30. Oktober 2019

Wohnungslose Frauen

Studie überprüft Hilfsangebote

Die Statistik ist eindeutig: Die Zahl wohnungsloser Frauen nimmt zu. Allein in Nordrhein-Westfalen sind Ende 2018 rund 10.000 Frauen wohnungslos gewesen. Das waren 30 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Wie können die Hilfen wirksamer gestaltet werden? Das hat der Sozialwissenschaftler Kai Hauprich erforscht. Im Gespräch erläutert er sein Vorgehen und gibt Hinweise für wirksame Hilfen.

"Wohnungslose Frauen wissen selber, was gut für sie ist", sagt Kai Hauprich. Der 30-jährige Experte, der an der Hochschule Düsseldorf im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften forscht und lehrt, hat die Betroffenen gefragt. Die Ergebnisse sind in einer großen Studie veröffentlicht, Titel: "Hilfen für wohnungslose Frauen. Eine empirische Untersuchung zu den frauenspezifischen Angeboten der Wohnungslosenhilfe der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe".

Stefanie Volkenandt von der Diakonie Düsseldorf. Sie leitet die "Icklack", ein Hilfsangebot für wohnungslose Frauen. (Foto: Sabine Damaschke)

Passen die Hilfen noch?

Am Anfang stand die selbstkritische Nachfrage der Frauenfachkonferenz im Evangelischen Fachverband Wohnungslosenhilfe: Passen unsere Angebote für wohnungslose Frauen noch? Reichen die Standards aus, die vor etlichen Jahren in einer Fachbroschüre beschrieben wurden? Hieraus erwuchs der Auftrag an Kai Hauprich, zu erforschen, wie die diakonischen Hilfen so gestaltet werden können, dass gerade auch die größer werdende Gruppe wohnungsloser Frauen "passgenaue" Angebote und Hilfen erhält.

Die Studie

Sozialforscher Kai Hauprich beschritt einen zweifachen Weg: Zunächst befragte er die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der diakonischen Wohnungslosenhilfe im Verbandsgebiet der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Dann wandte er sich an die wohnungslosen Frauen selber. Es mag erstaunen: Hauprich tappte nicht in ein Dunkelfeld, wie es empirischer Sozialforschung oft passiert – die Rücklaufquote bei den Fragebögen war erfreulich hoch. So entstand ein plausibler Fundus an Antworten von hoher Aussagekraft.

Aufenthaltsraum in der "Icklack" (Foto: Diakonie Düsseldorf)

Spezifische Angebote

"Frauen brauchen frauenspezifische Angebote." Das ist ein zentraler Befund. Aber, so Hauprich, Ergebnis seiner Forschungen ist auch, dass die Gruppe wohnungsloser Frauen, die unter Gewalterfahrungen leidet, nicht alleiniger Orientierungspunkt für diakonische, frauenspezifische Hilfen sein sollte. Die Problemlagen wohnungsloser Frauen sind komplex und verwoben. Das Hilfesystem sollte daher darauf achten, den Blick nicht allein auf das Thema Gewalt einzuengen, sondern darauf, ausreichend differenzierte Angebote vorhalten zu können.  Frauen, die Gewalt erlitten haben, brauchen aber tatsächlich, wie sie in der Befragung deutlich zum Ausdruck bringen, Frauen als Beraterinnen und eigene Schutz- und Rückzugsräume. Nötig sind vor allem mehr Notunterkünfte ausschließlich für Frauen.   

Reflexion ist notwendig

Kai Hauprich weiß sehr zu würdigen, dass er in völliger Freiheit fragen, forschen und hinterfragen konnte. Hauptamtliche, darauf insistiert er, müssen sich in ihrer Arbeit durch ein hohes Reflexionsniveau auszeichnen. Die eigenen Angebote kritisch zu hinterfragen und am Bedarf der Nutzerinnen auszurichten, ist Teil der professionellen Handlungskompetenz moderner Sozialarbeit. Von Praktikern, die vor 30 Jahren zum letzten Mal in ein Fachbuch geschaut haben, hält er nicht viel, da moderne Sozialarbeit als angewandte Wissenschaft vom stetigen Austausch von Theorie und Praxis lebt.

Bis Frauen nicht nur wohnungslos, sondern sogar obdachlos werden, ist es meist ein langer Weg. (Foto: pixabay.de)

Nutzerinnenforschung

"Nutzerforschung", hier genauer gesagt "Nutzerinnenforschung", ist sein zentraler wissenschaftlich-methodischer Ansatz. Dabei sind die Nutzerinnen und Nutzer sozialer Dienstleistungen nicht passive Empfängerinnen und Empfänger von Hilfe, sondern "Koproduzenten" der sozialen Arbeit. Wohnungslose Frauen gestalten die Angebote, Dienste und Häuser mit – manchmal auch durch "Umnutzung". Denn die Nutzerinnen können verstanden werden als aktive Wesen, die selbst entscheiden, welche Hilfen sie in Anspruch nehmen und welche nicht. Sie orientieren sich dabei stets am erlebten "Gebrauchswert" der Angebote. Womöglich werden die Fachkräfte der Sozialen Arbeit dadurch ein Stück weit entmachtet, aber die Wohnungslosen werden im Gegenzug "ermächtigt", durchaus im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe, ihre eigenen Interessen an der Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse zur Geltung zu bringen.

