23. Juli 2020

Wohnungslosenhilfe in der Pandemie

Zu den Menschen kommen

Zuhause bleiben und Abstand halten – was in der Corona-Pandemie vor Ansteckung schützt, ist für Wohnungslose nicht möglich. Diakonische Einrichtungen und Initiativen halten den Kontakt zu den Menschen und helfen auf ungewöhnliche Weise mit elektrischen Lastenfahrrädern, Beratungsmobilen und langen Spaziergängen.

  • Zu den Menschen kommen: Das Team des Netzwerks Wohnungsnot RheinBerg fährt mit dem Beratungsmobil regelmäßig die Jobcenter und Notunterkünfte an. (Foto: Netzwerk Wohnungsnot RheinBerg)
  • Alles dabei: Ulrike Thierfeld nutzt das Lastenfahrrad des Diakonischen Werks Dortmund, um Wohnungslose während der Corona-Zeit zu unterstützen. (Foto: Diakonisches Werk Dortmund)

Wenn im Bergischen Kreis das weiße Wohnungslosen-Mobil vor einer der Notunterkünfte vorfährt, wartet auf das Team schon eine lange Menschenschlange. "Die Uhrzeiten haben sich in den wenigen Monaten eingeprägt", erzählt Judith Becker. Sie leitet das 1993 gegründete Netzwerk Wohnungsnot RheinBerg, eine Einrichtung der Diakonie Köln und Region und des Caritasverbands für den Rheinisch Bergischen Kreis. Seit März fahren die Sozialarbeiter des Netzwerks im Rahmen der Landesinitiative "Endlich ein Zuhause" die Jobcenter und vier Notunterkünfte in der Region an. Mit Erfolg: Die Beratungszahlen sind in den vergangenen drei Monaten kontinuierlich gestiegen. Von elf Beratungen im März stieg die Zahl auf 78 im April.

Das Wohnmobil ist so umgebaut worden, dass die Menschen bequem im Wagen beraten werden können. Bei gutem Wetter stellen die Mitarbeitenden einige Stühle vor dem Wohnmobil auf. Dazu gibt es einen Kaffee, ein Glas Wasser oder eine Instantsuppe. "Wenn man einen Becher Kaffee vor sich stehen hat, redet es sich einfach leichter", sagt Becker. Das kommt besonders gut an bei den Klientinnen. Im Vergleich zu anderen Hilfsangeboten für Wohnungslose nutzten Frauen das Beratungsmobil besonders gerne.

Judith Becker leitet das Netzwerk Wohnungsnot RheinBerg. Vom Erfolg des Beratungsmobils ist sie begeistert. (Foto: Netzwerk Wohnungsnot RheinBerg)

Judith Becker leitet das Netzwerk Wohnungsnot RheinBerg. Vom Erfolg des Beratungsmobils ist sie begeistert. 

Verstärkung durch Immobilienfachkräfte

Neben Sozialarbeitern und gelegentlich einer examinierten Krankenschwester unterstützen auch Immobilienkaufleute die Landesinitiative. Sie sollen den Wohnungslosen dabei helfen, ein neues Zuhause zu finden – trotz negativem Schufa-Eintrag oder Mietschulden. "Die Kolleginnen und Kollegen haben ganz andere Möglichkeiten. In der Wohnungswirtschaft wird den Immobilienfachkräften mit einer besonderen Offenheit begegnet", erzählt Becker. Im direkten Gespräch von Experte zu Experte könnten die Immobilienfachleute der Initiative oft dafür sorgen, dass ein Vermieter einlenkt und so die drohende Zwangsräumung verhindert werden kann. Aber auch bei der Suche nach neuen Wohnungen seien die Kontakte der Fachleute eine große Unterstützung.

Vernetzung und kurze Wege sind die Grundideen des Beratungsmobils. Regelmäßig fährt das zweiköpfige Team mit einem Sozialarbeiter und einer Immobilienfachkraft die Jobcenter an, um Menschen, die Schwierigkeiten haben Termine einzuhalten, zu erreichen. Der Weg zu den zuständigen Fallmanagern im Jobcenter ist dadurch kurz. Vieles werde spontan und direkt vor Ort geklärt, erzählt Becker. Die von vielen Wohnungslosen gefürchteten bürokratischen Abläufe würden so geschickt umgangen. 

