8. August 2017

Diakonisch im Ausland: Michael Frischmuth

Hilfe für Menschen, die alles verloren haben

Michael Frischmuth plant Einsätze für die Diakonie Katastrophenhilfe in Asien an seinem Schreibtisch in Berlin. Wenn ein Erdbeben passiert und in einer Region nichts mehr funktioniert oder in einer Krisenregion Flüchtlinge dringend Hilfe brauchen, dann fliegt der Kontinentalleiter auch in Länder wie Nepal oder Syrien. Wie er die Menschen unterstützt, die plötzlich alles verloren haben, erzählt er in unserer Sommerreihe.

Michael Frischmuth, Kontinentalleiter bei der Diakonie Katastrophenhilfe

Wie sind Sie zu Ihrem Job bei der Diakonie Katastrophenhilfe gekommen?

Ich habe nie etwas anderes gemacht als Humanitäre Hilfe. Neben meinem Studium der Ernährungswissenschaften mit Schwerpunkt Ernährung in Entwicklungsländern habe ich auch einen Master in Management der Humanitären Hilfe abgeschlossen. Danach war ich knapp zehn Jahre im Ausland tätig. Ende der 90er Jahre im Kosovokrieg, im Südsudan, im Irak  und im Krieg in Darfur. Von einem Einsatz zum nächsten. 2005 bin ich dann nach Deutschland zurückgekehrt. Das war eine bewusste Entscheidung. Wer so lange im Ausland in Kriegsgebieten lebt, muss aufpassen, dass er den Anschluss an Freunde und Verwandte nicht verpasst. Ich wollte meine Heimat nicht verlieren. Und man kann eine so auszehrende Arbeit nicht bis ins hohe Alter machen.

Wie koordiniert man Hilfseinsätze in aller Welt am Schreibtisch in Deutschland?

Ich glaube, das geht nur, wenn man selbst Auslandserfahrung hat, und da reicht nicht nur ein Aufenthalt von zwei bis drei Monaten. Die Arbeit für die Diakonie Katastrophenhilfe findet immer unter extremen Bedingungen statt, besonders bei bewaffneten Konflikten. Das muss man selbst erlebt haben. Was in Katastrophengebieten schnell passieren muss, ist sonst von Deutschland aus schwer zu steuern.

Ein zerstörtes Haus in Nepal nach dem Erdbeben 2015.

Wie versuchen Sie denn zu steuern?

Wir prüfen jeden Morgen die Nachrichtenlage online und auch die Tageszeitungen, ob sich zum Beispiel ein Erdbeben oder ein Taifun abzeichnet. Wenn es eine Katastrophe gibt, müssen wir entscheiden, ob die Diakonie Katastrophenhilfe aktiv wird. Wir haben eine Jahresplanung, in der die finanziellen Ressourcen für verschiedene Regionen festgelegt sind. Für uns als Experten sind die meisten Katastrophen planbar, außer Erdbeben. Kommt es zu einer akuten Katastrophe, fahren wir in die Region und organisieren mit unseren Partnerorganisationen vor Ort die Hilfe.

Wie ist das, wenn man in einer Region ankommt, in der gerade eine Katastrophe passiert ist?

Ich habe das zum Beispiel erlebt in Nepal nach dem Erdbeben im April 2015. Da kam ich an und es war Chaos am Flughafen. In der Stadt hat nichts funktioniert. Für solche Fälle bringt man seine eigene Kommunikation mit, zum Beispiel ein Satellitentelefon. Wir haben Batterien und Solarpaneele, Zelte und Medikamente dabei. Es gibt dafür hier in Berlin fertige Koffer. Dann müssen wir uns im Land eine Basis schaffen. Wir suchen ein Hotel oder ein Haus und versuchen Kontakte aufzubauen zu Projektpartnern vor Ort. 

Männer und Frauen arbeiten in einem Straßenbauprojekt der Diakonie Katastrophenhilfe.

