5. Januar 2023

Ukraine-Geflüchtete

Sticken gegen Heimweh

Im Haus Ebenezer in Bielefeld-Bethel leben insgesamt rund 80 geflüchtete ukrainische Kinder, Jugendliche und Männer mit Behinderungen. Viele von ihnen nutzen ein Kreativangebot, das zweimal in der Woche in der Einrichtung stattfindet. Dabei wird vor allem gezeichnet und gemalt. Wer will, kann aber auch ganz anders gestalterisch tätig sein – und zum Beispiel sticken.

  • Mykola Kryshtafovykh stickt mit einem Stickrahmen.
  • Die Ikone "Maria mit Jesuskind", eine feinteilige Perlenstickerei.
  • Vitalli Stetsun hat dieses Blumenmotiv gestickt.
  • Vitalli Stetsun hat dieses Blumenmotiv gestickt.

Die Ikone "Maria mit Jesuskind" soll makellos schön werden. Darum arbeitet Mykola Kryshtafovykh hochkonzentriert. Langsam, aber äußerst präzise sticht der 39-Jährige die Sticknadel von oben durch den gespannten Stoff. Mit derselben Hand nimmt er die Nadel auf der Unterseite des Stickrahmens wieder auf und zieht das Garn hindurch. Das Bild – eine feinteilige Perlenstickerei – nimmt Gestalt an. Mykola Kryshtafovykh kann beim Sticken ausschließlich seine linke Hand nutzen. Die andere ist aufgrund einer Nervenlähmung motorisch stark eingeschränkt. Das hindert den geistig beeinträchtigten Bewohner des Hauses Ebenezer in Bielefeld-Bethel aber nicht daran, mit viel Ehrgeiz an seinen Bildern zu arbeiten.

Die Stickerei ist die große Leidenschaft von Mykola Kryshtafovykh, genauso wie von Vitalli Stetsun, der ebenfalls im Haus Ebenezer betreut wird. In der Einrichtung leben insgesamt rund 80 geflüchtete ukrainische Kinder, Jugendliche und Männer mit Behinderungen. Viele von ihnen nutzen wie Mykola Kryshtafovykh und Vitalli Stetsun ein Kreativangebot, das zweimal in der Woche stattfindet. Bei Honorarkraft Paul Schulz wird vor allem viel gezeichnet und gemalt. Strenge Vorgaben gibt es aber nicht. Wer will, kann auch ganz anders gestalterisch tätig sein – und zum Beispiel sticken.

Vitalli Stetsun ist aus der Ukraine geflüchtet und stickt in seiner Freizeit.

Der 22-jährige Vitalli Stetsun stickt gerade eine Rose. Aber er sagt: "Ich habe keine besonderen Vorlieben für meine Motive." 

Kreativ nach der Arbeit

Für Mykola Kryshtafovykh ist das Kreativangebot eine wichtige Abwechslung, wenn er nach der Arbeit in der Betheler Werkstatt Basan Feierabend hat. "Ich brauche eine Aufgabe, eine Beschäftigung", sagt er. Für ihn war es sehr belastend, als er bei der Flucht aus der Ukraine seinen Stickrahmen in dem Wohnheim in der Nähe von Kiew zurücklassen musste. "Den hat er wirklich sehr vermisst, das hat ihn bedrückt", erzählt Ebenezer-Teamleiterin Ellen Karacayli. Umso glücklicher sei er gewesen, als er von einer Mitarbeiterin einen neuen Rahmen geschenkt bekommen habe. Die Ikone, an der er aktuell arbeitet, ist sein erstes Bild, das in Deutschland entsteht. Aufgrund seiner Beeinträchtigung braucht Mykola Kryshtafovykh viel Zeit für seine Stickerei. Unterstützung will er dennoch nicht. "Er ist sehr ehrgeizig und besteht auf Selbstbestimmung und Eigenständigkeit", so Paul Schulz.

Nicht weniger leidenschaftlich ist der 22-jährige Vitalli Stetsun in seine Stickerei vertieft. Aktuell stickt er eine rote Rose. Die Vorlage für die Abbildung hat Paul Schulz für ihn ausgewählt. "Ich habe keine besonderen Vorlieben für meine Motive", erzählt Vitalli Stetsun und deutet auf eine Auswahl seiner Werke: Bienen, Erdbeeren, Tulpen und einen Teddybären in Latzhose. Eine Besonderheit fällt ihm dann aber doch noch ein: "Dinge, die mich an meine Heimat erinnern, wie bestimmte Blumen, die mag ich sehr!"

Vitalli Stetsun hat die Stickerei in einer Werkstatt in der Ukraine gelernt. Dieses Kunsthandwerk falle ihm nicht schwer, betont er. Wie Mitbewohner Mykola Kryshtafovykh nutzt er das Sticken zur Ablenkung. "Es ist eine gute Möglichkeit, sich zu entspannen und auf andere Gedanken zu kommen", sagt er. Die Stickerei habe ihm geholfen, kein Heimweh mehr zu empfinden. "Inzwischen fühle ich mich hier sehr wohl", betont der junge Mann, der in der Betheler Werkstatt Grabe arbeitet.

Ein Stickbild mit Erdbeeren.

Diese Erdbeeren hat Vitalli Stetsun gestickt. Der 22-Jährige hat das Handwerk in einer Werkstatt in der Ukraine gelernt.  

Garn als Spende

Den Stickrahmen für Vitalli Stetsun sowie eine große Vielfalt an Stoffresten und Stickgarn für sein Kreativangebot hat Paul Schulz aus dem Textilhaus Julia von Bodelschwingh in Bethel bekommen. Kunst und Gestaltung seien für viele Bewohner im Haus Ebenezer ein wichtiger Bestandteil ihrer Freizeit, sagt er. Und gibt zu bedenken: "Die Menschen hier wurden ja aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen. Darum ist es wichtig, sie zu beschäftigen und gewohnte Tätigkeiten für sie zu bewahren."

Übrigens: Die Stickereien von Vitalli Stetsun und Mykola Kryshtafovykh wurden in der Vorweihnachtszeit an einem Stand an der Historischen Sammlung in Bielefeld-Bethel ausgestellt. Besucherinnen und Besucher konnten die beiden Hobbykünstler dort in Aktion erleben und deren Stickereien auch kaufen.

Text: Gunnar Kreutner; Fotos: Thomas Richter/v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel

Ihr/e Ansprechpartner/in
Verena Bretz
Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
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