19. Juli 2018

Wohnungsnot

Arme als Experten in eigener Sache

Die Freie Wohlfahrtspflege NRW hat jetzt ein erstes Treffen von Menschen mit Armutserfahrung organisiert. Top-Thema war die aktuelle Wohnungsnot in all ihren Facetten. 80 Betroffene tauschten ihre Erfahrungen aus und suchten nach Lösungen. Für die Diakonie RWL engagierte sich Heike Moerland bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Fachtagung der besonderen Art.

Michaela Hofmann, Armutsexpertin des Diözesan-Caritasverbandes Köln (Foto: Jo Schwartz)

Treffen von Menschen mit Armutserfahrung gibt es auf der europäischen Ebene und mit der Nationalen Armutskonferenz auch auf Bundesebene. Auch einige Bundesländer haben Landes-Armutskonferenzen, Nordrhein-Westfalen allerdings nicht. Die Kölner Caritas-Referentin Michaela Hofmann ist seit Jahren in diesem Kontext engagiert.

Aus einem Nachtreffen von Teilnehmern der Nationalen Armutskonferenz, die aus Nordrhein-Westfalen stammen, entwickelte sich die Idee, eine Art Armutskonferenz Nordrhein-Westfalen zu veranstalten. 80 Menschen, die in Armut leben, konnten sich jetzt in Köln beim Diözesan-Caritasverband treffen, um ihre Erfahrungen auszutauschen und kreative Ideen gegen Wohnungsnot zu diskutieren.

Arme Menschen als Experten in eigener Sache

Portrait

Heike Moerland leitet das Geschäftsfeld Berufliche und soziale Integration. Die Diakonie RWL hat für das Thema Bahnhofsmission und Ehrenamt einen Sitz in der Nationalen Armutskonferenz.

Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege verstehen sich als Lobby für Arme. In diesem Sinne erheben sie ihre Stimme. Arme Menschen selber werden oft aber nicht gehört. Dabei sind sie Experten in eigener Sache. Die Freie Wohlfahrtspflege will jetzt noch stärker dafür Sorge tragen, dass Menschen mit Armutserfahrung zu Wort kommen und ihre Anliegen ins Gespräch bringen.

Hierin vor allem liegt die hohe Bedeutung des ersten Treffens von Menschen mit Armutserfahrung in NRW – so die Sicht von Heike Moerland, die bei der Diakonie RWL das Geschäftsfeld Berufliche und soziale Integration leitet. Ihr Fazit: "Es war gut zu erleben, welches Wissen und welche Rechts- und Systemkenntnisse die Experten in eigener Sache mitgebracht haben. Die Ergebnisse der Workshops zeigen, wie viele konstruktive Beiträge diese Experten geliefert haben. Es wurde nicht über, sondern mit Mitmenschen gesprochen."

Erika Biehn: arm, aber aktiv

Erika Biehn (Foto: Jo Schwartz)

Erika Biehn ist eine Expertin in eigener Sache und seit Jahrzenten aktiv gegen Armut, begleitet andere zu Behörden und Beratungsstellen und appelliert zugleich an die Menschen, die in Armut leben, sich nicht hängen zu lassen. "Man muss seine eigenen Kräfte in sich selber wecken", ermutigt sie die meist jungen Frauen und Männer in ihrer Arbeitsgruppe. Sie schöpft hier aus ihrer eigenen Erfahrung: "Erst habe ich mich selber klein gemacht, dann hat mich mein früherer Mann klein gemacht." Die Erika Biehn von heute dagegen ist eine ebenso selbstbewusste wie kämpferische und freundliche Frau. Die heutige Bundesvorsitzende des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) engagiert sich seit Jahrzehnten in Sachen Armut, so bei der früheren Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialhilfeinitiativen und später bei der Nationalen und der Europäischen Armutskonferenz. 

"Seit meiner Kindheit kenne ich Armut", sagt die agile 67-jährige Lippstädterin. Als Abiturientin wurde sie schwanger, heiratete früh, aber die Ehe zerbrach. "Ich habe immer ehrenamtlich etwas gemacht", berichtet sie. Ob sie Anwältin sei, wurde sie schon gefragt, denn sie kennt sich sehr gut aus, wenn es um die Rechte von armen Menschen geht. Erika Biehn begleitet Ratsuchende bei Behördengängen, zum Beispiel zum Jobcenter. Hier hat sie einen ganz praktischen Ratschlag: Es sei wichtig, den Mitarbeitern von Ämtern weder laut noch unterwürfig gegenüberzutreten. Und natürlich müsse man sich gut vorbereiten. Die Alleinerziehenden-Arbeit ist bis heute das Herzstück ihres Engagements.

