Kollekten machen Hühner glücklich
Horst Sonnen macht jeden Morgen noch vor dem Frühstück einen kleinen Spaziergang über den nahen Feldweg. Wenn der 86-Jährige zurückkehrt, dann hat er einen Beutel Löwenzahn dabei. Frisch gesammelt. Mit der Ausbeute macht er sich dann auf den Weg zu Bruno und den Hühnern, die ihn schon erwarten. „Die Tiere kommen angerannt, wenn ich um die Ecke biege“, erzählt Horst Sonnen. Dann verschenkt er den Löwenzahn an die Tiere und nimmt selbst Platz auf einer der Bänke neben dem großen Hühnerstall.
„Ich kann ihnen ewig zusehen“, sagt Horst Sonnen und erzählt von seiner Kindheit mit vielen Tieren. „Die Hühner haben den Frauen immer die Nylonstrümpfe kaputt gemacht." Auch heute noch bringen die Hühner Horst Sonnen zum Lachen. „Und wenn man Hahn Bruno zuschaut, dann lernt man viel über Fürsorge und Beschützerinstinkt“, sagt er und deutet auf den stolzen Hahn und Henne Hilde.

Pflegedienstleiterin Manuela Kaulich (l.) und Renate Patalas (r.), Leiterin des Sozialen Dienstes in der Pflegeeinrichtung der Grafschafter Diakonie in Moers. Beide sind mittlerweile echte Hühner-Expertinnen.
Beliebter Ort
Renate Patalas hat die beiden als Küken auf der Straße entdeckt, gerettet und ihnen schließlich ein Zuhause in der Pflegeeinrichtung der Grafschafter Diakonie in Moers geschenkt. Insgesamt zehn Hühner leben hier heute – und sorgen nicht nur bei Horst Sonnen für frohe Momente und schöne Erinnerungen. „Die Bänke vor dem Hühnerstall gehören zu den beliebtesten Orten hier bei uns“, erzählt Renate Patalas, Leiterin des Sozialen Dienstes.
Als die Hühner auf der rund zehn Quadratmeter großen Fläche im Park der Einrichtung einzogen, da nahmen von Tag zu Tag mehr Bewohner*innen vor dem Zaun Platz. „Sie holten sich die Gartenstühle von der Terrasse, und es entstand eine lange Stuhlreihe“, erzählt Renate Patalas, „jeder wollte die Hühner beobachten."
Die Begeisterung ist geblieben. Inzwischen stehen am Hühnerstall stabile Holzbänke. Die Plätze sind bei gutem Wetter meistens besetzt. „Und oben in den Zimmerfenstern sehen wir häufig Bewohner*innen, die das Leben im Hühnerstall von Logenplätzen aus beobachten und sich gegenseitig neue Entwicklungen zurufen“, berichtet die Leiterin des Sozialen Dienstes.

Um die Hühner vor Greifvögeln zu schützen, wurden bunte Wimpel über die Lauffläche vorm Hühnerhaus gespannt.
Mit Kollekten finanziert
Das schöne Zuhause für die Hühner haben sie den Kollektenmitteln zu verdanken, die für diakonische Zwecke gesammelt und vom Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe im Auftrag der Landeskirchenämter verwaltet werden. „Wir sind wirklich dankbar für diese Unterstützung“, sagt Renate Patalas. Denn die Hühnerhaltung in der Pflegeeinrichtung bringt auch Herausforderungen mit sich: Um Ratten fern zu halten, wurde eine Bodenplatte gegossen. Um den Greifvögeln keine leichte Beute zu ermöglichen, wurden bunte Wimpel über die Lauffläche gespannt. Auch die Kastanie hilft, die Tiere zu schützen. Steingarten und Sandbad sorgen für eine artgerechte Tierhaltung. „Vor allem ermöglicht uns aber das schöne Hühnerhaus, die Tiere auch drinnen zu halten“, erklärt Renate Patalas. Das wird vor allem dann zwingend notwendig, wenn in der Region Vogelgrippe-Fälle bekannt werden. „Dann müssen die Tiere in den Hühnerstall“, betont die Leiterin des Sozialen Dienstes. Sie ist inzwischen zur Hühnerexpertin des Hauses geworden. „Wir haben uns viel angelesen“, erzählt sie. Aber auch der heimische Hühner- und Geflügelzuchtverein hilft, wenn es nötig wird. „Vor allem bei den Impfmitteln“, erzählt Renate Patalas.
Was die Finanzierung der nötigen Mittel und des Futters angeht, sorgen die Hühner übrigens für sich selber: „Wir dürfen die Eier der Hühner bei uns im Haus wegen der Lebensmittelregeln nicht verwenden“, erklärt Renate Patalas. Aber jeden Tag können Mitarbeitende die Eier kaufen. Das Geld landet in der Hühner-Sammelbox und ermöglicht den Kauf von Körnern, getrockneten Mehlwürmern, Soldatenfliegenlarven und Impfmitteln.

