Interview
Interview

Wie wir mit unseren Kindern die Demokratie verteidigen

Viele Familien haben das Gefühl, mit ihren Sorgen und Ideen von politischen Akteuren nicht genügend gehört und ernstgenommen zu werden. Wie Kinder, Jugendliche und Familien sich für eine lebendige Demokratie stark machen und Gesellschaft mitgestalten können, darüber hat die Autorin und Aktivistin Natascha Sagorski beim Fachtag „Wo Familien mitreden, wächst Demokratie“ gesprochen.

Autorin Natascha Sagorski
© Ben Jenak

Warum ist es so wichtig, sich innerhalb der Familie mit Politik und Demokratie zu beschäftigen?

Natascha Sagorski: Politik hat einen riesigen Einfluss auf uns, und das gilt ganz besonders für Familien. Wenn wir fast jede Woche E-Mails der Kita-Leitung bekommen, unsere Kinder wegen Personalmangels bitte früher abzuholen oder gar nicht erst zu bringen, wenn die Schultoiletten wie ein Krisengebiet aussehen oder wir in der Schwangerschaft keine Hebamme mehr finden: All das sind Probleme, die politisch gelöst werden müssen. Und die Dringlichkeit dafür werden die Politikerinnen und Politiker nur dann wahrnehmen, wenn wir sie ihnen klarmachen. Das ist einer der Gründe, warum wir uns mit Politik beschäftigen müssen. Ein weiterer ist, dass wir das Privileg haben, in einer demokratischen Gesellschaft aufgewachsen zu sein und sicherstellen wollen, dass es unseren Kindern und irgendwann einmal unseren Enkelkindern auch so gehen wird. Eine Demokratie ist immer nur so stark wie ihre Bürgerinnen und Bürger. Und in Zeiten von Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien ist unser demokratisches Engagement umso mehr gefragt.

Welche einfachen Möglichkeiten haben wir, Politik und Demokratie im Familienalltag sichtbar zu machen?

Natascha Sagorski: Ich glaube, das Wichtigste ist schon mal, dass wir die immer noch weit verbreitete Grundeinstellung "Politik ist nichts für Kinder" ablegen. Politik hat großen Einfluss auf das Leben unserer Kinder und ihnen so früh wie möglich demokratische Grundwerte zu vermitteln, ist entscheidend. Wahltage zum Beispiel sind besondere Tage und diese können wir auch in der Familie als solche zelebrieren. Kinder mit ins Wahllokal nehmen, gemeinsam mit Freunden und Familie eine Art privates Public Viewing organisieren und den Kindern vermitteln, dass heute etwas sehr Wichtiges und Aufregendes passiert. Größere Kinder können wir, auch wenn sie selbst noch nicht wählen dürfen, fragen, was sie denn wählen würden, wenn sie könnten. Gemeinsam Wahlprogramme in leichter Sprache lesen, sie an Infoständen Fragen stellen lassen und sie anhand der Entscheidungsfindung von Alltäglichem in der Familie das Prinzip Demokratie erleben lassen. Egal ob Familienrat, Demokratiespiel oder gemeinsame Mediennutzung: In meinem Buch habe ich viele Tipps gesammelt, aus denen jede Familie sich die rausziehen kann, die für sie individuell am besten passen. 

Cover Natascha Sagorski Wie wir mit unseren Kindern die Demokratie verteidigen

Natascha Sagorski, Autorin und PR-Beraterin, gilt als prominente Stimme für die Verteidigung der Rechte von Familien, u.a. für einen Gestaffelten Mutterschutz nach Fehlgeburten. Für ihren Mut zur Veränderung wurde sie vom Institut der Süddeutschen Zeitung und den Wirtschaftsjunioren ausgezeichnet. Mit ihrer Familie lebt sie bei München.

Ihr Buch mit dem Titel "Wie wir mit unseren Kindern die Demokratie verteidigen. Politisches Empowerment für Familien" ist in der Verlagsgruppe Beltz erschienen. Darin
• Impulse für politische Aktivitäten, die Kindern von drei bis 15 Jahren und Eltern Spaß machen
• Realistische Alltagstipps für bewusstes Demokratieverständnis bei Kindern
• Medien-, Spiel- und Kommunikationstipps für Familie, Kindergruppen und Schule
• Gespräche und Interviews mit Aktivist*innen und Politiker*innen

Wie spreche ich mit meinem Kind über rechtsextreme Parteien?

