2. Oktober 2019

Mit "Brot für die Welt" in Angola

Reiche Eliten, arme Bevölkerung

Sein Ölreichtum hat Angola ein zweistelliges Wirtschaftswachstum beschert. Dennoch gehört der afrikanische Staat zu den ärmsten Ländern der Welt. Den reichen Eliten in den Städten steht eine arme Landbevölkerung gegenüber. Seit langem engagiert sich "Brot für die Welt" für die Kleinbauern in Angola. Sabine Portmann, regionale Referentin für das Hilfswerk bei der Diakonie RWL, hat sich vergangene Woche einige Projekte direkt vor Ort angeschaut.

  • Angola-Reise mit Blick auf die Skyline Luandas

Angola ist reich an Bodenschätzen, aber gehört dennoch zu den ärmsten Ländern der Welt. Ist dieser Gegensatz für Reisende überhaupt sichtbar?

Wenn man durch das Land reist, dann auf jeden Fall. Wer nur in der Hauptstadt Luanda bleibt, dem bietet sich ein einseitiges Bild. Dort sind wir mit unserer Reisegruppe, die aus 12 regionalen Öffentlichkeitsarbeitern für "Brot für die Welt", einer Übersetzerin und Afrikaexperten des Hilfswerks bestand, angekommen. Das ist eine moderne Großstadt mit Wolkenkratzern und glitzernden Hausfassaden. Luanda gehört zu den teuersten Metropolen der Welt. Hier werden Appartements zum monatlichen Mietpreis von 15.000 Dollar angeboten. Doch wer über Land fährt, der sieht die Armut der Bevölkerung sofort. Man ist auf nicht befestigten, holprigen Straßen unterwegs und sieht Lehmhäuser ohne Strom und fließendes Wasser.

Blick auf eine Hütte

Auf dem Land gibt es weder fließendes Wasser noch Strom.

"Brot für die Welt" engagiert sich schon lange in Angola. Was sind Schwerpunkte der entwicklungspolitischen Arbeit?

Wie in allen Projekten arbeitet "Brot für die Welt" auch hier eng mit lokalen Partnern zusammen. In Angola ist es die Organisation ADRA, die während des 27-jährigen Bürgerkriegs gegründet wurde und sich damals um die vielen Binnenflüchtlinge gekümmert hat. Der Krieg brach aus, kurz bevor die Portugiesen Angola 1975 in die Unabhängigkeit entließen. Erst 2002 schlossen die beiden Kriegsparteien, die ursprünglich marxistische MPLA und die vom Westen unterstützte UNITA, einen dauerhaften Frieden. Seitdem hilft ADRA Kleinbauern, ihre Rechte wahrzunehmen und eine Landwirtschaft aufzubauen, von der sie leben können. Der jahrzehntelange Krieg hat die gesamte Infrastruktur weitgehend zerstört. Weniger als die Hälfte der Einwohner lebt noch auf dem Land. Dort verarmen sie, weil der Staat wie auch private Investoren immer mehr Großfarmen errichten.

Afrikaner mit Smartphone

Mit GPS vermessen die Kleinbauern ihr Land. Der Weg zur offziellen Anerkennung ihres Landes ist lang.

Wie unterstützt ADRA die Kleinbauern dabei, ihr Land zu behalten?

Wir haben Projekte in der Provinz Huila besucht. Sie liegt im Südwesten Angolas und eignet sich aufgrund der relativ guten Wasserversorgung des Huila-Plateaus für eine ertragreiche Landwirtschaft. Nach dem Bürgerkrieg ist die Dorfgemeinschaft, die ADRA hier unterstützt, zurückgekehrt und hat ihre Gemeinde neu aufgebaut. Doch die nationalen Eliten aus Politik, Militär und Wirtschaft erwerben Landtitel, obwohl das entsprechende Land von Kleinbauern und ländlichen Gemeinden genutzt wird. Sie vertreiben die Kleinbauern, die meist nicht nachweisen können, dass das Land ursprünglich ihnen gehörte. ADRA hilft ihnen, das Land zu vermessen und bei den Behörden anerkennen zu lassen. Dazu braucht es nicht nur die nötigen Kenntnisse, sondern auch Hartnäckigkeit und Selbstbewusstsein. Ich war tief beeindruckt, mit welchem Engagement und sicherem Auftreten die Kleinbauern uns erklärt haben, wie sie ihr Landrecht wahrnehmen.