Edeltraud Lehmann und Horst Sonnen beobachten auf ihrer Bank gemeinsam die Vögel.
Reise in die Vergangenheit
Inzwischen hat auch Edeltraud Lehmann auf der Bank vor dem Hühnerstall Platz genommen. Die 89-Jährige liebt den Besuch bei den Hühnern. „Die Tiere erfreuen einfach die Seele. Es ist so ein lebendiger Ort“, sagt sie. Edeltraud Lehmann spürt, wie sie beim Beobachten der Tiere ganz ruhig wird. „Die Tiere bauen einen auf“, sagt sie.
Und diese Erfahrung macht auch das Team bei der Grafschafter Diakonie. „Die Hühner suchen den Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohnern“, sagt Pflegedienstleiterin Manuela Kaulich. Diese Interaktion sei ganz wertvoll. „Die Menschen fühlen sich wahrgenommen. Und viele von ihnen bringen Leckereien mit, die die Hühner fressen dürfen“, ergänzt sie. Und so vermitteln die Tiere den Bewohner*innen noch ein wertvolles Signal: „Du wirst hier gebraucht.“
Dazu kommt, dass die Tiere bei rund 80 Prozent der Bewohner*innen an deren Vergangenheit anknüpfen: „Viele kennen Hühner aus ihrer eigenen Kindheit“, sagt Renate Patalas. Und gerade demenziell erkrankte Personen würden in der Begegnung mit den Hühnern an positive Erlebnisse der Vergangenheit anknüpfen können. Übrigens schauen nicht nur die Bewohner*innen regelmäßig bei Bruno, Hilde und den anderen Hühnern vorbei. „Auch die Gäste im Haus kommen bei den Tieren vorbei“, erzählt Renate Patalas, „und wenn wir Interessierte durchs Haus führen, gehen wir am Ende auch zu den Hühnern."
Edeltraud Lehmann und Horst Sonnen beobachten inzwischen auf ihrer Bank gemeinsam die Tiere. Sie lachen mit Bruno, freuen sich über die Eleganz der Seidenhühner und quittieren den regelmäßigen Besuch der Tiere vorne am Zaun mit einem frohen Lachen. Dann verabschieden sie sich. Bis morgen – dann bringt Horst Sonnen frischen Löwenzahn zum Hühnerstall.
Text und Fotos: Theresa Demski
Ansprechperson
Kurztext
Die Kollekte wird oft für diakonische Zwecke gesammelt. Von den Bahnhofsmissionen über die Hospizarbeit und Frauenhäuser bis hin zur diakonischen Jugendhilfe, mit Kollektenmitteln können Projekte ermöglicht werden, die nicht Teil der Regelfinanzierung sind. Die Diakonie RWL verwaltet im Auftrag der Landeskirchenämter Kollektenmittel für diakonische Zwecke. Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen können den Zwecken entsprechend Anträge stellen.