In Nepal waren das Partner von unserer Schwesterorganisation "Brot für die Welt". Parallel dazu muss die internationale Hilfe abgestimmt werden. Auch mit den Vereinten Nationen und den staatlichen Stellen im Land müssen wir reden. In den ersten Tagen und Wochen geht es darum, die Menschen mit dem zu versorgen, was man zum Leben braucht: Wasser, Lebensmittel, Notunterkünfte und medizinische Versorgung. Die Lebensmittel versuchen wir im Land oder in Nachbarländern zu kaufen. Jede Katastrophe ist anders, es gibt nicht die Lösung aus der Schublade.

Bei Naturkatastrophen ist die Spendenbereitschaft in Deutschland  anfangs sehr groß. Wie nutzen Sie das?

Wir stehen im Land sofort für Interviews mit der Presse zur Verfügung. Wir suchen Geschichten und machen Fotos. Unter dem Eindruck der ersten Bilder versuchen wir Spenden in Deutschland zu sammeln. Geld, das wir nicht nur für die Nothilfe, sondern auch für den Wiederaufbau und die Katastrophenvorsorge brauchen. Insgesamt erhält die Diakonie Katastrophenhilfe pro Jahr etwa 15 Millionen Euro Spenden. Dazu kommen noch Mittel der Bundesregierung, der EU und der Vereinten Nationen. Insgesamt ist das ein Budget von 50 bis 60 Millionen Euro.

Eine Familie baut ihr Haus erdbebensicher wieder auf.

Wie läuft dann die Zusammenarbeit mit den lokalen Partnern?

Es ist ja ein wichtiges Prinzip der Diakonie Katastrophenhilfe, dass wir mit lokalen Partnern im Land zusammenarbeiten. Wir müssen zunächst prüfen, ob wir zusammenpassen. Ob die Partner den administrativen Vorgaben entsprechen. Und ob diese eigene Finanzfachkräfte haben, um die Spendengelder zu verwalten. Wir machen neutrale Humanitäre Hilfe. Wir helfen allen. Unsere Hilfe soll natürlich auch dafür sorgen, dass die Menschen langfristig wieder selbstständig leben können.  Dafür muss die Infrastruktur, aber auch das Gesundheits- und Bildungssystem wieder aufgebaut werden. Die Landwirtschaft muss katastrophenresistenter sein.

Sie erleben in den Einsätzen schreckliche Bilder. Wie kommt man damit klar?

Ich habe schon viel Leid erlebt und ich weiß, auf welche Bilder ich treffen werde. Es ist eine Herausforderung, die Distanz zu wahren. Wenn wir ankommen und es ist eine schwere Katastrophe passiert, dann geht es um Geschwindigkeit. Wir müssen die wichtigsten Dinge für das Überleben zur Verfügung stellen und wir können uns oft nicht mit Einzelschicksalen befassen. Das muss man ausblenden. Wir stehen unter Daueradrenalin und arbeiten die ganze Zeit durch. Länger als vier Wochen sollte man das nicht machen.

Wassertanks retten Leben.

Was motiviert sie immer wieder? Und wie hat sie die Arbeit verändert?

Wenn ich heute in den Balkan fahre und sehe die Häuser und ein ganz normales Leben, als wäre nichts gewesen, macht mich das zufrieden. Auch in Nepal habe ich eine große Eigeninitiative erlebt. Die Menschen sagen "Danke, aber jetzt möchten wir alleine weitermachen". Sie sind sehr gastfreundlich. Wir bekommen Urkunden und Blumen. Hier in Deutschland sehe ich viele Dinge doch relativ entspannt. Wenn man erlebt hat, dass nach einem Erdbeben das ganze Leben weg ist, dann misst man mit anderen Maßstäben, was ein Problem ist.

Das Interview führte Sabine Portmann.

Fotos: Hermann Bredehorst, Thomas Lohnes, Philipp Hedemann / Diakonie Katastrophenhilfe

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Portmann
Presse- und Medienarbeit
Brot für die Welt
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