8. November 2016

Vormundschafts- und Betreuungsvereine

Flüchtlingskinder als neue Herausforderung

Verschwundene Pässe, stockende Asylverfahren und traumatisierende Fluchterfahrungen – Wer die Vormundschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge übernimmt, hat mit vielen Hürden zu kämpfen. Das erleben die Mitarbeitenden der Vormundschaftsvereine täglich. Mit der starken Zuwanderung junger Menschen hat sich ihre Arbeit verdichtet. Diakonie RWL-Referentin Waltraud Nagel gibt einen Einblick in ein eher unbekanntes Arbeitsfeld.

Portrait

Waltraud Nagel ist bei der Diakonie RWL für die Betreuungsvereine zuständig

Sie sind als Referentin der Diakonie RWL zuständig für die Betreuungs- und Vormundschaftsvereine. Was ist der Unterschied zwischen beiden?

Vormundschaftsvereine kümmern sich ausschließlich um minderjährige Kinder und Jugendliche. Sie sind oft an die Wohlfahrtsverbände angeschlossen und nutzen deren Netz an Beratungsstellen und Hilfsangeboten. In der Diakonie RWL haben wir rund 30 Vormundschaftsvereine. Von denen ist ein Großteil an die Betreuungsvereine angegliedert, die wiederum nur unter rechtlicher Betreuung stehende volljährige Menschen begleiten. Unter dem Dach der Diakonie RWL gibt es 59 Vereine, die in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen und im Saarland arbeiten. Die Mitarbeitenden, meist Sozialarbeiter, regeln häufig ihre finanziellen Angelegenheiten und unterstützen beim Umgang mit Behörden, Versicherungen, Krankenkassen oder auch Vermietern.

Wie oft kommt es vor, dass ein Verein die Vormundschaft über ein Kind oder einen Jugendlichen übernimmt?

Bislang war das – im Vergleich zur rechtlichen Betreuung erwachsener Menschen – seltener der Fall. Der Großteil wird von den Jugendämtern übernommen. Neben den Vereinsvormundschaften gibt es auch noch ehrenamtliche und freiberuflich geführte Vormundschaften. Mit der starken Zuwanderung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen – allein in NRW sollen es nach letzten Schätzungen über 13.000 sein – kümmern sich die Vereine jetzt um deutlich mehr Kinder und Jugendliche. So entlasten sie die Jugendämter. Außerdem schulen und begleiten sie auch ehrenamtliche Vormünder.

Was sind die größten Herausforderungen dabei?

Für Kinder und Jugendliche eine Vormundschaft zu führen, beinhaltet – anders als bei der rechtlichen Betreuung – den Kindesschutz sowie dessen Pflege und Erziehung zu gewährleisten. Viele Kinder und Jugendliche kommen heute aus zerrütteten Familien und haben häufig Missbrauchs- und Gewalterfahrungen gemacht. Die Vormundschaft für geflüchtete Kinder und Jugendlichen ist besonders anspruchsvoll, weil es dabei auch um asylrechtliche Fragen geht.

Außerdem schätzen Experten, dass bis zu 50 Prozent der unbegleiteten Minderjährigen durch ihre Flucht traumatisiert sind. Sie brauchen viel Stabilität, um sich zu öffnen und auf das neue Leben in Deutschland einlassen zu können. Das verlangt von den Mitarbeitenden Einfühlungsvermögen, Geduld und eine regelmäßige und verlässliche Präsenz mindestens einmal in der Woche. Es reicht nicht, ab und zu zum Telefonhörer zu greifen und mit den Leitern der Flüchtlingsunterkünfte oder den Pädagogen der Wohngruppen, in denen die jungen Flüchtlinge leben, zu reden. Zumal auch sprachliche und kulturelle Hürden zu überwinden sind.

Älterer Mann sitzt mit zwei Jugendlichen auf dem Sofa und schaut sich Papiere an

Paul-Gerhard Stamm ist ehrenamtlicher Vormund für zwei junge Flüchtlinge. Was das konkret bedeutet, erzählt er hier

Wie erleben die Mitarbeitenden der Vormundschaftsvereine ihre Mündel?

Viele wollen jetzt endlich ein besseres Leben führen und ihre Eltern und Geschwister so schnell wie möglich nachholen. Nach den Jahren des Krieges und Monaten der Flucht möchten sie endlich Ruhe und eine Perspektive für die Zukunft haben. Doch die Asylverfahren dauern lange, ständig fehlen Papiere und Dokumente. Manche Kinder und Jugendliche haben keinen Pass. Mehrere Wohnortwechsel sind üblich - von der Erstaufnahme über die kommunale Flüchtlingsunterkunft bis hin zur Wohngruppe oder Pflegefamilie. Das belastet die jungen Flüchtlinge ganz enorm. Viele sind sehr verschlossen. Sie brauchen aber dringend Stabilität, damit sie Gewalt, Krieg und Flucht verarbeiten und sich richtig auf ein neues Leben einlassen können.

Was können die Vormünder denn tun, um diese Stabilität herzustellen?

Es ist wichtig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und zu zeigen, dass sie stets als „verlässliche Größe“ im Hintergrund sind. Die Mitarbeitenden der Vormundschaftsvereine müssen sich um viele rechtliche Fragen kümmern, sind aber auch bei der Frage, welche Schule besucht oder wo ein Ausbildungsplatz gefunden werden kann, mit im Boot. Sie sollten klären, welche Form der Unterbringung für ihre Mündel gut ist. Wenn die Traumatisierung eine Therapie erfordert, müssen sie sich um einen Platz kümmern, was häufig schwierig ist. Und immer geht es dabei natürlich auch um die Finanzierung der jeweiligen Hilfen und Bildungsangebote. Die Vormundschaft ist also eine große Aufgabe, was natürlich Auswirkungen auf die Fallzahl der Vormundschaftsvereine hat.

Ist die Finanzierung der Arbeit denn gesichert?

Die Mitarbeitenden der Vormundschaftsvereine bekommen für ihre Arbeit von den Gerichten 33,50 Euro pro Stunde. Das reicht bei weitem nicht aus. Viele Vereine haben daher noch einen Vertrag mit den jeweiligen Kommunen geschlossen, in denen sie tätig sind. Sie bekommen also zusätzliches Geld von den Jugendämtern für die Vormundschaft der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Wo es diese Verträge gibt, ist die Arbeit in der Regel refinanziert. Doch das ist nicht überall der Fall. Wir wünschen uns eine flächendeckende und verlässlichere Art der Finanzierung.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Waltraud Nagel
Betreuungsvereine
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