Natascha Sagorski: Erstmal ist es etwas sehr Individuelles, wie wir mit unseren Kindern solche Themen besprechen, denn jedes Kind ist anders und jedes Elternteil auch. Als unser vierjähriger Sohn uns gefragt hat, warum wir traurig und entsetzt waren, als bei den Landtagswahlen im Herbst 2024 der blaue Balken so hoch war, haben wir versucht, ihm unsere Gefühle zu erklären. Er hat viele Freunde und Freundinnen mit Migrationshintergrund, genau wie wir. Wir haben ihm erklärt, dass wir nicht möchten, dass diese Freunde wieder wegziehen müssen, sondern dass wir es schön finden, dass wir gemeinsam hier leben können. Dass es aber eben Parteien gibt, die das nicht gut finden. Gleichzeitig haben wir versucht, ihm Angst zu nehmen, bevor eine aufkommen kann, und klargemacht, dass auch ein hoher Balken nicht bedeutet, dass seine Freunde jetzt weggehen müssen. Dass wir uns aber anstrengen müssen, damit das so bleibt. Das ist ein Beispiel wie wir mit diesem sensiblen Thema konkret umgehen. Generell stärken wir unsere Kinder am besten gegen rechtsextremes Gedankengut, indem wir ihnen demokratische Werte vorleben und in den Alltag integrieren.

Was sollten wir Jugendlichen unbedingt zu Politik auf Social Media mitgeben?

Natascha Sagorski: Politik ist von Social Media nicht mehr wegzudenken und Social Media selbst auch nicht. Das bedeutet, dass wir unsere Kinder fit machen müssen für eine Umgebung voller alternativer Fakten (also Lügen), Propaganda und verkürzten Halbwahrheiten. Sicher ist: Sie werden damit konfrontiert werden, es ist nur eine Frage der Zeit. Deswegen habe ich versucht, eine Art Sonnencreme für Social Media zu entwickeln. Wir setzen unsere Kinder ja auch in gewissem Maß der Sonne aus, cremen sie aber vorher ein, um sie vor den Nebenwirkungen zu schützen. Ich glaube, so ähnlich müssen wir es auch mit den sozialen Medien machen, nur dass dieser Schutz nicht aus der Tube kommt, sondern aus verschiedenen Maßnahmen besteht, die wir treffen können.

Wer sollte dein Buch lesen?

Natascha Sagorski: Menschen, denen unsere Demokratie am Herzen liegt und die möchten, dass auch die kommenden Generationen in einem demokratischen Staat aufwachsen können. 

Menschen, die aktuell von Politik frustriert sind, sich alleine gelassen fühlen und etwas dafür tun möchten, dass sich dies ändert. 

Menschen, die das Erstarken von rechtsextremen Kräften nicht einfach achselzuckend hinnehmen, sondern sich für eine lebendige Demokratie stark machen. 

Eltern, Großeltern, Patentanten und Onkel, Geschwister, Freunde und alle, die sich dafür einsetzen möchten, dass die Welt von morgen keine schlechtere sein wird, als die Welt von heute. 

Familien, die das Gefühl haben, dass sie von politischen Akteuren zu wenig ernst und wichtig genommen werden und die echte Änderungen, keine reinen Versprechen, mehr erleben wollen und Lust haben, sich für diese Veränderungen einzusetzen. Auch wenn sie im Familienstress eigentlich keine Zeit dafür haben – hier finden sie Tipps, wie jede und jeder von uns im Alltag einen Unterschied machen kann. 

Dieses Interview wurde uns freundlicherweise mit Genehmigung der Verlagsgruppe Beltz zur Verfügung gestellt.

Text: Tanja Wendenius, Verlagsgruppe Beltz , Fotos: Ben Jenak

Ansprechperson

Verena Bretz
Referentin
Politik und Kommunikation
V.Bretzatdiakonie-rwl.de