6. Juli 2017

Herausforderung Fundraising

Von der Sammelbüchse bis zur Stiftung

Ob Bahnhofsmission, Hospiz oder Frauenhäuser – viele diakonische Projekte würde es ohne Spenden und Kollekten nicht geben. Doch die Zeiten, in denen Sammelbüchse und Kontonummer dafür ausreichten, sind vorbei. Fachwissen ist gefragt. Ulrich Christenn leitet bei der Diakonie RWL das neue Zentrum Drittmittel und Fundraising. Gemeinsam mit den drei Landeskirchen in NRW lädt er heute zum Fundraisingtag nach Dortmund ein.

Portrait

Ulrich T. Christenn

Warum brauchen Kirche und Diakonie in RWL einen Fundraisingtag?

Schon lange werden bei Kirche und Diakonie Spenden eingeworben. Doch die traditionellen Methoden – das Sammeln mit Spendenbüchse, die Kollekte und der Überweisungsträger im Gemeindebrief – reichen nicht mehr aus, um damit größere Projekte zu finanzieren. Das Internet spielt inzwischen eine immer größere Rolle, etwa beim Online-Fundraising. Auch mit den Besonderheiten von Stiftungsgeldern und öffentlichen Projektmitteln müssen wir uns auskennen. Der Fundraisingtag in Dortmund dient dazu, Erfahrungen und Ideen auszutauschen und Anregungen für ein erfolgreiches Einwerben von Spenden in diakonischen Einrichtungen und Kirchengemeinden zu bekommen.

Auch die Diakonie RWL hat ein Zentrum Drittmittel und Fundraising gegründet. Sie sind der Leiter. Was haben Sie vor?

Wir wollen helfen, die guten Ideen und Visionen von Mitgliedern möglich zu machen – auch jenseits der Regelfinanzierung. Viele diakonische Arbeitsfelder würde es ohne Spenden nicht geben: Frauenhäuser, Bahnhofsmission oder Sozialkaufhäuser könnten ohne Spenden und Kollekten nicht bestehen. Wir beraten diakonische Einrichtungen auch beim Entwickeln neuer Projekte. Wenn ein Kindergarten behinderte Kinder und Inklusion stärker fördern möchte, dann reicht das Geld der Regelfinanzierung nicht aus. Wenn ein Altenheim die palliative Versorgung von schwer kranken Menschen ausbaut, braucht es zusätzliche Geldquellen. Oder wenn Kirchengemeinden in der Flüchtlingsarbeit schnell und unkonventionell helfen wollen und der Staat noch nicht schnell genug für eine Finanzierung gesorgt hat. Hier können wir mit professionellem Fundraising unterstützen.

Sie beraten auch bei Anträgen an große Stiftungen wie die Aktion Mensch, Glücksspirale oder Stiftung Wohlfahrtspflege.

Das ist der Schwerpunkt unserer Arbeit. Hier gibt es noch viel Potenzial für Projekte von Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen. Manchmal ist es erfolgversprechender, über Stiftungen einen Antrag zu stellen als eine Spendensammelaktion zu organisieren. Darum wollen wir die Beratungsarbeit für Stiftungen und Lotteriemittel ausbauen. Doch die Stiftungen haben ihre eigene Agenda, die nicht immer deckungsgleich ist mit dem, was unsere Einrichtungen wollen. Insofern braucht es eine gute Beratung, die wir mit unserem Zentrum bieten möchten. Hier bündeln wir unser Know-how aus den verschiedenen Abteilungen des Landesverbandes.

zu Häusern gefaltete Geldscheine

Ohne Kollekten und Spenden geht in vielen Kirchengemeinden nichts mehr (Foto: Esther Stosch/pixelio.de)

Sie sind auch verantwortlich für die Kollekten der rheinischen und westfälischen Kirche. Um wie viel Geld geht es da?

Das sind insgesamt fast 1,8 Millionen Euro für die unterschiedlichsten diakonischen Zwecke. Zum Beispiel für die Alten-, Behinderten- oder Gefährdetenhilfe, aber auch für die Arbeit mit Kindern. Hinzu kommen mehr als drei Millionen Euro für „Brot für die Welt“. Das ist eine große Verantwortung. Die Kollekten, die uns die Menschen in den Gottesdiensten anvertrauen, wollen wir nach einem transparenten und einheitlichen Verfahren verteilen. Bei 30 unterschiedlichen Kollektentöpfen aus zwei Landeskirchen ist das eine echte Herausforderung.

Was möchten Sie ausbauen oder neu aufbauen?

Wir begleiten seit vielen Jahren die Diakonie-Sammlungen. Mehrere tausend Ehrenamtliche in hunderten Kirchengemeinden sammeln Geld für die diakonische Arbeit. Das ist ein tolles Engagement, für das wir dankbar sind. Doch es ist eine alte traditionelle Fundraising-Methode, die wir modernisieren müssen. Hier gibt es unterschiedliche Ideen für eine gemeinsame, solidarische Spendensammelaktion über Gemeindegrenzen hinweg. Darüber hinaus überlegen wir, eine Art Dach-Stiftung als Service und Unterstützung für kleinere Einrichtungen und Gemeinden zu gründen, für die es zu aufwendig ist, eine eigene Stiftung zu bewirtschaften. Und als Drittes wollen wir verstärkt das Thema Quartiersentwicklung und Sozialraum fördern. Hier können Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen viele gute und interessante Projekte anbieten. Wir wollen sie bei der Projektentwicklung beraten und bei den oft komplizierten Fördermittelanträgen unterstützen.

Welche Rolle wird Fundraising und die Fördermittelberatung in Zukunft spielen?

Die wichtigste Säule für Wohlfahrtseinrichtungen ist die staatliche Finanzierung über Steuern und Versicherungen. Wir müssen dafür kämpfen, dass das so bleibt. Daneben wird aber auch das private Engagement der Bürgerinnen und Bürger, aber auch der Unternehmen immer wichtiger. Nicht nur, um Lücken zu füllen, sondern auch, um Verantwortung zu teilen und nicht alles auf den Staat abzuschieben. Hier kommen das Fundraising und die Fördermittelberatung ins Spiel. Wir leben in einem reichen Land. Es gibt genug Privatvermögen. Es kommt nur darauf an, es mit sozialem Engagement zu verbinden und in sinnvolle Projekte zu lenken.

Das Interview führte Sabine Portmann.                  

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ulrich T. Christenn
Brot für die Welt, Katastrophenhilfe, Sammlungen, Kollekten
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