16. Oktober 2018

Welternährungstag

Digitalisierung löst Hungerprobleme nicht

Acker-Drohnen, Sensoren an der Sämaschine und satellitengesteuerte Traktoren – Auch die Landwirtschaft wird digital. Kann so der Hunger in der Welt besser bekämpft werden? Am heutigen Welternährungstag dämpft "Brot für die Welt" die Euphorie. Die Digitalisierung führt zu neuen Ungerechtigkeiten, warnt das Hilfswerk in seinem "Jahrbuch zum Recht auf Nahrung".

Unfairer gobaler Wettbewerb: Maschinen gegen Menschen (Foto: Christof Krackhardt/BfdW)

Politik und Agrarindustrie versprechen, dass neue Technologien den Hunger besiegen können. Dabei spielt die Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Längst wird sie unter dem Stichwort "Farming 4.0" in der Landwirtschaft eingesetzt. So haben viele Bauern in den Industrieländern schon seit Jahren WLAN in ihrer Scheune für das Management ihrer Äcker und Fluren installiert.

Während bei der Ernte im Mähdrescher die Körner auf die Ladefläche fallen, zählen Sensoren am Boden genau mit, an welcher Stelle Land sie gewachsen sind. Der Computer wertet die Daten aus, so dass die Bauern wissen, wo sie ihren Dünger künftig sparsamer einsetzen können und Schädlinge gezielt bekämpfen müssen. Auch Landmaschinen- und Saatgutkonzerne arbeiten längst mit solchen Daten.

Noch Zukunftsmusik: die Ackerdrohne (Foto: pixabay)

Drohnen als Insektenbekämpfer

In der "schönen neuen Welt" der digitalen Landwirtschaft wird auch über den Einsatz von "Acker-Drohnen" diskutiert. Die Mini-Helikopter können Bodenfeuchtigkeit und Insektenbefall im Überflug erfassen und eines Tages womöglich auch Saatgut ausbringen, ohne den Boden zu verdichten. In seinem neuen "Jahrbuch zum Recht auf Nahrung" untersucht das evangelische Hilfswerk "Brot für Welt" nun, wie sich die Digitalisierung der Landwirtschaft auf das Menschenrecht auf Nahrung auswirken wird.

"Es besteht die Gefahr, dass die Digitalisierung die Umwandlung öffentlicher Güter wie etwa die Wasserversorgung in international handelbare Waren vorantreibt", warnt Bernhard Walter, Ernährungs- und Landwirtschaftsexperte von "Brot für die Welt" aus Anlass des heutigen Welternährungstages. "Davon haben die Ärmsten der Armen gar nichts, im Gegenteil, ihre Lage würde sich verschlimmern."

Auswirkungen des Klimawandels: Wasser und Boden werden knapp (Foto: Frank Schultze/BfdW)

Wettbewerb um Wissen und Macht

Dabei setzen viele Regierungen, die Agrarindustrie und Wissenschaftler darauf, mit Hilfe der Digitalisierung den Hunger in der Welt besser bekämpfen zu können. Weltweit müssen laut UN-Schätzungen bis zum Jahr 2050 zwei bis drei Milliarden Menschen zusätzlich gesund und ausreichend zu essen bekommen. Gleichzeitig werden Flächen, Wasser und Boden knapp, brauchen Natur- und Artenschutz zusätzlichen Raum und fordert der Klimaschutz drastische Einsparungen bei fossil erzeugten Agrarchemikalien. Mehr soll also mit weniger erzeugt werden.

"Für die Mehrzahl der bäuerlichen Betriebe bietet die Digitalisierung keine Lösungen an, sondern verschärft noch die Probleme", betont Philipp Mimkes, Geschäftsführer der Menschenrechtsorganisation FIAN Deutschland, die das Jahrbuch gemeinsam mit "Brot für die Welt" herausgibt. Vielmehr vertiefe die Digitalisierung die Spaltung zwischen armen Bauerngruppen und kapitalkräftigen Agrarunternehmen weiter und verschärfe die Konkurrenz um Land, Wasser und Saatgut weltweit noch.

Zu viel Essen für Industrieländer, zu wenig für Entwicklungsländer (Foto: Christof Krackhardt/BfdW)

Mehr Technologie führt zu mehr Hunger

 "Wichtige Gründe für die hohen Hungerzahlen – die Diskriminierung von Frauen und ländlicher Bevölkerung, Landgrabbing und die erzwungene Öffnung der Agrarmärkte in Entwicklungsländern – lassen sich nicht technisch lösen", so Mimkes. Dies zeigt sich beispielsweise in Südamerika, wo die Hungerzahlen seit 2012 wieder steigen. In den letzten fünf Jahren waren dort 2,2 Millionen Menschen zusätzlich von schwerem Hunger betroffen. Gleichzeitig produziert die dortige hochtechnisierte Agrarindustrie statt den Hunger vor Ort zu bekämpfen immer gewaltigere Mengen, die jedoch überwiegend exportiert werden – 2016 alleine 70 Millionen Tonnen Getreide und 120 Millionen Tonnen Soja.

Schon seit zehn Jahren geben "Brot für die Welt" und FIAN geben das "Jahrbuch zum Recht auf Nahrung" heraus. Dieses Recht ist im UN-Sozialpakt als Menschenrecht verankert. In den Nachhaltigen Entwicklungszielen haben die Vereinten Nationen vereinbart, es bis 2030 für alle Menschen zu verwirklichen. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Hungernden laut "Brot für Welt" zum zweiten Mal in Folge wieder gestiegen, auf nun 821 Millionen Menschen.

Text: BfW/Sabine Damaschke, Fotos: BfdW

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Portmann
Presse- und Medienarbeit
Brot für die Welt
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