15. Juli 2022

Ein Jahr nach der Flut

Stilles Gedenken im Ahrtal

Die Mitarbeitenden des mobilen Seelsorgeteams der Diakonie Katastrophenhilfe Rheinland-Westfalen-Lippe im Ahrtal sind am Jahrestag der Flut von früh morgens bis nachts in den Dörfern und Gemeinden unterwegs gewesen. Sie haben mit Betroffenen und Helfenden gesprochen, ihnen zugehört oder gemeinsam mit ihnen geschwiegen. Viele Menschen haben zum Gedenken an die Flutopfer Kerzen entzündet.

  • Die Menschen in Walporzheim im Ahrtal haben als Erinnerung an die Opfer der Flut Kerzen entzündet.
  • Psychologin Sabine Elsemann spricht in Walporzheim im Ahrtal mit einem Mann.
  • Die Flut hat diese Brücke im Ahrtal zerstört.
  • Eine Kerze steht zum Gedenken an die Verstorbenen neben einem Schild mit der Aufschrift "We are Family".
  • In Mayschoß im Ahrtal sind noch viele Gebäude zerstört.
  • Mitarbeitende des mobilen Fluthilfeteams im Ahrtal.

"Man merkt, irgendwas ist anders", bringt Sabine Elsemann es auf den Punkt. Die Psychologin ist Teil des mobilen Seelsorgeteams der Diakonie Katastrophenhilfe Rheinland-Westfalen-Lippe, dessen Einsatz die Evangelische Kirche im Rheinland koordiniert. Elsemann ist am Jahrestag der verheerenden Flutwelle seit 6.15 Uhr als Seelsorgerin im Tal unterwegs. Als "sehr bedrückend" beschreibt sie die Stimmung, "so, als ob etwas im Tal wabert". Dünnhäutiger seien die Menschen, fragender, ängstlicher. Auch sie ist an diesem 14. Juli 2022 mit einem komischen Gefühl, einer seltsamen Stimmung aufgestanden, hat erst einmal geweint.

Psychologin Sabine Elsemann (li.) und Sozialpädagogin Tamara Orschler mit ihrer Hündin Luna vor ihrem Büro-Container in Kreuzberg.

Psychologin Sabine Elsemann (li.) und Sozialpädagogin Tamara Orschler mit ihrer Hündin Luna begleiten die von der Flut betroffenen Menschen seit knapp einem Jahr.

Wichtige Begleitung 

Die konstante Medienberichterstattung zur Flutnacht, die schrecklichen Bilder, die unfassbaren Geschichten, die wieder und wieder erzählt werden, die Omnipräsenz der größten Naturkatastrophe im Nachkriegsdeutschland habe viele ihrer Klienten wieder ein Stück weit re-traumatisiert.

Was Elsemann und ihre Kollegin Tamara Orschler während des vergangenen Jahres oft in Zehn- bis 14-Stunden-Tagen in psychologischer Arbeit entlang der Ahr geleistet haben – die Stabilisierungsarbeit, die Verarbeitung dieses Grauens im Kopf – all dies sei nun wieder hochgekommen. Und das in einer sowieso schon schwierigen Zeit, die für viele Betroffene von Frustration über einen zähen oder gar nicht voranschreitenden Wiederaufbau geprägt sei.

Ein Bauzaun versperrt die Zufahrt zum zerstörten Tunnel.

Die Zerstörung im Ahrtal ist auch ein Jahr nach der Flut noch groß. Die Zufahrt zum Tunnel ist gesperrt. 

Schutt und Trümmer

"Der Druck und die Last sind enorm, vor allem bei den Älteren", weiß die Expertin, die auch öfters mit suizidgefährdeten Menschen zu tun hat. Die Menschen seien verzweifelt durch die Umstände, unter denen sie zurzeit leben müssen. Die Ungewissheit, wie und ob es weitergeht, der zähe, Kräfte zehrende Prozess, Versicherungen, Gutachter, die sich nicht melden, Handwerker, die entweder erst in Monaten Zeit haben oder sich als schwarze Schafe entpuppen, fehlende finanzielle Mittel – alles Faktoren, die den Druck noch erhöhten. Dazu immer noch Schutt und Trümmer überall – "in so einer Infrastruktur kann die Seele nicht heilen", so die Mitarbeiterin der Diakonie.

Immer öfter werde sie mit Menschen konfrontiert, die mehr und mehr abbauen, deren Kräfte schwinden, die einfach nicht mehr können. Eine Bestatterin bestätigt den Eindruck: Fünf Suizide in zwei Wochen, so ihre traurige Bilanz. 