Startklar: Mit dem neuen Lastenfahrrad des Diakonischen Werks Dortmund fährt Ulrike Thierfeld die Schlafplätze der Wohnungslosen ab. (Foto: Diakonisches Werk Dortmund)

Startklar: Mit dem neuen Lastenfahrrad des Diakonischen Werks Dortmund fährt Ulrike Thierfeld die Schlafplätze der Wohnungslosen ab. 

Mit dem Lastenfahrrad unterwegs

Dass die Initiative während der Corona-Pandemie startete, ist ein glücklicher Zufall. "Wir haben gemerkt, dass wir gerade zur rechten Zeit gekommen sind", sagt Becker. "Viele waren froh, dass wir da waren." Als die Jobcenter in den letzten Märzwochen zunächst geschlossen hatten, sei das Beratungsmobil für viele Menschen die einzige Anlaufstelle gewesen, um über Ängste wie den Verlust der Wohnung, zu sprechen.

Viele der wohnungslosen Menschen wüssten nicht, welche Hilfsangebote während der Pandemie noch geöffnet hätten, beobachtet Ulrike Thierfeld vom Diakonischen Werk Dortmund. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine nicht unbedeutende Gruppe von Wohnungslosen die bestehenden Hilfsangebote zur Corona-Zeit nicht kennt – oder bewusst nicht nutzt oder gar erreichen kann", sagt Thierfeld, die in der Zentralen Beratungsstelle für wohnungslose Menschen in Dortmund arbeitet. Gleichzeitig fielen notwendige Einnahmen zur Existenzsicherung, etwa über Leergutsammeln oder Betteln, fast vollständig weg.

Deshalb hat die Diakonie Dortmund Spenden für ein elektrisches Lastenfahrrad gesammelt. Voll bepackt mit Essens- und Einkaufsgutscheinen, Schlafsäcken und vielen anderen Ausrüstungsgegenständen für Menschen in Not machen sich die Mitarbeitenden täglich auf den Weg, um die Obdachlosen an ihren Schlafplätzen in Dortmund aufzusuchen. Im Gespräch weisen die Sozialarbeiter dann auf Angebote wie die kostenlosen Lunchpakete am Wichernhaus oder die Beratung und medizinische Hilfe in der Rolandstraße hin. 

Wissen, wo es Hilfe gibt: Die Mitarbeitenden der Ev. Diakoniestiftung Herford kennen die Unterstützungsangebote für Wohnungslose. (Foto: Shutterstock)

Wissen, wo es Hilfe gibt: Die Mitarbeitenden der Ev. Diakoniestiftung Herford kennen die Unterstützungsangebote für Wohnungslose.

Engerer Kontakt

Auch im ostwestfälischen Herford hat die Corona-Epidemie die Arbeit in der Wohnungslosenhilfe verändert. "Es hat gedauert, bis unsere Klientinnen und Klienten realisiert haben: Beim Corona-Virus geht es nicht nur um die anderen, sondern das kann auch für mich selbst gefährlich werden", erzählt Bettina Schelkle von der Evangelischen Diakoniestiftung Herford. Gemeinsam mit ihrem Team versucht sie für jeden einzelnen Wohnungslosen individuelle Lösungen zu finden. "Wir waren schon immer nah dran an den Menschen. Jetzt ist das noch deutlich enger geworden." Der Sozialberatungsdienst versuche die Lücken, die sich im Hilfesystem auftun, zu füllen.

In der teilstationären Hilfe gehen die Mitarbeitenden mit den Klienten spazieren, statt sich in der Wohnung aufs Sofa zu setzen. Wer in der Beratungsstelle Post abholen möchte, bekommt diese durchs Fenster gereicht. Im Gebäude sind Desinfektionsstationen aufgestellt worden. Plexiglasscheiben schützen die Mitarbeitenden am Empfang und die Berater in den Räumen. "Es ist manchmal sehr anstrengend, aber wir können weiterarbeiten und das ist das Wichtigste", sagt Schelkle.

Text: Ann-Kristin Herbst, Fotos: Netzwerk Wohnungsnot RheinBerg, Diakonisches Werk Dortmund

Ihr/e Ansprechpartner/in
Jan Orlt

Wohnungslosenhilfe

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