12. Juni 2020

Internationaler Tag gegen Kinderarbeit

Schuften statt Schule

Weltweit müssen 152 Millionen Mädchen und Jungen in Fabriken, Minen oder auf Feldern arbeiten, anstatt zur Schule zu gehen. Der heutige Internationale Tag gegen Kinderarbeit macht darauf aufmerksam. Christina Margenfeld, Kampagnenkoordinatorin bei Brot für die Welt, erläutert, was die Politik tun muss, um Kinderarbeit zu beenden, und warum Kinderrechte in Corona-Zeiten besonders bedroht sind.

  • Zwei Jungen arbeiten in einem indischen Steinbruch. (Foto: Jörg Böthling/Brot für die Welt)
  • 152 Millionen Kinder weltweit müssen arbeiten. (Grafik: Brot für die Welt)
  • 48 Prozent der betroffenen Kinder sind zwischen 5 und 11 Jahre alt. (Grafik: Brot für die Welt)
  • Mehr als 100 Millionen Kinder müssen weltweit arbeiten: Brot für die Welt Jugend hat im November 2019 gemeinsam mit dem Kinderrechtsaktivisten Kailash Satyarthi vor dme Berliner Reichstag demonstriert. (Foto: Hermann Bredehorst/Brot für die Welt)

Schuften bis zum Umfallen, statt in die Schule zu gehen – das ist der Alltag für Millionen von Kindern weltweit. Was sind die Ursachen für Kinderarbeit?

Die Ursachen sind vielfältig, aber immer in extremer Armut begründet. Die Familien sind so arm, dass die Kinder dazu beitragen müssen, das Überleben zu sichern. Weltweit arbeiten 152 Millionen Kinder in Minen, Textilfabriken, auf dem Feld oder im Haushalt, davon 73 Millionen unter schlimmsten Bedingungen. Dabei leisten die Kinder oft schwere und gefährliche Arbeit wie Steine klopfen in Bergwerken. Beim Sortieren von Elektroschrott sind Kinder ebenso wie beim Färben von Textilien giftigen Substanzen ausgesetzt. Sie schuften oft wie Erwachsene.

Christina Margenfeld ist Kampagnenkoordinatorin der Aktion "100 Millionen" bei Brot für die Welt.

Christina Margenfeld ist Kampagnenkoordinatorin der Aktion "100 Millionen" bei Brot für die Welt.

Mit welchen Problemen haben die Kinder zu kämpfen?

Wenn Kinder arbeiten müssen, können sie meist nicht zur Schule gehen und haben keinen Zugang zu Bildung. 48 Prozent der Kinderarbeiter sind zwischen fünf bis elf Jahre alt, also im Grundschulalter und noch im Wachstum. Die Arbeit schädigt sie körperlich, geistig und seelisch und sie haben keine Zeit zum Spielen. Sie raubt ihnen ihre Kindheit und zerstört ihre Zukunftschancen. Im Kampf gegen Kinderarbeit kann nur ein ganzheitlicher Ansatz helfen, der auf existenzsichernde Löhne, Zugang zu Bildung, Sicherung der Gesundheit und Aufklärung über die Rechte setzt.

Wie setzt sich Brot für die Welt in seinen Projekten für Kinderrechte ein?

Gemeinsam mit unseren Partnern helfen wir den Kindern, Zugang zu Bildung zu bekommen. In vielen Projekten gibt es eine Hausaufgabenbetreuung, Stipendien oder eine Schulspeisung. Denn, für die Kinder ist Schule viel mehr als nur Bildung. Laut Welternährungsprogramm bekommen 365 Millionen Mädchen und Jungen weltweit ihr Essen in der Schule. Das ist oft die einzige warme Mahlzeit am Tag. Wie wichtig das ist, erleben wir jetzt in Zeiten von Corona. Wenn die Schulen geschlossen sind, gibt es keinen geschützten Raum für die Kinder – und auch keine Schulspeisungen mehr.

Gemeinsames Mittagessen in einem Kindergarten in Brasilien: Für manche Kinder sind die Mahlzeiten in Kitas und Schulen die einzigen des Tages. (Foto: Florian Kopp/ Brot für die Welt)

Gemeinsames Mittagessen in einem Kindergarten in Brasilien: Für manche Kinder sind die Mahlzeiten in Kitas und Schulen die einzigen des Tages. (Foto: Florian Kopp/Brot für die Welt)

Das heißt, die Situation der Kinder verschärft sich in der Corona-Krise noch weiter?

