9. Februar 2023

Ein Jahr Ukraine-Krieg

"Wir brauchen einen langen Atem"

Ein Krieg vor der eigenen Haustür: Was lange in Europa undenkbar schien, wurde vor einem Jahr traurige Realität. Knapp ein Jahr nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine haben Diakonie Katastrophenhilfe, Brot für die Welt und Diakonie Deutschland gemeinsam Bilanz gezogen.

  • Der Nothilfe-Koordinator der Diakonie Katastrophenhilfe für die Ukraine, Mario Göb, bei der Verteilung von Hilfspaketen.
  • Der Nothilfe-Koordinator Mario Göb hilft bei der Ausgabe des Hilfspakets für Katerina und der achtjährigen Alexandra.
  • Valia und ihr Sohn Meron leben 30 Minuten zu Fuß von einer Verteilstelle einer lokalen Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe entfernt. Sie ist aus Luhansk geflohen.
  • Sie überlebten einen russischen Raketenangriff: Lilya mit ihrem Sohn und Yulia mit ihrem Baby.

"Die Solidarität und Spendenbereitschaft in Deutschland haben Hilfsmaßnahmen ermöglicht, die vom Umfang und Tempo historisch sind", sagte Dagmar Pruin, Präsidentin von Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt. Sie appellierte, diplomatische Wege für ein Ende des Krieges nicht aus dem Blick zu verlieren.

Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, dankte den vielen engagierten Menschen in Deutschland, welche die Aufnahme von rund einer Million Geflüchteter möglich gemacht haben. Er warnte jedoch, dass das Ehrenamt vielerorts an seine Kapazitätsgrenzen stoße und die Hilfe weiter professionalisiert werden müsse.

Knapp 68 Millionen Euro Spenden

"Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht. Wir alle brauchen einen langen Atem", sagte Dagmar Pruin. Sie dankte den Spenderinnen und Spendern für knapp 68 Millionen Euro, welche die Diakonie Katastrophenhilfe für die Ukraine-Nothilfe bisher erhalten hat. Zwei Drittel davon waren Ende Januar bereits für 30 Nothilfeprojekte in zwölf Ländern ausgegeben oder weitere Maßnahmen eingeplant worden. "Diese schnelle und umfangreiche Hilfe in der Ukraine, den Anrainerstaaten und auch in Deutschland ist durch die langjährige Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen und kirchlichen Netzwerken möglich", unterstrich Pruin.

Mehr als 600.000 Menschen wurden bisher erreicht. Betroffene des Krieges erhalten unter anderem Geldleistungen und Gutscheine, psychosoziale Unterstützung oder Hilfsgüter wie Nahrungsmittel oder Hygieneartikel. "Schon viele Jahre vor dem Angriff Russlands am 24. Februar haben Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe mit lokalen Partnern zusammengearbeitet und zivilgesellschaftliche Strukturen gestärkt. Das hat sich jetzt bewährt, denn es sind unsere lokalen Partner, welche die Menschen weit im Osten der Ukraine heute erreichen können."

Stundenlanger Stromausfall nach einem gezielten russischen Raketenbeschuss: Die Mitarbeitenden der Diakonie Katastrophenhilfe und der lokalen Partnerorganisation arbeiten mit Taschenlampen daran, die Verteilung von Hilfspaketen zu organisieren.

Stundenlanger Stromausfall nach einem gezielten russischen Raketenbeschuss: Die Mitarbeitenden der Diakonie Katastrophenhilfe und der lokalen Partnerorganisation arbeiten mit Taschenlampen daran, die Verteilung von Hilfspaketen zu organisieren.

"Wir helfen, solange es nötig ist"

Es sei wichtig, einen langandauernden Krieg zu vermeiden: "Der Solidarität und dem Durchhaltewillen der ukrainischen Bevölkerung gebührt meine allerhöchste Anerkennung. Diese Kraft ist jedoch endlich und wir müssen alles tun, damit die Bevölkerung geschützt wird", sagte Pruin. Hilfe werde deshalb geleistet, solange sie nötig sei. 

Ulrich Lilie dankte den ehren- und hauptamtlich Helfenden in Deutschland. "Die Aufnahme, Versorgung und Unterbringung von rund einer Million Geflüchteter war ein enormer Kraftakt, der gelungen ist", so Lilie. Zehn Millionen Euro aus einem Nothilfefonds der Diakonie Katastrophenhilfe haben dabei dringende Unterstützung unkompliziert und schnell ermöglicht. Insgesamt konnten mehr als 245 Projekte in Deutschland aufgesetzt werden, in denen Geflüchtete Beratung erhalten, bei Behördengängen unterstützt werden oder Deutschkurse wahrnehmen können.

Winterhilfe für Menschen in der Ukraine: Eine Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe verteilt unter anderem warme Decken.

Winterhilfe für Menschen in der Ukraine: Eine Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe verteilt unter anderem warme Decken.

Geflüchtete gut integrieren

Nach den ersten Wochen der spontanen Hilfe an Bahnhöfen oder in Stadtzentren sind professionelle Strukturen entstanden. Diese Professionalisierung und weitere Unterstützung seien wichtig, denn auch bei vielen Beratungsstellen in der Wohlfahrtspflege und bei Ehrenamtlichen seien Kapazitätsgrenzen erreicht und Erschöpfung mache sich breit. 

Lilie hob hervor, dass die Integration von Geflüchteten für die Geflüchteten selbst, aber auch für die Aufnahmegesellschaft wichtig sei. Sobald das Ankommen gelinge, insbesondere der Eintritt in die Erwerbstätigkeit, stelle die Aufnahme von Geflüchteten auch keine Belastung mehr für die Sozialsysteme dar. Hier liegt weiterhin die Hauptaufgabe. Geflüchtete benötigten von Anfang an Teilhabechancen: "Es braucht gute Startbedingungen, insbesondere Aufenthaltssicherheit, volle Sozialleistungen und ausreichende Beratungs- und Sprachkursangebote. Je früher geflüchteten Menschen ein alltägliches Leben und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht wird, desto höher sind die Chancen für eine nachhaltige Integration." 

In der Ukraine brauchen die Menschen aktuell vor allem Schutz vor der Kälte. "Die stetigen Angriffe auf zivile Infrastruktur unterbrechen die Strom-, Wasser und Wärmeversorgung von Millionen Menschen", berichtet Martin Keßler, Direktor der Diakonie Katastrophenhilfe, aus Sumy im Nordosten der Ukraine. Dort begleitet er unter anderem Verteilungen und besucht Wärmestuben. "Die Angriffe müssen dringend aufhören, damit die Unterkünfte der Menschen repariert werden können", so Keßler.

Text: Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung, Fotos: Diakonie Katastrophenhilfe

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Ulrich T. Christenn
Zentrum Drittmittel und Fundraising