Psychologin Sabine Elsemann hat am Jahrestag der Flut zahlreiche Gespräche mit Betroffenen geführt.

Psychologin Sabine Elsemann hat am Jahrestag der Flut zahlreiche Gespräche mit Betroffenen geführt.

Gedrückte Stimmung 

Hinzu komme bei vielen Betroffenen der Eindruck, dass im Vorfeld von Politikerbesuchen zum Jahrestag im Tal bestimmte Bereiche "aufgehübscht" würden, dass zum Beispiel die Arbeiten am Straßennetz auf einmal schneller vorangingen. "Das ist, als ob man einen Tisch mit einem riesigen Fleck hat, den man mit einem hübschen Spitzendeckchen kaschiert", so Elsemann. Kaum hätten Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Tal verlassen, sei der Fleck wieder traurige Realität.

Mit dem nahenden Jahrestag habe sich auch die seelsorgerische Arbeit verändert, beobachtet die Psychologin. Ihre Kollegin Tamara Orschler berichtet von Kindern mit Panik- und Angstattacken, nicht nur bei einsetzendem Regen. Auch Sabine Elsemann wurde von ihren jüngeren Klienten mit Blick auf den Jahrestag gefragt: "Bist Du da, kann ich Dich anrufen?" Die Erwachsenen fragten sich an diesem Tag, warum sie sich so schlecht fühlten: "Wieso grübele ich so viel, ist doch ein Tag wie jeder andere?"

Dass er das nicht ist, beweist die veränderte Stimmung im Tal. Gedrückt, bedrückt, die Erinnerung immer noch entrückt von jeder Vorstellungskraft.

Sabine Elsemann spricht mit einem Feuerwehrmann aus dem Ahrtal.

Sabine Elsemann begleitet auch Rettungskräfte in der Einsatznachsorge. Hier spricht sie mit einem Feuerwehrmann aus dem Ahrtal.

Bewährter Therapieansatz 

Die Flutnacht war während der vergangenen Monate immer wieder Thema der Gespräche. Doch selten so intensiv wie in den Tagen vor dem Datum, das für immer mit der unfassbaren Tragödie verbunden sein wird. Je näher der 14. Juli rückte, umso mehr Raum nahm auch jene schicksalshafte Nacht in der psychosozialen Begleitung ein.

Mit Blick auf die Verlängerung des diakonischen Einsatzes des Seelsorgeteams im Ahrtal bis 31. August 2023 und damit einem entspannteren Zeitplan hat Sabine Elsemann einige Therapieansätze verändert und den strukturierten Ablauf, der sich bereits in der Einsatznachsorge bei Rettungskräften bewährt hat, auch bei Betroffenen angewendet.

"Normalerweise sind meine Klienten Experten für sich selbst, geben die Richtung unserer Gespräche selbst vor", so ihr Credo. Doch die chronologische Erzählung des tiefgreifenden Ereignisses habe vielen den Ursprung ihrer Gefühle bewusst gemacht. Statements wie "Ich war ja richtig in Todesangst, ich war komplett verzweifelt" erklärten das mulmige Gefühl, wenn die Regentropfen fallen, die gedrückte Stimmung, je näher der 14. Juli rückte. Dieses Bewusstwerden sei ein wichtiger Teil der Psycho-Edukation, so die Fachfrau. 

Die brennenden Kerzen sollen an die Opfer der Flut erinnern.

Die Kerzen haben die Menschen in Mayschoß entzündet. Sie sollen an die Opfer der Flut erinnern.

Stilles Gedenken 

Während für viele Betroffene in der Nacht der Weg an die Ahr zum stillen Gedenken führt, zum Anzünden einer Kerze für die 134 Verstorbenen und die zwei immer noch vermissten Flutopfer, ist auch für Sabine Elsemann der Tag noch lange nicht zu Ende. Nach Besuchen in Kreuzberg und Altenburg hat sie auch in Walporzheim Station gemacht, Gespräche mit Betroffenen und Helfenden geführt, Visitenkarten verteilt. Es ist schon weit nach 23 Uhr, als die unverkennbar blaue Diakonie-Jacke in der Dunkelheit verschwindet, auf dem Weg in den nächsten Ort, zur nächsten Seele, die versorgt werden will.

Text: Sandra Fischer; Fotos: Sabine Elsemann, Sandra Fischer, Thomas Lohnes/DKH, Verena Bretz, Frank Schultze/DKH

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Verena Bretz
Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
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