19. September 2018

Theologische Konferenz der Diakonie RWL

Kirche und Diakonie - stark vor Ort

Diakonie und Gemeinden haben sich über viele Jahre in verschiedene Richtungen entwickelt. Inzwischen aber gibt es eine Wiederannäherung – und zwar da, wo Gemeinden verwurzelt sind: im örtlichen Sozialraum. Bei der Jahrestagung der Theologischen Konferenz der Diakonie RWL in Wuppertal wurden Modelle für die gemeinsame Gestaltung der Wohnquartiere erkundet.

Nebeneinander vor der Kirche

Leitungskreis der Theologischen Konferenz: Dr. Barthold Haase, Pastorin Dr. Nicole Frommann, Pastorin Barbara Montag, Hans Höroldt

Wer Wuppertaler danach fragt, wo ihre Kirchliche Hochschule liegt, bekommt eine eindeutige Antwort: "Auf dem Heiligen Berg". Dort oben, mit Blick über das Tal, findet einmal im Jahr die Konferenz der theologischen Vorstände und verantwortlichen Akteure aus der Diakonie RWL statt. Weiter unten liegt Wichlinghausen. Hier zeigen sich alle Probleme, die in sozial benachteiligten Vierteln zutage treten.

Blick auf Straße, leerstehende Geschäfte, im Hintergrund eine Hochbrücke für die Bahn

Leerstehende Geschäfte in Wichlinghausen. Fachwerkhäuser aus der Gründerzeit gibt es nur noch um den Markt. 

So weit wie Hochschule und Sozialraum auseinander sind, so weit entfernt empfinden sich auch viele Kirchengemeinden von der Diakonie. Pfarrer Martin Hamburger, Vorstand der Wuppertaler Diakonie, führte die Tagungsteilnehmer daher direkt am ersten Konferenztag hinunter ins Tal, um die Quartiersarbeit der Wichlinghauser Kirche, kurz "Wiki" genannt, vorzustellen, ein Gemeinschaftswerk von Kirchengemeinde, Diakonie und weiteren Kooperationspartnern. Die Kirche wurde von der Diakonie Wuppertal mit Fördermitteln aus dem Programm "Soziale Stadt" zu einem Familien- und Begegnungszentrum umgebaut.

Martin Hamburger (Foto: Sabine Damaschke)

Vorreiterrolle in der Quartiersentwicklung

Hamburger würdigte in seiner Einführung den "schmerzvollen Schritt", den die Gemeinde damit vollzog - und setzte die diakonische Umnutzung der Kirche in den Kontext des "parochialen Prinzips" der sozialräumlich verorteten Gemeinde, die immer auch diakonisches Handeln einschloss. In Wichlinghausen kam der Glücksfall hinzu, dass mit der Diakonie in Wuppertal ein Partner zur Verfügung stand, der seit den 90er Jahren eine Vorreiterrolle bei der Quartiersentwicklung einnimmt.

Martin Hamburger beschrieb die umfangreichen Erfahrungen, die die Diakonie mit der Beteiligung an Quartiersprojekten mit unterschiedlichsten Kooperationspartnern in verschiedenen Wuppertaler Stadtteilen gewonnen hat. Diese Erfahrungen und Netzwerke kamen der Umnutzung der Kirche in Wichlinghausen zugute. Die Gemeinde alleine hätte das nicht stemmen können - nicht nur wegen der hohen Kosten des Umbaus von 1,2 Millionen Euro, von denen das Förderprogramm "Soziale Stadt" nur 80 Prozent übernehmen konnte.

Kirche

Die Wichlinghauser Kirche wurde 2015 zum Begegnungszentrum umgebaut.

"Das ist nicht mehr unsere Kirche"

Die Wichlinghauser Kirche, ein imposanter neugotischer Bau von 1867, ist heute ein Begegnungszentrum, das von Menschen mit unterschiedlichen Religionen genutzt wird. Im "Wiki" gibt es eine Hausaufgabenbetreuung, eine offene Sozialberatung, Sport- und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche, Spieletreffs für Erwachsene, Tanzveranstaltungen und Chormusik. Da die Kirche nicht entwidmet wurde, können weiter auch besondere Gottesdienste stattfinden, zum Beispiel Schulgottesdienste oder, viermal im Jahr, ein "Seniorengeburtstagsgottesdienst".

Menschen die mit erhobenen Armen tanzen

Seniorentanz in der Kirche (Foto: Wiki)

Von alten Menschen, die zu diesen Gottesdiensten kommen, werden bei diesen Anlässen häufig auch Trauer und Unverständnis über den neuen Zustand der Kirche laut. "Das ist nicht mehr unsere Kirche", sagen manche und erinnern sich an besondere Anlässe, an ihre Konfirmation, an Trauungen und Taufen, erzählt Eric Stoecker, der Leiter des Wiki. Er fragt dann oft zurück, wie regelmäßig die Kirche genutzt wurde - von vielen nur einmal im Monat, "oder auch nur zu Ostern und Weihnachten".

Platzhalter

Heimat – nach wie vor

Wolfgang Flasche ist regelmäßiger Besucher im Wiki. Jeden Donnerstag trifft er sich hier mit anderen Gästen zum Skat. Auch ihn verbinden viele Erinnerungen mit der Kirche. Seine Frau hatte er dort kennengelernt und 1971 geheiratet. 40 Jahre war er Mitglied des Presbyteriums. Wie erlebt er die Veränderung?

"Für mich ist diese Kirche nach wie vor Heimat", erzählt er. "Wie jetzt für viele Menschen an jedem Tag, nachdem sie zuvor meist nur am Sonntag für einige Stunden den Gottesdienstbesuchern offenstand". Für Gäste, die nicht zur Gemeinde gehören, sei die Begegnungsstätte oft nur "das Wiki", keine Kirche. Wolfgang Flasche findet das in Ordnung. Die Gottesdienste der Gemeinde finden jetzt, 500 Meter weiter, in einer neueren Kirche statt.

Drei Frauen vor Publikum

"Desperate Divas": Konzert in der Kirche

Wo wird Kirche sichtbar?

Wo aber wird sichtbar, dass das Begegnungszentrum auch ein kirchlicher Ort ist - und wie wichtig ist das? Dazu entzündete sich unter den Teilnehmenden der Konferenz eine längere Diskussion. Viel Zustimmung fand am Ende ein Vorschlag von Pastorin Barbara Montag, die bei der Diakonie RWL die Stabsstelle Theologie und Grundsatzfragen leitet.

Teilnehmer an einzelnen Tischen

Auf der anderen Seite des Vorhangs: Die Konferenzteilnehmer diskutieren mit Eric Stoecker (rechts), dem Leiter des Wiki.

"Dass dies eine Kirche ist, wird ja durch das Gebäude sichtbar“, meint sie. "Aber die Türen sind offen, ohne Ansehen der Person. Wir sind einladende Kirche. Unser kirchlicher Auftrag ist die Grundlage für unser Handeln- daran müssen wir uns dann auch messen lassen." Das "Wiki" ist für sie ein gutes Beispiel für das gemeinsame Wirken von Diakonie und Gemeinden bei der Entwicklung der Quartiere.

Am zweiten Konferenztag besuchten die Konferenzteilnehmer weitere beispielhafte Modelle der Gemeinwesendiakonie, diesmal in Düsseldorf. Auch hier zeigte sich, dass das Thema der Quartiersentwicklung Diakonie und Kirchengemeinden zusammenbringt und an vielen Orten gemeinsame Projekte entstehen.

Text und Fotos: Christian Carls

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