17. August 2020

Spendenaktion "Wir im Revier"

Die große Verzweiflung der Studierenden

Kein Geld mehr für Miete und Semestergebühren – Immer mehr Studierende melden sich bei der Spendenaktion "Wir im Revier", an der sich die Diakonie RWL beteiligt. Doch auch Soloselbstständige aus dem Ruhrgebiet bitten um Hilfe. Bei der Entscheidung, wer Unterstützung erhält, spielt die Diakonie eine entscheidende Rolle.

  • Student vor seinem Laptop (Foto:pixabay)
  • Logo der Spendenaktion "Wir im Revier" (Foto: Funke Mediengruppe)
  • Blick auf die Zeche Zollverein in Essen (Foto: Funke Mediengruppe)

Wenn Stefanie Baier nach dem Wochenende in ihr digitales Postfach bei der Diakonie Dortmund schaut, atmet sie tief durch. 42 neue Mails innerhalb von drei Tagen, in denen Menschen aus dem Ruhrgebiet um finanzielle Hilfe bitten – das gehört derzeit zu ihrem Arbeitsalltag. Tanja Schymik vom Diakoniewerk Essen geht es ähnlich. Seit dem Start der Spendenaktion "Wir im Revier" sind die beiden Diakonie-Mitarbeiterinnen für die Prüfung der Anträge zuständig. Anfang April hat die Diakonie RWL die Hilfsaktion gemeinsam mit der Funke-Mediengruppe und Unternehmen aus dem Ruhrgebiet ins Leben gerufen.

Tanja Schymik vom Diakoniewerk Essen bearbeitet für die Anträge für "Wir im Revier". (Foto: Diakoniewerk Essen)

Tanja Schymik vom Diakoniewerk Essen bearbeitet die Anträge für "Wir im Revier". (Foto: Diakoniewerk Essen)

"Wir hatten direkt mit einem großen Ansturm gerechnet, aber der blieb aus", erzählt Tanja Schymik. "Doch jetzt sind Semestergebühren fällig und die Ersparnisse bei vielen Studierenden aufgebraucht." 

In den letzten Wochen werden sie und ihre Kollegin mit Anträgen auf Unterstützung überhäuft. Vor allem ausländische Studierende seien verzweifelt, sagt Schymik. "Ihre Aufenthaltserlaubnis hängt von einem erfolgreichen Studium ab. Das wiederum ist nur möglich, wenn sie die Studiengebühren bezahlen und für Unterkunft und Lebensunterhalt aufkommen können."

Blick auf den Signal Iduna Park in Dortmund (Foto: pixabay)

Keine Würstchenbuden, kein Bierverkauf, keine Ordner - Mit dem Verbot von Fußballspielen in großen Stadien wie dem Signal Iduna Park des BVB in Dortmund sind viele Jobs verloren gegangen. 

Keine Fußballspiele, keine Jobs

Die meisten Studierenden hätten ihren Job in der Gastronomie, im Messebereich oder als Werkstudent in der Pandemie verloren, ergänzt Stefanie Baier. "Es ist erstaunlich, wie viele sich in unseren Fußballstadien im Ruhrgebiet als Platzwart oder in den Getränke- und Würstchenbuden Geld verdient haben. Das ist alles weggebrochen."

Bis zu 1.000 Euro an Soforthilfe kann über die Spendenaktion ausgezahlt werden. Die beiden Sozialarbeiterinnen prüfen die Anträge auf Glaubwürdigkeit. Dafür müssen Studiennachweise, Kontoauszüge oder Kündigungsschreiben eingereicht werden. "Ich lese und höre vieles, das mich sehr berührt und glaube den Menschen, dass sie in einer Notlage sind", sagt Sozialarbeiterin Tanja Schymik. "Aber es ist wichtig, neutral zu bleiben. Dazu gehört auch, dass die Notlage nachvollziehbar ist."

Stefanie Baier von der Diakonie Dortmund arbeitet schon lange in der Sozialberatung. (Foto: Diakonie Dortmund)

Stefanie Baier von der Diakonie Dortmund arbeitet schon lange in der Sozialberatung. Sie kennt die Notlagen der Menschen im Ruhrgebiet. (Foto: Diakonie Dortmund)

Erfahren in der Sozialberatung

Für ihren Job bringen beide Frauen jahrelange Erfahrung in der Sozialberatung ihrer Verbände mit. In den Innenstädten Essens und Dortmunds sind sie oft die erste Anlaufstelle für Menschen in Not. Sie wissen, wo diese praktische Hilfe erhalten und kennen die Stiftungen und Fonds, bei denen es Gelder für eine schnelle finanzielle Unterstützung gibt. Seit April gehört auch die Spendenaktion "Wir im Revier" dazu.

