22. Dezember 2016

Feiern im Frauenhaus

Weihnachten ohne Gewalt erleben

Seit 17 Jahren arbeitet Andrea Becker im Evangelischen Frauenhaus Datteln. Dort gibt es zwölf Plätze für Frauen, die physische und psychische Gewalt in ihren Partnerschaften und Familien erlebt haben. Viele bringen auch Kinder mit ins Frauenhaus. Die 46-jährige Sozialpädagogin und ihr Team geben sich viel Mühe, mit ihnen ein Weihnachtsfest ohne Anspannung und Aggression zu feiern. 

Portraitfoto

Macht sich gerne schick fürs das Fest mit den Frauen: Andrea Becker 

Bei uns im Haus wird nicht an Heiligabend groß gefeiert, sondern zwei Tage vorher. Der Grund dafür ist einfach: Im Frauenhaus gibt es keine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Wir sind drei hauptamtliche Mitarbeiterinnen, die dort ganz normale Bürozeiten haben. Die Frauen versorgen sich in unserem Haus selbst. Sie putzen ihre Zimmer, kaufen ein und kochen selbst.

Allerdings haben wir eine Rufbereitschaft, an der sich auch sieben ehrenamtliche Mitarbeiterinnen beteiligen – für den Fall, dass tatsächlich abends oder in der Nacht eine Frau aufgenommen werden muss. Diese Rufbereitschaft gibt es natürlich auch an Heiligabend.

In den vergangenen Jahren habe ich schon häufiger Rufbereitschaft gehabt und selten erlebt, dass ich tatsächlich meine eigene Feier verlassen musste, um eine Frau und ihre Kinder im Frauenhaus aufzunehmen. An Heiligabend reißen sich die Familien meistens zusammen, weil das Fest einigermaßen harmonisch sein soll. Die Spannung und der Stress entladen sich eher in den Tagen danach. Da melden sich die Frauen dann bei uns oder die Polizei setzt sich mit uns in Verbindung, nachdem sie gegen den gewalttätigen Partner oder Vater einer erwachsenen Tochter einschreiten musste und nun einen sicheren Platz für die betroffene Frau und ihre Kinder sucht.

Mitarbeiterinnen kochen fürs Fest

Die Frauen, die größtenteils zwischen 20 und 50 Jahre alt sind, leben für eine Übergangszeit von durchschnittlich drei Monaten bei uns. Wir helfen ihnen bei der Beantragung von staatlicher Hilfe und Unterhalt, bei der Wohnungssuche, beim Mietvertrag und Einrichten der Wohnung. 

Andrea Becker sitzt am Schreibtisch mit zwei Frauen

Andrea Becker (links) hilft den Frauen, sich ein eigenes Leben aufzubauen

Es ist immer viel mit den Behörden zu regeln, wenn sich eine Frau mit ihren Kindern ein neues Leben aufbauen möchte. Hinzu kommen natürlich auch Gespräche über die Gewalterfahrungen. In unserem Haus befinden sich sechs Zimmer, in denen die Frauen gemeinsam mit ihren Kindern wohnen können. Derzeit sind sie von sieben Frauen und sieben Kindern belegt. 

Weihnachten ist für alle ein besonderes Fest. Die Kinder haben Wunschzettel geschrieben und wir bemühen uns, ihnen mit der Erfüllung eines lang gehegten Wunsches eine Freude zu machen. Das ist möglich, weil sich zwei Spenderinnen darum jedes Jahr sehr liebevoll kümmern. Auch die Frauen erhalten von uns ein kleines Geschenk. An unserer Weihnachtsfeier kochen wir Mitarbeiterinnen für sie. Als eine Form des Dankeschöns und der Würdigung, denn häufig kochen die Frauen für uns. Gerade die Bewohnerinnen mit Migrationshintergrund tun dies regelmäßig. Die Hälfte der Frauen, die zu uns kommen, haben ausländische Wurzeln. Im vergangenen Jahr waren es sogar 70 Prozent.

Festliche Stimmung mit Würfelritual

Für unser Weihnachtsfest ziehen wir uns alle schick an und nehmen uns viel Zeit für das Essen, Gespräche, Lieder und Spiele. Es ist immer eine sehr festliche Stimmung, die alle genießen. Zu unserem Ritual gehört auch, dass wir das Auspacken der Geschenke mit einem Würfelspiel verbinden. Erst, wenn eine sechs gewürfelt wurde, darf eine Person ihr Geschenk auspacken. So können sich alle mitfreuen. Ich werde nie vergessen, wie glücklich ein Mädchen über ihr Prinzessinnenkostüm war. Sie ist vor Freude herumgehüpft.

Ein 16-jähriger Junge, der sich eine Cap von einem ganz bestimmten Rapper gewünscht hatte, hat vor Freude geweint, als er sie auspackte. Es ist einfach schön, das mitzuerleben – nach all dem Schweren, das die Frauen und Kinder hinter sich haben.

Auf unsere Weihnachtsfeiern sprechen uns die Frauen auch noch an, wenn sie unsere Einrichtung längst verlassen haben und sich einfach noch mal bei uns melden. Für viele war es zum ersten Mal seit vielen Jahren ein entspanntes und glückliches Fest.

Protokoll: Sabine Damaschke

Fotos: Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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