15. Juni 2018

"Brot für die Welt" in Mexiko

Mexiko - Ein fußballbegeistertes Land mit Schattenseiten

Am Sonntag spielt Deutschland gegen WM-Auftaktgegner Mexiko. Ein fußballbegeistertes Land, das um internationale Anerkennung kämpft. Aber auch ein Schwellenland mit Schattenseiten. Denn Menschenrechte zählen in Mexiko nicht viel. Ulrich Christenn war mit einer Delegation von "Brot für die Welt" vor Ort. Im Interview berichtet er über seine Eindrücke.

Ulrich Christenn besuchte mit einer Delegation "Brot für die Welt"-Projekte in Mexiko.

Der Schwerpunkt von "Brot für die Welt" sind Ernährungsprojekte und die Förderung des Prinzips "Hilfe zur Selbsthilfe". Sie haben mit einer Delegation der evangelischen Hilfsorganisation Menschenrechtsprojekte in Mexiko besucht. Warum sind die Menschenrechte in dem lateinamerikanischen Land bedroht?

Offiziell ist Mexiko eine Demokratie, aber in dem lateinamerikanischen Land mit 125 Millionen Einwohnern spielt Korruption eine große Rolle. Außerdem beherrschen Drogenkartelle das Land, die ständig Kriege untereinander und mit der Regierung führen. Allein im vergangenen Jahr sind laut offiziellen Regierungsstatistiken 26.000 Menschen ermordet worden. Insgesamt waren es 200.000 Tote in zwölf Jahren. Hinzu kommen nach offiziellen Angaben rund 35.000 registrierte Verschwundene – Menschen, die gegen die Politik des Staates protestiert haben oder zwischen die Fronten der Drogenbanden gerieten. Tatsächlich sind es aber sehr viel mehr. Wer das Verschwinden seiner Angehörigen meldet, riskiert schließlich, selbst bedroht zu werden oder sogar, dass weitere Angehörige verschwinden.

Eine Parkbank thematisiert das "Verschwinden".

Was tut der mexikanische Staat?

Staatliche Stellen sind meist nicht an einer Aufklärung interessiert. Man spricht in Mexiko von "simulación". Nach außen sieht alles gut aus. Es gibt gute Gesetze gegen das gewaltsame "Verschwindenlassen" und gegen Folter. Sie werden aber nicht umgesetzt, denn es gibt eine Vermischung von Staat und Kriminalität. Deshalb bleiben die meisten Verbrechen straflos. Die Behörden suchen nicht nach den Verschwundenen, sondern kriminalisieren sie. Es heißt dann, sie hätten sich vermutlich an Drogengeschäften beteiligt und seien deshalb entführt oder gar getötet worden. Die Partner von "Brot für die Welt", mit denen wir in Mexiko gesprochen haben, haben uns immer wieder gebeten, in Deutschland und Europa Druck zu machen, damit sich die Menschenrechtssituation verbessert. Sie meinen, dass die internationale Aufmerksamkeit den mexikanischen Staat bewegt, die Situation zu verändern.

Am Muttertag demonstrieren die Mütter, um auf das Schicksal ihrer verschwundenen Söhne und Töchter aufmerksam zu machen.

Wie unterstützt "Brot für die Welt" die Angehörigen der Verschwundenen in Mexiko?

Besonders die Mütter der verschwundenen Söhne und Töchter haben sich organisiert. Seit vielen Jahren beraten Partnerorganisationen von "Brot für die Welt" Familienangehörige in Mexiko. Sie helfen ihnen zum Beispiel dabei, die Verbrechen bei der Staatsanwaltschaft zu melden. "Brot für Welt" wiederum finanziert die Arbeit der Projektpartner. So konnten mexikanische Hilfsorganisationen zum Beispiel auch eine Gruppe von argentinischen Forensikern damit beauftragen, sie bei der Suche nach Verschwundenen und der Identifizierung von Toten zu unterstützen. Für die Angehörigen der Verschwundenen ist es wichtig zu wissen, ob ihre Partner, Kinder oder Freunde unter den Leichen sind, die in Mexiko immer wieder in Massengräbern auftauchen. In Argentinien sind während der Militärdiktatur viele Menschen verschwunden. Dort gibt es Experten, deren Erfahrungswissen betroffenen Familien in Mexiko helfen kann.

Die Angehörigen der Verschwundenen sind verzweifelt.

Welche Begegnung hat Sie auf Ihrer Reise mit "Brot für die Welt" besonders berührt?

Wir sind immer wieder auf den Fall der 43 Studenten der Hochschule von Ayotzinapa aufmerksam gemacht worden, die auf dem Weg zu einer Demonstration in Mexiko-City verschwunden sind. Das war im September 2014. Bis heute gibt es keine Spur von ihnen. Mit den Angehörigen zu sprechen und ihre Verzweiflung hautnah zu erleben, hat unsere gesamte siebenköpfige Delegation sehr bewegt. Auch der Protest von rund 1.000 Müttern am Muttertag hat mich tief beeindruckt. Viele Menschen in Mexiko haben Angst, öffentlich Kritik an der Regierung zu üben. Doch diese Mütter schweigen nicht. Sie geben die Hoffnung nicht auf, dass sie ihre Angehörigen lebend wiedersehen.

Die Fußball-WM ist auch eine Chance auf die Probleme in Mexiko aufmerksam zu machen.

Was kann Deutschland tun?

Mexiko ist ein Land auf dem Sprung in die sogenannte "Erste Welt". In Mexico City erlebt man eine hochmoderne Stadt mit einem sehr gut funktionierenden Bussystem. Aber hinter dieser Fassade haben wir ein Staatssystem kennengelernt, das nicht richtig funktioniert und von Korruption und Kriminalität zersetzt ist. Mexiko braucht Rechtsstaatlichkeit und wirksame Mechanismen, um den Schutz von Menschenrechten zu sichern. Deutschland ist ein wichtiger internationaler Handelspartner und sollte das immer wieder zum Thema machen. Das gilt auch für die vielen deutschen Firmen, die in Mexiko investieren.  „Brot für die Welt“ hat dafür bereits eine gute Grundlage mit einer Studie geschaffen, die das "Verschwindenlassen" in Mexiko dokumentiert. Auch die Fußball-WM bietet eine Chance, auf das Schicksal der Verschwundenen in Mexiko aufmerksam zu machen.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.
Fotos: Ulrich Christenn

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Ulrich T. Christenn
Brot für die Welt, Katastrophenhilfe, Sammlungen, Kollekten
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