28. April 2021

Impfungen weltweit

Ringen um Gerechtigkeit

Ausverkauft – die reichsten Nationen haben sich die verfügbaren Impfstoffe gesichert. Während in den USA die Hälfte der Bevölkerung gegen das Virus geimpft wurde, ist in mindestens 30 Ländern noch keine einzige Dosis angekommen. Eine gerechte Verteilung ist notwendig, um die Pandemie zu besiegen, sagt Ulrich Christenn vom Zentrum Drittmittel und Fundraising in unserer neuen Folge der Reihe #ärmelhoch.

  • Ulrich Christenn, Leiter des Zentrums Drittmittel und Fundraising, "Ich lasse mich impfen, weil ein kleiner Pieks auch ein Zeichen von Solidarität sein kann."
  • Impfstatement von Diakonie RWL-Vorstand Thomas Oelkers
  • Helga Siemens-Weibring, sozialpolitische Beauftragte der Diakonie RWL, hat sich gegen Covid-19 impfen lassen.
  • Ein afrikanischer Arzt impft ein Mädchen

Niemand ist sicher, bis alle sicher sind. So lautet die Devise der WHO, mit der sie für eine gerechtere Verteilung der Impfstoffe wirbt. Was ist damit gemeint?

Die Impfstoffe gegen Covid-19 sind ungerecht verteilt. Bislang haben sich 16 Prozent der Weltbevölkerung 60 Prozent des verfügbaren Impfstoffs gesichert. Das liegt auch an den Preisen. Ein Moderna-Impfstoff, der im Schnitt bis zu 15 Euro je Dosis kosten kann, ist für den Großteil der Welt unerschwinglich. Hinzu kommen die Vorabverträge mit potenziellen Herstellern.

Die haben dazu geführt, dass einige Länder wie Gibraltar oder Israel fast ihre gesamte Bevölkerung durchgeimpft haben, während der Großteil der Welt auf verfügbaren Impfstoff warten muss. Das ist nicht nur unmoralisch, sondern auch gefährlich. Denn während in den nicht versorgten Ländern die Pandemie wütet und die Menschen sterben, steigt gleichzeitig auch die Gefahr weiterer gefährlicher Mutationen, gegen die im schlimmsten Fall die bislang entwickelten Impfstoffe nicht mehr wirken. Wir können die Pandemie nur global und gemeinsam bekämpfen. Ein nationaler Impf-Egoismus bringt uns nicht weiter.

Eine Partnerorganisation von Brot für die Welt verteilt in Kisumu, Kenia Hilfsgüter an arme Familien, die durch die Covid-19 Maßnahmen kein Einkommen haben.

Den Hunger bekämpfen: Eine Partnerorganisation von Brot für die Welt verteilt in Kisumu, Kenia Hilfsgüter an arme Familien, die durch die Covid-19 Maßnahmen kein Einkommen haben.

Die Covax-Initiative setzt sich dafür ein, dass auch die ärmeren 91 Nationen Impfstoffe erhalten. Wie soll das klappen?

Die Initiative führt für möglichst viele Länder die Preisverhandlungen und senkt so die Preise.

Bis Ende 2021 sollen mindestens zwei Milliarden Impfstoffdosen bereitstehen, damit jedes Land mindestens ein Fünftel seiner Bevölkerung – vor allen anderen ältere Menschen und medizinisches Personal – impfen kann. Und auch die Afrikanische Union hat deutlich über 500 Millionen Impfdosen bestellt.

Die Impfungen müssen dann aber zu den Menschen kommen. Wie kann das klappen, wenn viele Länder eine schlechte Infrastruktur haben?

Das ist sicherlich eines der größten Probleme. In Malawi hat das zuletzt zu einem bizarren Phänomen geführt: Die Impfdosen kamen nicht rechtzeitig bei den Menschen an. Zuletzt hat Malawi 16.000 Dosen zerstören müssen, weil sie abgelaufen waren, bevor sie genutzt werden konnten.

Eine weitere Schwierigkeit, die sich abzeichnet, ist die Impfbereitschaft. Die ist in einigen Ländern extrem niedrig. Wir hören über die Verantwortlichen bei Brot für die Welt, dass Impfzentren oft tagelang leer bleiben, weil niemand kommt. In einer Online-Befragung haben zwei Drittel unserer afrikanischen Partner angegeben, dass sie einer Impfung skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen. Dass einige Länder auf Impfstoffe wie AstraZeneca oder Johnson & Johnson verzichten, hilft da auch nicht weiter. Wenn diese Impfstoffe dann in andere Länder, die keine Wahl haben, geliefert werden, kann das für zusätzliches Misstrauen sorgen.

