8. November 2018

Wohnungslosigkeit

Frauen brauchen besondere Hilfen

Die dramatische Situation auf dem Wohnungsmarkt trifft immer mehr Frauen. Mittlerweile ist jede dritte der über 32.000 Wohnungslosen in NRW weiblich. Da viele Frauen Gewalterfahrungen gemacht haben, brauchen sie besonderen Schutz und Hilfe. Das zeigt eine Studie der Diakonie RWL. Sie fordert mehr spezielle Angebote. Bei der Diakonie Düsseldorf gibt es sie schon.

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Isa Dickers mit einem selbstgemachten Kuscheltier. Im Garten des Wohnheims der "Icklack" steht der Bauwagen, in dem sie Kunsthandwerk für die "Icklack" verkauft.

Wenn es darum geht, Ideen in die Tat umzusetzen, ist Isa Dickers dabei. Die 61-jährige Düsseldorferin redet nicht lange, sie packt an. Sie strickt, näht und bastelt - und stellt sich regelmäßig in einen gelben Bauwagen, um das Kunsthandwerk zu verkaufen, das sie mit anderen wohnungslosen Frauen in der "Icklack" herstellt.

In dem Wohnheim der Diakonie Düsseldorf leben 31 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren, die von sieben Sozialarbeiterinnen unterstützt und beraten werden. Sie helfen ihnen, wieder einen normalen Alltag zu führen, eine Wohnung zu finden und wieder Lust am Leben zu entwickeln. Ohne die "Icklack" wäre Isa Dickers vermutlich tot oder auf der Straße. "Als ich ganz unten war, blieb mir nur die Wahl, endlich Hilfe anzunehmen oder Schluss zu machen", erzählt sie. 

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In eine gemischtgeschlechtliche Unterkunft wäre Isa Dickers nie gegangen.

Tiefpunkt Obdachlosigkeit

Das war im Frühjahr 2017. Zwei Selbstmordversuche hatte die Rentnerin schon hinter sich. Während eines Klinikaufenthaltes verlor sie ihre Wohnung. "Plötzlich ohne Obdach dazustehen, war der absolute Tiefpunkt meines Lebens." 

Im Internet stieß sie auf "Ariadne", eine Notschlafstelle für Frauen, die die Diakonie Düsseldorf gemeinsam mit der Stadt anbietet. Fünf Wochen blieb sie dort. Dann kam sie zur "Icklack".  "Niemals wäre ich in eine Unterkunft gegangen, in der auch wohnungslose Männer leben", betont Isa Dickers. Zu oft ist sie in ihrem Leben von Männern misshandelt worden.

"Wenn ich eine laute Männerstimme höre, läuft in meinem Kopf sofort ein schlimmer Film ab." Weil es vielen Frauen ähnlich wie Isa Dickers geht, hat die Diakonie Düsseldorf schon vor 43 Jahren die "Icklack" gegründet. In ihrer Wohnungslosenhilfe setzt sie auf eine getrenntgeschlechtliche Betreuung - auch in der Notunterkunft und Beratung.

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Für Icklack-Leiterin Stefanie Volkenandt ist klar: Wohnungslose Frauen brauchen besondere Hilfsangebote.

Frauen suchen Schutz vor Gewalt

"Frauen suchen bei uns nicht nur ein Obdach, sondern Schutz vor psychischen, körperlichen und sexuellen Übergriffen", erklärt Icklack-Leiterin Stefanie Volkenandt. "Gewalterfahrungen ziehen sich oft durch die gesamte Biografie. Es ist deshalb wichtig, dass sie hier zur Ruhe kommen und sich auf ihre Lebensthemen konzentrieren können." Bei Isa Dickers sind das schwierige soziale Beziehungen, Einsamkeit und Depressionen.

Zwar gibt es in fast jeder größeren Stadt in NRW spezielle Angebote für wohnungslose Frauen, aber in der Fläche fehlen sie. Das ist auch in der diakonischen Wohnungslosenhilfe nicht anders. Von 31 Notunterkünften in Trägerschaft der Diakonie in Rheinland-Westfalen-Lippe richten sich nur sechs gezielt an Frauen.