Ergebnisse und Erkenntnisse

Insgesamt sieht Sozialexperte Hauprich die Wohnungslosenhilfe der Diakonie in Rheinland, Westfalen und Lippe auf einem guten Weg. Es gibt, so seine durch die Studie gestützte Wahrnehmung, gute, ansprechend ausgestattete Beratungsstellen und Häuser, einige Vorzeigeprojekte und viele gute Ideen. Öffnungszeiten müssten jedoch verlängert werden und auch die Unterversorgung in ländlichen Regionen mache den Wohnungslosen, hier besonders auch den wohnungslosen Frauen, das Leben und den Zugang zu Hilfen schwer.

Allerdings, darauf weist Kai Hauprich energisch hin, ist Wohnungslosigkeit primär eine Folge von Armut und das strukturelle Problem Armut und Ausgrenzung müsse immer auch strukturell-sozialpolitisch angegangen werden. Seine Untersuchung zeigt erneut, dass Wohnungslosigkeit immer auch als Ausdruck verfehlter Sozialpolitik gelesen werden kann, so der Forscher.

Wohnungslosigkeit nimmt bundesweit zu. (Foto: LAG FW NRW)

Angsträume

Jüngst hat sich der Sozialarbeitswissenschaftler gemeinsam mit einem Kollegen einem Thema zugewandt, das für die Lebenswelt wohnungsloser Menschen von großer Bedeutung ist, aber in der Forschung bisher wenig Aufmerksamkeit erfahren hat. Die beiden Forscher haben die Angsträume von Wohnungslosen untersucht. Beim Anblick von Gruppen wohnungsloser Menschen in der City befällt den braven Bürger oft ein unbehagliches Gefühl und mancherorts ergreifen Kommunen ordnungsrechtliche Maßnahmen, um die Szene systematisch zu vertreiben.

Davon hält Kai Hauprich nicht viel. Für ihn ist dies eher ein Ausdruck kommunalpolitscher Hilflosigkeit im Umgang mit tiefergehenden sozialen Problemen. "Von Armut betroffene Menschen mit Ordnungs- und Sicherheitskräften oder auch durch die Anwendung vertreibender Architektur aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, weil sich Teile der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft subjektiv gestört fühlen, ist absolut undemokratisch. Dieser Trend ist höchst besorgniserregend", so Hauprich.

Die Stadt als Ort der Duldung

Die Stadt, so fordert er, solle ein "Ort der Duldung" sein, so sein pragmatisches Plädoyer. Man könne schließlich nicht da hinziehen, wo das Leben tobt, und erwarten, in einer ländlichen Idylle zu wohnen. Vor allem aber müsse man zur Kenntnis nehmen, dass Menschen, die das ganze Jahr lang tagsüber und nachts im Freien leben, ganz anderen Ängsten ausgesetzt sind. Dazu zählten etwa die Angst verbal attackiert, überfallen, bestohlen oder sogar körperlich angegriffen und verletzt zu werden. Der Staat und die Stadtgesellschaft haben hier, so der Forscher, eine besondere Schutzpflicht, da insbesondere Obdachlose aufgrund ihrer Lebensumstände besonders gefährdet und verletzbar sind.

Wohnungslose Frauen im Landtag

Am 30. Oktober war die Situation wohnungsloser Frauen Thema einer Ausschuss-Anhörung im Landtag Nordrhein-Westfalen. Die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN bringt im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales ihren Antrag "Wohnungslosigkeit von Frauen entgegen wirken – Hilfeangebote flächendeckend ausbauen – Ursachen beseitigen" ein. Eine wesentliche Forderung lautet hier, "das Landesprogramm Hilfe für Wohnungslose so weiterzuentwickeln und auszurichten, dass der flächendeckende Ausbau der Hilfe- und Unterstützungsangebote ein(en) Schwerpunkt darstellt". Kai Hauprich freut sich über diese Initiative.

"Wenn man Wohnungslosigkeit auch als Ausdruck struktureller Schieflagen versteht", so Hauprich, "muss eine Aufgabe angewandter Sozialwissenschaft und Sozialarbeit folgerichtig auch sein, persönliche Problemlagen zu öffentlichen Angelegenheiten zu machen."  Man könnte im Sinne der Nutzerinnen-Forschung vielleicht auch so formulieren: Wenn die Anliegen wohnungsloser Frauen vom Rand der Gesellschaft ins Zentrum des politischen Diskurses kommen, könnte hier zum Wohl benachteiligter Menschen eine konstruktive Koproduktion von Betroffenen, Hilfesystem, Forschung und Politik entstehen.

Text: Reinhard van Spankeren

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Reinhard van Spankeren

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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