Interview

Für Menschen da sein - dann bleiben wir relevant

Sie hat die Fusion des Landesverbandes mitgestaltet, war die Beauftragte für Sozialpolitik in der Diakonie RWL und hat in den vergangenen Jahren die Aufarbeitung und Anerkennung von sexualisierter Gewalt in Kirche und Diakonie maßgeblich vorangebracht. Mitglied der EKiR-Kirchenleitung ist Helga Siemens-Weibring auch noch. 13 Jahre bei der Diakonie – Zeit für eine Bilanz.

Helga Siemens-Weibring im Gespräch mit Franz Werfel

Helga Siemens-Weibring im Gespräch mit Franz Werfel, Leitung Stabsstelle Politik und Kommunikation.

Liebe Helga, nach einem langen und erfolgreichen Berufsleben, zuletzt 13 Jahren bei der Diakonie RWL, gehst du nun in den Ruhestand. An welche Erlebnisse und Erfolge denkst du gern zurück?

Helga Siemens-Weibring: An viele. Es fing damit an, dass das Team im Fachbereich Familie, Bildung, Erziehung (Fabe) in Münster, das ich von Maria Loheide übernahm, ziemlich groß war. Das hat mich super aufgenommen – obwohl ich als Rheinländerin nach Westfalen kam. 

Du warst viele Jahre Vorsitzende des Arbeitsausschusses Familie, Jugend und Frauen der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in NRW (LAG FW NRW). Was habt ihr in der Zeit erreicht? 

Helga Siemens-Weibring: Das Zusammenspiel mit der Politik hat damals besser funktioniert als heute. Ein Erfolg war zum Beispiel, dass wir die Familienerholungsmaßnahmen gemeinsam mit der CDU durchgesetzt haben – diese wurden nun leider im neuen NRW-Haushalt wieder eingekürzt. Der Ausschuss war auch für die Kitas zuständig, das war immer ein ziemlich gutes Miteinander mit den Parteien – allerdings muss ich dazu sagen, dass vor 2022 auch die finanzielle Lage des Landes nicht so schlecht war wie heute. Dennoch halte ich es für fatal, bei der Bildung zu sparen.

Helga Siemens-Weibring

Eine stetige Herausforderung für die LAG ist es, sechs Verbände unter einen Hut zu bekommen. Wie vermeidet man es, dass bei Kompromissen immer nur der kleinste gemeinsame Nenner herauskommt?

Helga Siemens-Weibring: Ich habe es immer als große Stärke gesehen, dass wir die unterschiedlichen Interessen, die die einzelnen Verbände haben, zuerst untereinander geklärt haben, bevor wir an die Politik herangetreten sind. Wir brauchen in der LAG FW eine sehr klare Strategie – auch zu schnelleren Abstimmungs- und Entscheidungsprozessen. 

Du bist in der Diakonie RWL auch die Beauftragte für Sozialpolitik. Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen aktuell die Wohlfahrt allgemein und die Diakonie im Speziellen?

Helga Siemens-Weibring: Die politische Großwetterlage hat sich verändert. Als ich zur Diakonie kam, hatte ich immer das Gefühl: Politik und Wohlfahrt sind Partner. Gemeinsam wollen wir soziale Ungerechtigkeiten, die es in unserer Gesellschaft gibt, verkleinern. Das hat sich verändert. Es gibt weniger Bewusstsein dafür, wie essenziell ein gelingendes soziales Miteinander für den Zusammenhalt und die Demokratie an sich ist.

Hast du dafür ein Beispiel?

Helga Siemens-Weibring: Unerträglich finde ich, wie manche Parteien über geflüchtete Menschen sprechen und sie mit Worten abwerten. Wir kamen von Merkels "Wir schaffen das" und sind schon seit Längerem bei "Wir müssen mehr abschieben". Das ist eine komplette Umkehr innerhalb weniger Jahre.

Und zum Thema Grenzen: Ich bin nahe der holländischen Grenze aufgewachsen und kann mich noch gut an Grenzkontrollen erinnern. Wenn ich vor 40 Jahren nach Berlin fahren wollte, musste ich sogar zwei Grenzen überqueren. Ich weiß also noch, was es heißt, in keinem geeinten Europa zu leben. Ich halte internationale Zusammenarbeit für eine große Errungenschaft. Aber nun, da wir diese Grenzen zwischen vielen Ländern nicht mehr haben, fangen wir an, Grenzen innerhalb unseres Landes wieder aufzubauen: zwischen Arm und Reich, zwischen Jung und Alt, zwischen geboren in Deutschland und ausländischer Herkunft. Das finde ich gefährlich.

Ein Schwerpunkt deiner Arbeit ist seit zehn Jahren die Aufarbeitung und Prävention von sexualisierter Gewalt in Kirche und Diakonie. In den vergangenen Jahren hast du bei der Diakonie RWL die Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung (FUVSS) aufgebaut und geleitet. Wie blickst du nun am Ende deines Berufslebens auf dieses Thema?

