Staatsbürgerschaft und 765.000 Personen mit einer anderen Staatsbürgerschaft (oder staatenlos).

Besonders stark gestiegen ist die Zahl der wohnungslosen Personen aus Nicht-EU-Staaten (+14 Prozent gegenüber 2023). Der Anteil der wohnungslosen Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit beträgt 209.000 Personen (20 Prozent). 40 Prozent (412.500) aller wohnungslosen Menschen lebten in Einpersonenhaushalten. 60 Prozent (616.500) lebten in Mehrpersonenhaushalten. Vor allem der Anteil wohnungsloser Menschen in Mehrpersonenhaushalten hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Dies ist vor allem auf die steigende Zahl an wohnungslosen anerkannten Geflüchteten zurückzuführen. Nicht-deutsche Personen lebten zu 68 Prozent in Mehrpersonenhaushalten, deutsche zu 27 Prozent. 
 

Heike Moerland

Heike Moerland leitet bei der Diakonie RWL das Geschäftsfeld "Berufliche und soziale Integration" und ist Mitglied im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. 

Gründe und Auslöser der Wohnungslosigkeit

Der Mangel an bezahlbarem und bedarfsgerechtem Wohnraum sowie Armut sind die zentralen Gründe für Wohnungslosigkeit in Deutschland. Der vorhandene Wohnungsbestand kann die stetig steigende Nachfrage nicht decken. Besonders problematisch ist der Rückgang der Sozialwohnungen, der durch jährlich auslaufende Bindungen und einen unzureichenden Neubau weiter anhält. Diese Wohnungen im geförderten Segment sind jedoch unabdingbar für die Versorgung von Haushalten mit niedrigem Einkommen. 

Zu den häufigsten Auslösern von Wohnungslosigkeit in Deutschland zählen laut Daten der BAG W Miet- und Energieschulden, Konflikte im Wohnumfeld, Trennung oder Scheidung und Ortswechsel. Wohnungslose Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft hatten mehrheitlich in Deutschland noch nie eine Wohnung. 

Angesichts der aktuellen wohnungs- und sozialpolitischen Entwicklungen warnt die BAG W vor einem weiteren Anstieg der Wohnungslosenzahlen: „Die Wohnungslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland hat einen Höchststand erreicht, und ein Ende ist nicht in Sicht“, sagt Susanne Hahmann, Vorsitzende der BAG W und Geschäftsführerin der Sozialen Hilfen gGmbH der Diakonie Michaelshoven. „Die Ursachen sind bekannt: zu wenig bezahlbarer Wohnraum, Armut und drohende Kürzungen im sozialen Sicherungssystem. Wenn Politik und Gesellschaft nicht entschieden gegensteuern, werden noch mehr Menschen ihr Zuhause verlieren.“

Heike Moerland, Armutsexpertin der Diakonie RWL und Mitglied im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, ergänzt: „Die Debatte um die neue Grundsicherung löst bei den Betroffenen Ängste aus. Sie haben Sorge, dass sie auf der Straße landen, obwohl sie sich an die Regeln halten.“ Und weiter: „Wir müssen damit aufhören, Menschen unter den Generalverdacht zu stellen, dass sie das Sozialsystem ausnutzen. Wohnungslosigkeit und Armut sind nicht Ausdruck eines individuellen Versagens, sondern Ergebnis struktureller Ungleichheiten. Neben bezahlbaren Wohnungen brauchen wir einen Perspektivwechsel, um den Betroffenen mit Anerkennung und Respekt zu begegnen und ihnen faire Chancen zu bieten.“

Nationaler Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit in Gefahr 

Die Bundesregierung hat sich mit dem Nationalen Aktionsplan zum Ziel gesetzt, Wohnungslosigkeit bis 2030 zu überwinden. Der Anstieg der Jahresgesamtzahl auf über eine Million wohnungslose Menschen zeigt, welche Kraftanstrengungen für die Realisierung dieses Ziels notwendig sein werden. 

Die BAG W fordert: 
•     Ausweitung des Bestands preiswerter Wohnungen und des Sozialwohnungsbaus sowie wirksame Maßnahmen zur Dämpfung der Mietpreisentwicklung
•    Verbindliche Quoten für die Wohnraumversorgung akut wohnungsloser Haushalte
•     Ausbau eines flächendeckenden Präventionsnetzes, das Menschen frühzeitig unterstützt, bevor sie ihre Wohnung verlieren
•    Keine Kürzungen im Bereich der Wohnungsnotfallhilfe, da diese Angebote essenziell für die Versorgung wohnungsloser Menschen sind 
•    Keine Verschärfung der Sanktionspraxis im Rahmen der neuen Grundsicherung, da härtere Sanktionen direkt zu Wohnungsverlust führen 
•    Weitere Verbesserung der Datenerhebung und -auswertung auf Bundesebene, um das tatsächliche Ausmaß der Wohnungslosigkeit präziser erfassen und Entwicklungen frühzeitig erkennen zu können

Mehr Solidarität 

Angesichts der alarmierenden Zahlen warnt die BAG W vor einem weiteren Anstieg der Wohnungslosigkeit. Jetzt sei die Zeit, entschlossen zu handeln und soziale Verantwortung ernst zu nehmen: „Unsere Zeit stellt uns vor bedeutsame soziale Fragen und Unsicherheiten“, sagt Susanne Hahmann, Vorsitzende der BAG W. „Mehr denn je braucht es ein klares Bekenntnis zum Sozialstaat und zum Schutz der Menschenwürde. Mit unserer Bundestagung 'Gemeinsam für Menschenwürde – Solidarität – Wohnung – Rechtsanspruch' wollen wir einen wichtigen Schritt gehen, um Solidarität sichtbar zu machen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und die alarmierenden Zahlen nicht nur als Statistik zu sehen, sondern als Anstoß zum konkreten Handeln.“ 

Text: Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohnungslosenhilfe e.V., Verena Bretz, Fotos: Kathrin Harms / Diakonie Deutschland, Andreas Endermann / Diakonie RWL

Ansprechperson

Verena Bretz
Referentin
Politik und Kommunikation
V.Bretzatdiakonie-rwl.de
Heike Moerland
Geschäftsfeldleitung
Berufliche und soziale Integration
H.Moerlandatdiakonie-rwl.de

Das ist die BAG W

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. (BAG W) ist die bundesweite Arbeitsgemeinschaft der verantwortlichen und zuständigen Sozialorganisationen im privaten und öffentlichen Bereich sowie der privaten und öffentlich-rechtlichen Träger von sozialen Diensten und Einrichtungen für Personen mit Erfahrung von Wohnungsnot.