Afrikanerin auf einem Feld

ADRA unterstützt die Kleinbauern beim Aufbau einer ökologischen Landwirtschaft.

Wirkt sich der Klimawandel auch auf die Landwirtschaft Angolas aus?

Leider ja. Zwar sind seit der Unabhängigkeit Angolas immer wieder Dürren aufgetreten, doch sie häufen sich und führen zu Bodenerosionen und Versteppung. Umso wichtiger ist eine ökologische Landwirtschaft, die auf starkes Düngen und den Einsatz giftiger Schädlingsbekämpfung verzichtet. Auch ein gutes Wassermanagement ist lebensnotwendig. Man muss das Wasser speichern, wenn es einmal regnet und es vernünftig verteilen. Bei all dem hilft ADRA den Kleinbauern in der Region. Dazu haben wir uns Ernährungssicherungsprojekte angeschaut. Ein weiteres Problem sind die schwer zugänglichen Straßen auf dem Land. Es muss Gemüse und Obst angebaut werden, das länger haltbar und gut zu transportieren ist, so dass die Kleinbauern es auf den lokalen Märkten selbst verkaufen können. Sie bauen zum Beispiel Zwiebeln und Knoblauch, Kartoffeln, Mais, Hirse, Kakao und Kohl an. Das wichtigste Agrarerzeugnis für den Eigenbedarf ist Maniok.

Afrikanisches Schulmädchen mit Hocker in der Hand

Mit Hocker in die Schule - In Angola fehlt es oft an Unterrichtsmaterial und Schulmöbeln.

Landwirtschaftliche Kenntnisse setzen auch Schulbildung voraus. Wie sieht es damit in Angola aus?

Noch bis in die 1960er Jahre hinein konnten 99 Prozent der Angolaner weder lesen noch schreiben. Heute besteht eine Schulpflicht für Kinder zwischen sieben und fünfzehn Jahren. Rund 80 Prozent besuchen die vierjährige Grundschule, aber gerade in ländlichen Regionen brechen viele Kinder die Schule ab. Es fehlen Unterrichtsräume und Lehrmaterialien. Wir haben auf unserer Reise viele Kinder gesehen, die ihre Schulhocker selbst mitbringen mussten. ADRA unterstützt die Dorfgemeinschaften dabei, ihre Schulen besser auszustatten. Das geschieht auch mit einer Schulspeisung. So verteilen die Kleinbauern unter den Kindern regelmäßig kostenlosen Kürbiskuchen.

Diakonie RWL-Referentin Sabine Portmann in Angola

Ende September ist Sabine Portmann nach Angola geflogen. Eine Reise, an die sie sich noch lange erinnern wird.

Was hat Sie auf dieser Reise am meisten beeindruckt?

Als regionale Öffentlichkeitsarbeiterin für "Brot für die Welt" bin ich oft in Schulen, Kirchengemeinden und Veranstaltungen unterwegs und erzähle dort von unseren Projekten. Alle haben ja das Ziel, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Die Menschen sollen befähigt werden, selbst einen Weg aus Armut und Rechtlosigkeit zu finden. Ihnen zu begegnen und zu erleben, wie selbstbewusst sie ihren Alltag mit Hilfe der Partnerorganisationen, die von "Brot für die Welt" unterstützt werden, gestalten, war sehr eindrücklich für mich. Ich werde nun sicher anders über die Projekte berichten.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Portmann

Drittmittel und Fundraising
Ökumenische Diakonie/Brot für die Welt

 

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