Fälle, die Stefanie Baier und Tanja Schymik dort für förderungswürdig halten, stellen sie einem rund 20-köpfigen Gremium vor, in dem neben Vertretern der Caritas, verschiedener Stiftungen, Unternehmen und der Funke-Mediengruppe auch Diakonie RWL-Fundraiser Ulrich Christenn sitzt. In regelmäßigen Telefonkonferenzen wird entschieden, wer Geld erhält. Rund 850.000 Euro stehen zur Verfügung, etwa 340.000 Euro wurden bislang vergeben. 310  Fälle seien positiv entschieden worden, berichtet Ulrich Christenn. Hinzu kamen noch 33 Mediengutscheine à 500 Euro für technische Anschaffungen im Homeschooling.

Geldscheine und Taschenrechner unter der Lupe (Foto: pixabay)

Genau durchrechnen, wie viel man sich noch leisten kann - Viele Menschen im Ruhrgebiet haben zunächst von ihren Ersparnissen gelebt. Doch die gehen jetzt zur Neige. 

Ersparnisse aufgebraucht

Es sind also noch genug Gelder vorhanden, um Menschen im Ruhrgebiet schnelle finanzielle Unterstützung zu geben. Tanja Schymik rechnet damit, dass die Anfragen ab dem Herbst auch von Familien in Kurzarbeit und Soloselbstständigen deutlich zunehmen werden. "Wir haben oft mit Menschen zu tun, die vor der Corona-Pandemie ein relativ sicheres Einkommen hatten", erklärt sie. "Viele haben zunächst noch von ihren Ersparnissen gelebt, aber die sind jetzt weg. Je länger die Krise dauert, desto mehr Menschen werden davon betroffen sein."

Das erklärt für Stefanie Baier auch, warum die Spendenaktion zunächst eher zögerlich anlief. "Bei mir haben sich Nachbarn, Freunde oder Kunden von Yogalehrerinnen, Kioskbesitzern, Fotografen und Musikerinnen gemeldet und diese für eine Förderung vorgeschlagen. Doch von den Betroffenen sind dann weniger Anträge eingegangen als ich erwartet hatte. Und zwar mit der Begründung, dass ihre Situation noch nicht so dramatisch sei."

Ein "Danke" per Smartphone (Foto: pixabay)

Ein "Danke" per Smartphone und Mail - Tanja Schymik und Stefanie Baier bekommen viel positive Rückmeldung auf die Spendenaktion.

Die "Riesenkrise" verhindert

Das ändert sich zunehmend. Rücklagen sind aufgebraucht, Verwandte und Freunde können nur noch begrenzt finanziell einspringen. "Es gibt so viele, die sich im Ruhrgebiet mit kreativen Ideen eine Existenz aufgebaut haben und jetzt in Not sind", beobachtet Stefanie Baier.

Mit den Spendengeldern konnte sie bereits Selbstständige unterstützen, die Kräutergartenführungen angeboten, Kindergeburtstage organisiert oder kleine Kulturcafés geführt haben. Auch wenn die Soforthilfe keine Existenz dauerhaft sichert, kann sie doch dazu beitragen, "die Riesenkrise zu verhindern". Das jedenfalls hat Tanja Schymik schon in einigen "Danke-Mails" lesen können. "Es ist belastend, hautnah mitzuerleben, in welche Nöte die Pandemie viele Menschen geführt hat", sagt sie. "Aber diese Rückmeldungen machen mir Mut. Die Hilfe kommt an. Das mag ich an meinem Job."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: pixabay

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ulrich T. Christenn

Brot für die Welt, Katastrophenhilfe, Sammlungen, Kollekten, Hoffnung für Osteuropa

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"Wir im Revier": Gemeinsam mit der Funke-Mediengruppe und Unternehmen aus dem Ruhrgebiet hat die Diakonie RWL die Hilfsaktion "Wir im Revier" gestartet. Auch die Caritas ist mit im Boot. Alle Kooperationspartner sind in einem Beirat vertreten. Die evangelischen Kirchenkreise und die Diakonischen Werke im Ruhrgebiet werden vom Moderator der Ruhrsuperintendenten-Konferenz repräsentiert.

Menschen, die im Ruhrgebiet leben und durch Corona in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind, können Anträge bei "Wir im Revier" stellen. Für die finanzielle Unterstützung werden sie oft von Nachbarn, Freunden, aber auch Mitarbeitenden aus diakonischen Beratungsstellen oder Kirchengemeinden vorgeschlagen. Sie können Einzelfallhilfen von bis zu 1.000 Euro erhalten.