20. Dezember 2018

Weihnachten im Gefängnis

Die Sehnsucht nach Freiheit und Familie

Rund 16.000 Menschen sind in Nordrhein-Westfalen inhaftiert. Manche dürfen Heiligabend eine kurze Zeit mit ihrer Familie verbringen, andere bleiben hinter Gittern. Für fast alle sind die Feiertage schwierig, denn sie wecken die Sehnsucht nach Freiheit, Familie und einem besseren Leben. Für Gefängnisseelsorger Michael Waterböhr öffnen sich in dieser Zeit Türen, die sonst verschlossen bleiben.

Portrait

Michael Waterböhr ist seit vier Jahren Gefängnisseelsorger in der JVA Bielefeld-Senne.

Bis zum Heiligabend sind es nur noch wenige Tage. Überall ist zu spüren, wie die Spannung und Freude auf die Festtage steigt. Wie erleben Sie die Menschen, die Sie als Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne betreuen?

Es ist eine andere Stimmung als sonst. In der JVA sind mit den beiden Hafthäusern Senne und Ummeln sowie ihren 16 Außenstellen rund 1.650 Menschen inhaftiert. Ich gehöre zu einem Team von zwei evangelischen und drei katholischen Gefängnisseelsorgern. Wir alle erleben, dass selbst die "harten Jungs" jetzt sensibler und nachdenklicher sind. Fast alle Inhaftierten dieser JVA befinden sich im offenen Vollzug. Es bedeutet, dass sie an den Weihnachtsfeiertagen zumindest einige Stunden mit ihren Familien verbringen können. Darauf leben sie jetzt hin, machen sich Gedanken über Geschenke, ihre Kinder, die Feier, aber auch über Menschen, die sie verloren haben.

Mit Religion und Kirche können viele Menschen nichts mehr anfangen. Ich vermute, das ist im Gefängnis nicht anders. Wie reagieren Inhaftierte, wenn Sie sich als Theologe und Seelsorger vorstellen?

Ich arbeite seit vier Jahren als Gefängnisseelsorger und habe bislang kaum feindselige Reaktionen erlebt. Die Inhaftierten wissen, dass wir der Schweigepflicht unterliegen und nichts von dem, was sie uns erzählen, dem Gefängnispersonal melden. Sie schätzen, dass wir ihnen unvoreingenommen begegnen und zuhören. Wir drängen uns niemandem auf, sind aber da, wenn Gespräche gewünscht werden. Dafür bin ich dann auch oft in den Außenstellen unterwegs. Gerade vor Weihnachten erlebe ich es manchmal, dass Inhaftierte mich spontan einladen, ihr Zimmer zu betreten. Sie öffnen ihre Tür für mich und machen mir damit ein verstecktes Beziehungsangebot.

Was bekommen Sie zu sehen, wenn Sie vor Weihnachten in die Zimmer eingeladen werden?

Sie dürfen sich jetzt keine gemütlich und weihnachtlich geschmückten Räume vorstellen. Auch im offenen Vollzug gibt es klare Regeln, was in ein Zimmer darf und was nicht. Zum Beispiel ist es wegen Brandgefahr nicht erlaubt, dort Kerzen anzuzünden. Und es darf nur eine Blume im Zimmer stehen. Insofern sehe ich Adventsschmuck, der aus unserer Holzwerkstatt oder aus dem Lädchen der Arbeitstherapie im Garten stammt. Doch diese kleinen Dinge sind oft Ausgangspunkt für tiefergehende Gespräche, in denen es um Beziehungsprobleme, Scheitern und Schuld gehen kann. Vor und rund um Weihnachten kommen viele zum Teil belastende Erinnerungen hoch. Die Sehnsucht nach Familie und einem anderen, besseren Leben ist groß.

Gebäude

Modernes Gebäude, das nicht sofort als Gefängnis zu erkennen ist: die Haftanstalt Ummeln (Copyright: JVA Bielefeld-Senne)

Feiern Sie in den Haftanstalten auch Weihnachtsgottesdienste?

An Heiligabend und an den Weihnachtstagen gibt es immer Gottesdienste, die rappelvoll sind. Dort zünden wir dann auch Kerzen an und stellen eine Krippe auf. Wir verteilen kleine Geschenke wie Schokolade, Kaffee oder Kalender. Das ist für viele schon ein Anreiz zu kommen. Aber es gibt auch das Bedürfnis, gemeinsam Weihnachten zu feiern, Ruhe und Trost zu finden. Bei den Weihnachtsliedern, die wir singen, fließen oft Tränen. Die Weihnachtsgeschichte, die von Menschen am Rande der Gesellschaft erzählt, von Armut, Ausgrenzung, aber eben auch von Erwählung und Vergebung, spricht viele direkt an. Häufig erlebe ich es, dass Gefangene nachher vor der Krippe stehen und einzelne Figuren in die Hand nehmen.

In den deutschen Gefängnissen haben rund 30 Prozent der Inhaftierten einen Migrationshintergrund. Kommen die auch in Ihre Weihnachtsgottesdienste?

Ja, das tun sie. Viele kommen, weil sie neugierig sind und sich letztlich dem ganzen Hype um Weihnachten nicht entziehen können. Die Justizvollzugsanstalt bietet muslimischen Häftlingen zwar auch einmal im Monat ein Freitagsgebet mit einem Imam an, aber das ist manchen zu wenig. Sie gehen dann lieber in einen christlichen Gottesdienst als gar nichts zu tun. Und sie suchen auch das seelsorgerliche Gespräch. Ein Gefangener hat mich mal „Vater“ genannt, was ich zunächst irritierend fand. Aber damit wollte er seinen Respekt zeigen, weil ich für ihn eine Art priesterliche Funktion im Gefängnis habe.

Ist es für Gefangene, die Weihnachten mit ihrer Familie verbringen können, nicht besonders schwer, danach wieder in die JVA zu müssen?

Das ist in der Tat richtig hart. Zumal sie oft nur einige Stunden oder einen Tag mit ihren Familien verbringen dürfen. Weil die Zeit danach für viele so schwierig ist, sind immer wenigstens zwei Seelsorger von uns zwischen Weihnachten und Neujahr im Dienst. Oft werden wir schon angesprochen, sobald wir das Gelände betreten und um ein Gespräch gebeten. Die Familie und die kurze Zeit der Freiheit wieder loszulassen, fällt vielen schwer. Da geht es dann oft um Zukunftsängste. Wird die Familie weiter zu mir halten? Bleibt meine Frau, bleibt mein Mann mir treu? Was sagen meine Kinder, wenn sie größer werden und erfahren, dass ich im Gefängnis war? Den Inhaftierten wird zum Jahreswechsel oft schmerzlich bewusst, dass sie sich der Konsequenz ihres Lebens stellen müssen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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