Unter den insgesamt 41 stationären Wohnangeboten befinden sich lediglich fünf für Frauen. Das ist zu wenig, sind sich die Fachleute der Diakonie einig. Zumal die Zahl wohnungsloser Frauen in NRW zwischen 2014 und 2017 von 5.800 auf rund 9.500 Frauen zugenommen hat.

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Roland Meier leitet den Fachbereich Wohnungslosenhilfe beim Diakoniewerk Duisburg und ist Fachverbandsvorsitzender Wohnungslosenhilfe bei der Diakonie RWL. (Foto: Diakoniewerk Duisburg)

Zu wenig differenzierte Hilfen

Von den insgesamt über 32.000 Wohnungslosen ist mittlerweile jede dritte eine Frau. "Wir brauchen ein flächendeckendes Angebot an differenzierten Hilfen, ähnlich wie es sie in Düsseldorf, aber auch Duisburg gibt", betont Roland Meier, Vorsitzender des Fachverbands Wohnungslosenhilfe der Diakonie RWL und Leiter der Wohnungslosenhilfe des Diakoniewerks Duisburg.

Das bestätigt nun auch eine aktuelle Studie, die die Hochschule Düsseldorf in Zusammenarbeit mit der Fachkonferenz der Diakonie RWL entwickelt hat. Darin benennen die rund 100 befragten Klientinnen und 100 Mitarbeitenden in den 260 Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe zwischen Bielefeld und Saarbrücken den Bedarf für ein frauenspezifisches Angebot und eine Trennung der Hilfen nach Geschlecht.

Besonders die Wintermonate sind für wohnungslose Frauen kritisch. Jede Dritte kritisiert, dass Einrichtungen an Wochenenden häufig geschlossen und zwischen 18 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht zugänglich sind. "Wir werden unsere eigenen Hilfen überprüfen und so gestalten, dass Frauen bei uns den Schutz finden, den sie brauchen", verspricht Roland Meier.

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann fordert den flächendeckenden Ausbau der Wohnungslosenhilfe für Frauen.

Diakonie als Partner der Kommune

Die Diakonie RWL sieht aber auch die Kommunen in der Pflicht, ihre Angebote weiter auszubauen. "Jede Frau in NRW sollte im Umkreis von 25 Kilometern ein auf sie zugeschnittenes Hilfsangebot finden", fordert Christian Heine-Göttelmann. "Es kann nicht sein, dass Hilfe nach Kassenlage gewährt wird. Wir können die Frauen, die in Not sind, nicht einfach sich selbst überlassen."

Dabei bietet sich die Diakonie den Kommunen als Partner an. "Wir haben das Know-How, das Fachpersonal, oft auch die Räumlichkeiten und Ehrenamtliche, um angemessene, schnelle und effektive Hilfe möglich zu machen", betont der Diakonie RWL-Vorstand.

Isa Dickers (2. von links) auf einem Ferienausflug mit Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen der "Icklack". (Foto: Icklack)

Raus aus der Isolation

In Düsseldorf hat Isa Dickers von dieser guten Zusammenarbeit zwischen Stadt und Diakonie profitiert. Von der Notunterkunft kam sie zur "Icklack". Dort bekam sie Unterstützung, ihr Leben neu zu ordnen. Sie machte eine Therapie und fand allmählich aus ihrer Depression und Isolation heraus. Einige der Frauen, mit denen sie in der "Icklack" wohnt, zählt sie inzwischen zu ihren Freundinnen.

Jetzt sucht sie eine Wohnung. Eine echte Herausforderung in Düsseldorf, in der die Netto-Kaltmiete für eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung bei rund 10 Euro liegt. "Wir stärken ihr den Rücken", sagt Stefanie Volkenandt. "Bisher haben wir noch für alle Frauen ein neues Zuhause gefunden." Aber sie fügt besorgt hinzu: "Wenn in Düsseldorf nicht bald neuer günstiger Wohnraum entsteht, wird sich das ändern."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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Sabine Damaschke
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