Hausaufgaben für Sozialverbände

Diakonie-Vertreterin Heike Moerland konnte für die Arbeit der Diakonie und der Freien Wohlfahrtspflege insgesamt vom Kölner ersten Treffen von Menschen mit Armutserfahrung deutliche Impulse mitnehmen: "Es muss Bündnisse geben, um die Situation der Beteiligten in die Öffentlichkeit und in die Politik zu bringen", so ihr Plädoyer.

Beim Treffen wurde der Wunsch deutlich, belastbare Strukturen zur Stärkung der Selbsthilfe zu schaffen. Da habe die Freie Wohlfahrtspflege in Köln durchaus Hausaufgaben mitbekommen. Die Beteiligung armer Menschen als Experten in eigener Sache sei auch als Erdung und Ergänzung für die eigene Arbeit wünschenswert. Insofern könne das Kölner Treffen auch nur den Anfang für weitere Foren dieser Art bilden.

Wohnen und Gesundheit

Frau hält ihren Kopf in den Händen

Mieterhöhungen und drohender Wohnungsverlust machen den Menschen Stress.

Zusammen mit Günter Braun leitete Heike Moerland die Arbeitsgruppe Wohnen und Gesundheit. Dass Schimmelbildung gefährlich ist oder Fluglärm den Schlaf stört, dürfte jedem zu diesem Thema sofort einfallen. Beim Erfahrungsaustausch standen solche Belastungen aber nicht im Vordergrund. Heike Moerland bilanziert: "Im Workshop 'Wohnen und Gesundheit' wurde deutlich, dass – jedenfalls bei den Anwesenden – das Thema 'Stress' im Zusammenhang mit drohendem Wohnungsverlust oder drohender Mieterhöhung, aber auch Stress mit als willkürlich empfundenem Verhalten des Vermieters, sehr großen Einfluss auf das gesundheitliche Wohlbefinden hat."

Dieser Stress, so das Votum der Gesprächspartner, belastet mehr als andere Faktoren wie Straßenlärm oder eine laute Nachbarschaft. Heike Moerland sieht hier wichtige Zukunftsaufgaben für die soziale Arbeit der Wohlfahrtsverbände. 

Gute Beratung?

Portraitfoto

Jan Orlt, Diakonie RWL-Experte für Wohnungslosenhilfe

Fragt man Menschen, die in Armut leben, ob sie von den Beratungsdiensten der Freien Wohlfahrtspflege gut beraten werden, bekommt man differenzierte Antworten. Jan Orlt, Diakonie-Fachmann in Sachen Wohnungslosigkeit, weist auf einen gesetzlich geradezu erzwungenen Missstand hin. Die diakonische Obdachlosenhilfe darf laut Sozialgesetz nur "Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten" unterstützen. Wer einfach "nur" darauf angewiesen ist, eine neue Wohnung zu finden, darf hier im Prinzip nicht beraten werden – was natürlich zu Unzufriedenheit führen kann.

An dieser Stelle fordert Heike Moerland einen Paradigmenwechsel: "Wir brauchen Erstanlaufstellen im Sinne einer Allgemeinen Sozialberatung, die noch viel zu wenig angeboten werden kann." Diese Stellen könnten im Sinne einer Clearingstelle, die vergleichbar mit dem Hausarztprinzip ist, erst einmal mit den Betroffenen klären, für welche Probleme eine Lösung gefunden werden müsse.  Von da aus sei dann bei Bedarf ein Fachdienst wie Schuldnerberatung oder Erziehungsberatung hinzuzuziehen. 

Wohnen – die aktuelle soziale Frage für die Diakonie RWL

renoviertes Zimmer mit Parkettboden

Das "Recht auf Wohnen" nimmt das Diakoniewerk Duisburg ernst. Es schafft Wohnraum, indem es leerstehende Wohnungen renoviert.

Die Düsseldorfer Armutsexpertin sieht die Diakonie von der schwierigen Situation auf dem Wohnungsmarkt stark angefragt. Sie betont, dass es christlicher Auftrag der Diakonie sei, sich für Menschen mit all ihren Sorgen und Nöten einzusetzen. Gegen fehlenden Wohnraum und gesetzliche Einschränkungen könne Beratung allein nicht viel ausrichten.

Sie sagt aber: "Unser Auftrag ist es, immer wieder in Politik und Gesellschaft darauf hinzuweisen und hinzuwirken, dass auch Menschen mit wenig Geld ein Recht auf eine Wohnung haben, die Schutz, Sicherheit und Geborgenheit bietet." Heike Moerland gibt zu bedenken, dass Kirchen und diakonische Träger auch selbst überprüfen sollten, ob sie an der einen oder anderen Stelle Grundstücke für günstigen Neubau zur Verfügung stellen könnten. Für ein verträgliches Miteinander angesichts der Wohnungsnot seien breite gesellschaftliche Bündnisse erforderlich, um ausreichenden bezahlbaren Wohnraum für alle Menschen zu schaffen.

Text: Reinhard van Spankeren

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