6. August 2020

Seenotrettung

Zusammen für Menschlichkeit

80.000 Euro sind bei der Verdoppelungsaktion der Diakonie RWL für das Rettungsschiff Sea-Watch 4 des Bündnisses "United4Rescue" zusammengekommen. In der zweiten Augustwoche soll das Schiff zur ersten Mission auslaufen. Michael Schwickart, stellvertretender Vorsitzender des Bündnisses, spricht im Interview über die Seenoteinsätze und die neue Kooperation mit "Ärzte ohne Grenzen".

  • Die "Sea-Watch 4" liegt noch im Kieler Hafen. (Foto: United4Rescue)
  • Die "Sea-Watch 4" im Kieler Hafen (Foto: United4Rescue)
  • Letzte technische Arbeiten auf der "Sea Watch 4" (Foto: United4Rescue)
  • Letzte Schweißarbeiten an der "Sea-Watch 4" (Foto: United4Rescue)
  • Schwimmwesten-Lager auf der "Sea-Watch 4" (Foto: United4Rescue)

Seit mehreren Wochen liegt die "Sea-Watch 4" in der spanischen Hafenstadt Burriana. Die Umbauarbeiten hatten sich durch die Corona-Pandemie verzögert. Mitte August soll das Rettungsschiff nun in See stechen. Wie ist die Stimmung der Crew?

Michael Schwickart: Nach 14-tägiger Quarantäne, die sicherstellen sollte, dass sich niemand im Team mit dem Corona-Virus infiziert hat, ist die Crew jetzt an Bord. Für sie ist die erste Fahrt auf der "Sea-Watch 4" etwas ganz Besonderes. Das Schiff ist nochmal deutlich größer als die "Sea-Watch 3", und es können mehr Menschen an Bord genommen und in der Krankenstation professionell behandelt werden.

Das Schiff ist aber auch so außergewöhnlich, weil es erst mit Hilfe eines breiten gesellschaftlichen Engagements ersteigert werden konnte. Mittlerweile werden wir von 550 Bündnispartnern aus allen Teilen der Gesellschaft unterstützt. Das ist eine ganz neue Dimension in der zivilen Seenotrettung.

Michael Schwickart, stellvertretender Vorsitzender des Bündnisses "United4Rescue" im zivilen Aufklärungsflugzeug "Moonbird".

Seenotrettung von oben: Michael Schwickart, stellvertretender Vorsitzender des Bündnisses "United4Rescue", im zivilen Aufklärungsflugzeug "Moonbird". (Foto: privat)

Auf dem Bündnisschiff wird auch zum ersten Mal "Ärzte ohne Grenzen" dabei sein, die bis vor kurzem noch die "Ocean Viking" der Organisation "SOS Mediterranee" unterstützt haben.

Wir freuen uns sehr über diese Kooperation. Erstmals werden sechs Mitglieder der Organisation mit an Bord sein. Das ist wichtig, denn viele der Geretteten weisen Spuren von Folter auf: gebrochene Knochen und Brand- oder Schusswunden. Viele Frauen berichten von Vergewaltigungen auf der Flucht und in den libyschen Lagern. Andere sind dehydriert oder haben Verätzungen durch das toxische Benzin-Salzwassergemisch in den Booten. Durch die Kooperation mit "Ärzte ohne Grenzen" hat Sea-Watch jetzt auch auf dem zweiten Schiff professionelle Verstärkung, und die Menschen können schnell und kompetent behandelt werden. Die "Sea-Watch 4" wird dadurch immer mehr zum Bündnisschiff, und das macht uns sehr stolz.

Für das ehemalige Forschungsschiff ist es der erste Einsatz in der Seenotrettung. Sie selbst sind im Sommer 2016 bei einer Mission der "Sea-Watch" dabei gewesen. Wie läuft solch ein Einsatz ab?

Die Vorbereitung ist entscheidend. Wir stellen sicher, dass wir genügend Schwimmwesten, Verpflegung, Wasser und andere notwendige Ausrüstung an Bord haben. Dann üben wir die Einsätze immer wieder, und auch mental stellen wir uns auf die Mission ein. Im Juni 2016 haben wir uns darauf vorbereitet, möglicherweise Leichen aus dem Wasser ziehen zu müssen.

Als es dann losging, stand ich stundenlang im Ausguck und habe Ausschau gehalten nach Booten in Seenot. Das ist ziemlich anstrengend, denn die Schlauchboote, mit denen die Menschen losfahren, sind lange graue Gummiboote. Schon nach kurzer Zeit sieht jede Schaumkrone einer Welle aus wie ein Schlauchboot. Ich hatte große Angst, etwas zu übersehen, denn wenn wir ein Boot nicht wahrnehmen, kann das zum Todesurteil für Hunderte Menschen werden.