Dr. Djekadoum Ndilta mit einem Jungen in der Kinderstation

Nur ein einziges Beatmungsgerät: Dr. Djekadoum Ndilta leitet das Krankenhaus von Koyom im Tschad. Es ist das einzge für bis zu 100.000 Menschen in der Region.

Was macht Brot für die Welt konkret, damit ärmere Länder mit ihren Impfkampagnen vorankommen?

Brot für die Welt stattet zusammen mit unseren Partnerorganisationen lokale Gesundheitseinrichtungen mit Material und Know-how aus, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen. So wird auch eine Grundlage für spätere Impfkampagnen geschaffen. Zum Beispiel werden Krankenhäuser und Gesundheitsstationen in 18 afrikanischen Ländern mit Sauerstoff-Konzentratoren, Infrarot-Thermometern, Schnelltests, Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmitteln versorgt. Das medizinische Personal wird zu Ansteckungswegen und vorbeugenden Maßnahmen gegen das Virus geschult.

Außerdem betreibt Brot für die Welt Lobbyarbeit auf nationaler und internationaler Ebene. Auf der einen Seite setzt sich das evangelische Hilfswerk bei der Bundesregierung und Unternehmen für mehr Impfgerechtigkeit ein und unterstützt die WHO und die Covax-Initiative. Auf der anderen Seite versucht Brot für die Welt, Partnerorganisationen und Kirchen in Ländern südlich der Sahara über Covid-19 und die Impfungen zu informieren. Hier können auch die deutschen Kirchen und Gemeinden mithelfen. Der direkte Kontakt zu den Partnergemeinden ist viel vertrauenswürdiger als offizielle Informationen. Wir hoffen, dass wir so viele Menschen erreichen und dazu beitragen können, dass die Impfbereitschaft steigt.

Welche Folgen hat die Pandemie derzeit in den Ländern?

Ein bisher kaum beachteter Aspekt sind die Rücküberweisungen der Verwandten aus dem Norden, die fallen viel geringer aus. Im Sudan, den Philippinen und in Tonga machen diese Überweisungen von im Ausland arbeitenden Menschen an ihre Familien zwischen 30 und 40 Prozent des Bruttosozialprodukts aus. Ein Großteil hat keine Möglichkeit mehr zu arbeiten, wegen geschlossener Grenzen und Corona-Bestimmungen.

Die Zahl der Hungernden könnte im schlimmsten Fall auf 822 Millionen Menschen weltweit steigen. In nur einem halben Jahr sind unsere Erfolge aus sechs bis sieben Jahren entwicklungspolitischer Arbeit zu Nichte gemacht worden. Schon allein, um den Menschen wieder eine Lebensgrundlage zu ermöglichen, müssen wir die Corona-Pandemie schnell gemeinsam in den Griff bekommen.

Das Interview führte Ann-Kristin Herbst.
Fotos: Shutterstock (Teaserbild), Herbst, Brot für die Welt und Christoph Püschner/Brot für die Welt.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ulrich T. Christenn

Brot für die Welt, Katastrophenhilfe, Sammlungen, Kollekten, Hoffnung für Osteuropa

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Lokale Produktion stärken
Brot für die Welt setzt sich dafür ein, dass Covid-19-Impfstoffe lokal in den Ländern hergestellt werden. Analysen zeigten, dass gerade die neuen Messenger RNA Impfstoffe gut zu reproduzieren sind und dass es genauso wie in Europa auch in Asien, Afrika oder Lateinamerika etwa sechs Monate dauern würde, bis Produktionsstandorte aufgebaut wären. Eines der Hindernisse ist das Patentsystem. Es schütze vor allem die Hersteller und erschwere eine Reproduktion der Impfstoffe. Die Patente müssen für die Dauer der Pandemie ausgesetzt werden, fordert Brot für die Welt. Denn die Impfstoffe hätten nur entwickelt werden können, weil jahrzehntelang in öffentlichen Einrichtungen Grundlagenforschung betrieben wurde.
(Quelle: Brot für die Welt)