Kinder leiden speziell unter den indirekten Folgen der Corona-Krise. Aktuell leben bereits knapp 400 Millionen Kinder in prekären Lebenssituationen und extremer Armut. Die UNO schätzt, dass durch die Corona-Krise bis zu 66 Millionen weitere Kinder in extreme Armut geraten. Kinder sind dieser Situation schutzlos ausgeliefert. Mädchen und Jungen, die sowieso schon unter Armut und Mangelernährung leiden, haben ein geschwächtes Immunsystem, das heißt, sie tragen ein viel höheres Risiko als gesunde und gut genährte Kinder. In vielen Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen haben sie oftmals keinen Zugang zu guter medizinischer Grundversorgung. Bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes ist es wichtig, sicherzustellen, dass alle diesen Impfstoff erhalten und die Menschen mit dem größten Bedarf zuerst versorgt werden. Dazu zählen eben auch Kinder, die mangelernährt sind.

80 Prozent der Weltbevölkerung hat keine soziale Absicherung bei einem Verdienstausfall. Was bedeutet das? 

In vielen Ländern haben Familien durch den Lockdown ihre Jobs verloren. Bauern in Afrika oder Lateinamerika können ihre Ernte nicht mehr verkaufen. Der informelle Sektor ist besonders stark betroffen. Kinder müssen jetzt mitarbeiten und ihre Eltern unterstützen, um Einkommen zu generieren und Schulden abzubezahlen. Wir fürchten, dass durch die Corona-Krise Kinderarbeit weltweit zunehmen wird und viele Kinder nicht in die Schule zurückkehren. Deshalb brauchen wir einen Rettungsschirm für die Länder des globalen Südens.

Viele handgeknüpfte Teppiche werden noch immer von Kindern hergestellt: Ein Mädchen in Indien arbeitet an einem Teppich. (Foto: Jörg Boethling/ agenda)

Viele handgeknüpfte Teppiche werden noch immer von Kindern hergestellt: Ein Mädchen in Indien arbeitet an einem Teppich. (Foto: Jörg Boethling/agenda)

Lieferketten sind aktuell ein großes Thema. Was müssten Politik und Wirtschaft hier tun, um ausbeuterische Kinderarbeit zu bekämpfen?

Die aktuelle Corona-Krise zwingt Unternehmen dazu, bessere Risikomanagement-Systeme aufzubauen. Diese Management-Systeme dürfen sich aber nicht nur auf Geschäftsrisiken beschränken, sondern müssen auch Menschenrechtsrisiken einschließen. Wir fordern mehr Transparenz in den globalen Lieferketten. Es muss nachvollziehbar sein, wo die Rohstoffe herkommen und wo diese von wem unter welchen Bedingungen zu Produkten verarbeitet werden. Die Unternehmen müssen dafür sorgen, dass in den Produkten, die in Deutschland verkauft werden, keine Kinderarbeit steckt. Dafür brauchen wir einen gesetzlichen Rahmen. Kinderrechte sind Menschenrechte und nicht verhandelbar.

Schülerinnen und Schüler demonstrieren für Kinderrechte: Im November 2019 rief Brot für die Welt zur gemeinsamen Demo mit dem Kinderrechtsaktivisten Kailash Satyarthi auf. (Foto: Hermann Bredehorst/Brot für die Welt)

Schülerinnen und Schüler demonstrieren für Kinderrechte: Im November 2019 rief Brot für die Welt zur gemeinsamen Demo mit dem Kinderrechtsaktivisten Kailash Satyarthi auf. (Foto: Hermann Bredehorst/Brot für die Welt)

Was kann jeder Einzelne noch tun?

Wir können alle auf unseren Konsum achten. Wo und wie wird das T-Shirt hergestellt, das nur zwei Euro kostet? Wo kommt der Kakao für unsere Schokolade her? Man kann zum Beispiel Produkte aus dem Fairen Handel kaufen. Hier können die Käufer sicher sein, dass die Produkte ohne Kinderarbeit hergestellt werden. Es gibt einige Siegel, wie beispielsweise Xertifix für Natursteine. Ein umfassend anwendbares Siegel gegen Kinderarbeit gibt es allerdings noch nicht.

Das Interview führte Sabine Portmann. Fotos: Brot für die Welt und agenda

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Portmann

Drittmittel und Fundraising
Ökumenische Diakonie/Brot für die Welt

 

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Die Kampagne "100 Millionen"

Mit der Kampagne "100 Millionen" setzt Brot für die Welt Jugend ein Zeichen gegen die Ausbeutung von weltweit über 100 Millionen Kindern. Dazu startet am Internationalen Tag gegen Kinderarbeit auf Instagram eine Aktion, an der sich jeder beteiligen kann. Brot für die Jugend setzt sich bereits seit Langem für die Rechte von Kindern ein. In Berlin gab es beispielsweise eine Demo mit dem Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi. Er kämpft seit über 40 Jahren gegen die Ausbeutung von Kindern und hat bereits mehr als 80.000 Kinder aus Zwangsarbeit und Sklaverei befreit. Außerdem organisiert Brot für die Welt Jugend Workshops zum Thema Kinderarbeit – zurzeit online. Ab Herbst sollen die Seminare auch wieder in Schulen stattfinden.