Flüchtlinge im Schlauchboot (Foto: Shutterstock)

Wenn die libysche Küstenwache Flüchtlinge im Schlauchboot aufgreift, geraten viele in Panik. (Foto: Shutterstock)

Wann haben Sie die ersten Schlauchboote gesehen?

Am zweiten oder dritten Tag haben wir ein Boot gesehen. Wir haben dann unsere Schlauchboote ausgesetzt und sind langsam zu den Menschen hingefahren. Wir haben acht Stunden bei den Menschen verbracht, Wasser ausgeteilt und uns mit ihnen unterhalten. Zwanzig Leute, die krank waren, haben wir auf unser Schiff zur medizinischen Versorgung gebracht. Die anderen Menschen durften wir zu einem irischen Kriegsschiff bringen. Das hat gut geklappt. Die Flüchtlinge sind oft schwer traumatisiert. Und wenn die vermummte Besatzung eines Kriegsschiffs sie abholen kommt, geraten viele in Panik.

Viele haben auch Angst davor, dass die libysche Küstenwache sie aufgreift.

Genau. Wir haben das selbst erlebt. Wir sind zu einem Flüchtlingsboot gefahren, aber die libysche Küstenwache war schon da. Dazu muss man wissen: Die "Küstenwache" besteht aus Milizen und Warlords. Für die Menschen ist das eine Katastrophe.

Wir mussten also mit ansehen, wie die hochbewaffneten Libyer diese 120 Menschen mitnahmen, um sie zurück in die libyschen Lager zu bringen, in denen Menschen gefoltert und vergewaltigt werden. Das war extrem hart. Wir haben alle erst mal geheult.

Italienische Polizisten von hinten (Foto: Pixabay)

Staatliche Ordnungsmacht gegen die zivile Seenotrettung - In Italien und Malta werden Seenotretter systematisch behindert, beklagt Michael  Schwickart. (Foto: Pixabay)

Vor kurzem wurde die "Sea-Watch 3" in Italien von den dortigen Behörden festgesetzt. Warum?

Schon seit Jahren wird die zivile Seenotrettung systematisch von Italien und Malta behindert. Gerade die jetzige Festsetzung der Rettungsschiffe entbehrt jeder rechtlichen Grundlage und ist reine Schikane. Neben der "Sea-Watch 3" sind auch die "Alan Kurdi" von "Sea-Eye" und die "Ocean Viking" von "SOS Méditeranée" davon betroffen.

Aber auch deutsche Politiker versuchen, die private Seenotrettung zu behindern. Das Verkehrsministerium ließ kürzlich die Verordnung zur Schiffssicherheit verschärfen. Die neue Rechtslage verlangt Veränderungen hinsichtlich der Bauweise, Ausrüstung, Besatzung und Qualifikation des Kapitäns. Kleine Schiffe können dadurch momentan nicht mehr auslaufen. Es ist zermürbend, immer wieder gegen solche Entscheidungen vorgehen zu müssen.

Was wünschen Sie sich für die zivile Seenotrettung?

Dass sie überflüssig wird. Bis dahin brauchen wir endlich verbindliche Verteilmechanismen für die Geflüchteten in Europa. Die Zusammenarbeit und Unterstützung der EU mit der libyschen Küstenwache muss sofort beendet werden. Diese Kooperation ist erbärmlich und widerspricht den europäischen Werten.

Es kann auch nicht sein, dass Schiffe mit Geretteten wochenlang vor Häfen ausharren müssen, weil niemand sie aufnehmen will. Wir sprechen hier von wenigen Tausend Menschen im Jahr, die durch private Seenotretter gerettet werden. Diese Menschen festzusetzen, löst nicht die Flüchtlingsfrage. Das muss an anderer Stelle geklärt werden.

Das Gespräch führte Ann-Kristin Herbst. Fotos: United4Rescue

Ihr/e Ansprechpartner/in
Susanna Thiel

Fachbegleitung der Ehrenamtskoordination im Bereich Flucht und Integration

Fachstelle für junge Asylsuchende im Jugendmigrationsdienst

 

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Zur Person: Michael Schwickart ist Unternehmer in der Baubranche. Der 60-Jährige hat vor fünf Jahren sein Ehrenamt bei "Sea-Watch" begonnen. 2019 gründete er das Bündnis "United4Rescue" mit. Aktuell engagiert er sich für "United4Rescue" als stellvertretender Vorsitzender und ist auch im Verein "Sea-Watch" aktiv.