13. Januar 2017

Spenden

Weniger Deutsche geben mehr Geld

Anfang des neuen Jahres dürfen sich die meisten Hilfsorganisationen freuen. Nach Weihnachten haben sie in der Regel mehr Geld zur Verfügung. Denn dann sind viele Deutsche besonders großzügig. Doch wer spendet eigentlich für was? Fragen, mit denen sich der Leiter des Zentrum Drittmittel und Fundraising Ulrich T. Christenn schon lange beschäftigt.

Portrait

Ulrich T. Christenn

Immer wieder hören wir Klagen von Hilfsorganisationen, dass die Spendenbereitschaft in Deutschland insgesamt nachlässt. Was beobachten Sie?

Für einzelne, kleinere Organisationen mag das zutreffen, aber bezogen auf alle Hilfswerke stimmt es nicht. Im Jahr 2015 hatten wir sogar ein Rekordjahr, in dem die Menschen in Deutschland mit rund sieben Milliarden Euro so viel Geld gespendet haben wie lange nicht mehr. Grund dafür waren das verheerende Erdbeben in Nepal und die Millionen Flüchtlinge aus Syrien, die besonders zum Spenden angeregt haben. Für 2016 gibt es noch keine genauen Zahlen, aber es deutet sich an, dass das Spendenaufkommen gegenüber 2015 etwas nachgelassen hat. Dennoch befindet es sich auf einem hohen Niveau und die Grundtendenz ist in den letzten Jahren eher steigend als fallend gewesen.

Gilt das ebenfalls für die Spenden und Sammlungen, die im Bereich der Diakonie RWL eingenommen werden?

Ja, diese Tendenz beobachten wir auch. Zum Beispiel bei der Diakonie Katastrophenhilfe, die erhielt 2015 rund 7,3 Millionen Euro an Kollektengeldern und Spenden aus Rheinland, Westfalen und Lippe. 2016 waren es mit 5,1 Millionen Euro deutlich weniger. Das liegt eben daran, dass es kaum Katastrophen gab, die für viel Aufsehen in den Medien gesorgt hatten. Bei den Spenden für "Brot für die Welt" sieht es allerdings anders aus. Das Spendenaufkommen liegt hier bundesweit jährlich stabil zwischen 55 und 57 Millionen Euro. 2015 kamen aus unserer Region rund 9,6 Millionen Euro für "Brot für die Welt". Im vergangenen Jahr waren es sogar 10,5 Millionen Euro. Wobei die Zahlen noch nicht abschließend berechnet sind.

Welche Rolle spielen dabei die Heiligabendgottesdienste?

Eine sehr große. Von diesen rund zehn Millionen Euro stammen mehr als drei Millionen aus den Kollekten an diesem einzigen Tag. Das finde ich faszinierend. Zumal wir wissen, dass die Zahl der Gottesdienstbesucher an Heiligabend kontinuierlich abnimmt. Weniger Menschen geben also mehr Geld. Statistisch gesehen legt jeder Besucher 2,29 Euro in die Kollekte für Brot für die Welt.

Beobachten auch andere Hilfsorganisationen den Trend, dass weniger Menschen mehr Geld spenden?

Das gilt für die gesamte Szene. In der Regel spendet ohnehin nur ein Viertel bis ein Drittel der Deutschen für gemeinnützige Arbeit, egal ob Sportverein, Hilfsorganisation oder Kultureinrichtung. Bei großen Katastrophen wie Erdbeben oder Überflutungen geht die Zahl der Spender allerdings auf bis zu 40 Prozent hoch. Insbesondere, wenn die Medien ausführlich und eindrücklich darüber berichten.

Wie wichtig ist es für die Spender dabei zu erfahren, wo ihre Gelder genau hinfließen?

Vor allem jüngere Menschen möchten wissen, was mit ihren Spenden geschieht und ob sie erfolgreich eingesetzt worden sind. Insofern spielt die Berichterstattung über ein bestimmtes Projekt eine zentrale Rolle. Es muss sie emotional berühren, damit sie spenden. Doch dann möchten sie auch wissen, ob das jeweilige Projekt langfristig zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse für die Menschen beiträgt. Es reicht nicht aus, Brunnen zu bohren und Klassenräume zu bauen, wenn dies nicht der Anstoß zum Beispiel für eine bessere Gesundheitsversorgung und Bildung ist, die die Menschen raus aus der Armut führen kann. In den USA gibt es mittlerweile den Trend, dass sich große Spender in Form eines "Social Return of Investment" genau errechnen lassen, welchen Effekt ihre Spende in der Entwicklungshilfe hat.

Prüfen denn alle Spender so genau, was mit ihrem Geld passiert?

Nein, fast fünfzig Prozent der Spenden geschehen, weil Menschen Mitglieder einer bestimmten Organisation sind oder diesem Hilfswerk regelmäßig Geld geben. Das Vertrauen in eine Organisation spielt eine ganz große Rolle. Die Spender müssen sich mit den Zielen identifizieren können, aber sie wollen eben auch Erfolge sehen. Die Zeiten, in denen Menschen einfach nur einer "Marke" vertrauten, weil das schon ihre Eltern und Großeltern taten, ohne sich genauer mit ihr zu beschäftigten, sind vorbei. Insofern ist es für die Organisationen besonders wichtig, die Spender langfristig an sich zu binden.

Was wissen Sie über die Spender?

Dazu gibt es natürlich Studien. Und die besagen, dass die regelmäßigen Spender über 60 Jahre alt sind und eher zu den Gutverdienern gehören. In den vergangen beiden Jahren haben wir allerdings festgestellt, dass auch viele deutlich jüngere Leute Geld gespendet haben, und zwar für Flüchtlingsprojekte. Normalerweise sind nur 13 Prozent der Spender unter 40 Jahren, aber bei den Spenden für die Flüchtlingshilfe lag ihr Anteil bei 31 Prozent. Viele dieser Spender haben einen Hochschulabschluss, gehen gelegentlich in die Kirche und sind engagiert in einem Ehrenamt.

Welche Rolle spielt das Internet im Spendenaufkommen?

Onlinespenden werden immer wichtiger. Es gibt inzwischen diverse Spendenportale im Netz, die auch intensiv genutzt werden. Aber auch die alten, bewährten Wege funktionieren noch. Rund ein Viertel der Spenden kommen nach dem klassischen Spendenbrief mit Überweisungsträger bei den Organisationen an. Man hat allerdings feststellen können, dass die Menschen online größere Beträge spenden. Das mag damit zusammenhängen, dass es oft jüngere Leute sind, die auf diese Weise Geld geben und die dann, wenn sie spenden, einfach mehr geben. Es kann aber auch daran liegen, dass die Berichterstattung über Projekte im Internet mit Fotogalerien und Blogs lebendiger sind und den Usern auch die Möglichkeit bieten, sich intensiver mit dem Projekt zu beschäftigen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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Ulrich T. Christenn
Brot für die Welt, Katastrophenhilfe, Sammlungen, Kollekten
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