Helga Siemens-Weibring: Durch die Aufarbeitung der Heimkinder-Zeit in Kirche und Diakonie waren wir der erste Landesverband, der eine eigene Fachstelle aufgelegt hat. Das war und bleibt eine schwierige, herausfordernde Arbeit. Ich denke, es ist mir gut gelungen, einen tragfähigen Kontakt zu den Menschen herzustellen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. 

Was mich freut: Durch die ForuM-Studie, die vor einem Jahr veröffentlicht wurde, ist es gelungen, dieses so bedrückende Thema aus der Schmuddelecke herauszuholen. So wird nun endlich deutschlandweit das große Leid, das die Betroffenen erlitten haben, auch öffentlich anerkannt.

Helga Siemens-Weibring

"Sexualisierte Gewalt ist ein schweres Thema, das niemand wahrhaben möchte und das niemand gern anpackt", sagt Helga Siemens-Weibring.

Wie erklärst du dir die Beharrungskräfte in Kirche und Diakonie??

Helga Siemens-Weibring: Sexualisierte Gewalt ist ein schweres Thema, das niemand wahrhaben möchte und das niemand gern anpackt. In der evangelischen Kirche haben tatsächlich viele lange Zeit gedacht: Das kommt bei uns nicht vor, diese Probleme haben nur die Katholiken mit ihrem Zölibat. Was für ein Fehlschluss! Uns in der Diakonie RWL war, eben wegen der Aufarbeitung der Heimkinderzeit, schon lange klar, dass das auch bei uns ein großes Thema ist. Die evangelische Kirche ist manchmal in der Gefahr, moralisierend unterwegs zu sein. Dieses Selbstverständnis hat einen Knacks bekommen, wenn man sich eingestehen muss: Wir sind auch nicht besser als die anderen.

Wo stehen Kirche und Diakonie heute in diesem Prozess von Aufarbeitung einerseits und Prävention andererseits?

Helga Siemens-Weibring: Da macht mir sehr Vieles Mut. Wir schaffen deutschlandweit klare und verbindliche Anerkennungsrichtlinien und auch unsere Mitglieder verstehen zunehmend, warum verpflichtende Schutzkonzepte wichtig sind. Wir sind miteinander endlich auf dem richtigen Weg.

Diakonie gilt als Lebens- und Wesensäußerung der Evangelischen Kirche. Wo erlebst du, dass das zusammengehört?

Helga Siemens-Weibring: In der Bibel gehört das klar zusammen. Zum Beispiel im Jakobusbrief: „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein“, oder in der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Kirche bedeutet nicht nur, sonntags auf der Kanzel zu predigen. Sondern sie bedeutet auch, unter der Woche, an jedem Tag, unterwegs sein und in tätiger Nächstenliebe Gutes tun. Und das passiert auch vielfach in der Diakonie.

Was muss Kirche tun, um relevant zu bleiben?

Helga Siemens-Weibring: Kirche bleibt dann relevant, wenn sie sich nicht als Struktur sieht, sondern als Institution, die für die Menschen da ist. Menschen suchen Heimat. Wenn ich mir Zeit nehme für die Menschen, dann vertrauen sie sich mir an. Wenn wir es schaffen, Menschen anzurühren, dann ist Kirche relevant. Und deshalb ist auch Diakonie so relevant. Denn Diakonie berührt Menschen an sensiblen, existenziellen Stellen. Wortwörtlich – und im übertragenen Sinne. Und überall dort, wo Kirche und Diakonie berühren und das auch zulassen – da bleiben beide relevant.

Ist die Diakonie RWL für die aktuellen Herausforderungen aus deiner Sicht gut aufgestellt?

Helga Siemens-Weibring:  Wir haben richtig tolle Kolleginnen und Kollegen bei der Diakonie. Das ist auch eine Rückmeldung, die wir oft hören. Menschen, die super gut beraten und unterstützen können. Ich wünsche mir, dass allen immer bewusst ist, dass wir Diakonie sind. Die Diakonie ist stark durch die Menschen, die hier arbeiten. Mir ist wichtig, dass wir uns das miteinander immer bewusst machen und aneinander schätzen.

Zum Abschluss noch zwei private Fragen. Erstens: Was wirst du im Ruhestand nicht vermissen?

Helga Siemens-Weibring:  Mein Diensthandy. Das gebe ich ab.

Zweitens: Worauf freust du dich im Ruhestand besonders?

Helga Siemens-Weibring:  Ich wache immer sehr früh auf, vor sechs Uhr, auch im Urlaub. Da kann ich nichts gegen machen. Aber im Urlaub bleibe ich dann liegen, trinke meinen ersten Kaffee oder lese die Zeitung oder ein Buch im Bett. Das möchte ich im Ruhestand öfter machen. Und das Beste daran ist: Mein Mann ist noch im Dienst, der muss ja raus.

Die Fragen stellte Franz Werfel, Fotos: Diakonie RWL/Verena Bretz

Ansprechperson

Franz Werfel
Stabsstellenleitung
Politik und Kommunikation
F.Werfelatdiakonie-rwl.de