10. September 2020

Tag der Wohnungslosen 2020

Wenn Familien ihr Zuhause verlieren

Job verloren und kein Geld mehr für die Miete – Immer mehr Familien in NRW melden sich wohnungslos. Ihre Zahl ist im vergangenen Jahr um zehn Prozent gestiegen. Zum morgigen "Tag der Wohnungslosen" appelliert die Diakonie RWL an die Kommunen, in der Corona-Krise kurzfristig mehr Notunterkünfte für Familien einzurichten – und langfristig für mehr sozialen Wohnraum zu sorgen.

  • Kinder- und Erwachsenenhände halten ein Haus aus Papier (Foto: Shutterstock)
  • Briefkasten mit Diakonie-Schild (Foto: Sabine Damaschke)
  • Sozialarbeiterinnen Ursula Michalke und Sheba Shumpert in der Notunterkunft für wohnungslose Familien der Diakonie Michaelshoven in Köln (Foto: S. Damaschke/Diakonie RWL)
  • Koffer im Zimmer für wohnungslose Mütter der "Kleinen Ariadne" der Diakonie Düsseldorf (Foto: Damaschke/Diakonie RWL)
  • Schuhe im Flur der Notunterkunft für wohnungslose Familien der Diakonie Michaelshoven in Köln (Foto: Damaschke/Diakonie RWL)

Es ist ein Rettungsanker, die letzte Stufe vor der Obdachlosigkeit. Ein ehemaliges Pfarrhaus mit fünf Zimmern in Köln-Neubrück, in denen maximal zwanzig Menschen gleichzeitig leben können. Seit die Stadt und die Diakonie Michaelshoven Anfang 2018 die Notunterkunft für wohnungslose Familien eingerichtet haben, ist sie ständig belegt.

"Es trifft zunehmend Menschen, die wir eigentlich für geschützt gehalten haben", berichtet Ursula Michalke, die seit 18 Jahren in der Wohnungslosenhilfe für Frauen bei der Diakonie Michaelshoven arbeitet. "Dazu gehören alleinerziehende Mütter sowie Eltern mit kleinen Kindern, die Arbeit haben, sich aber die hohen Mieten in Köln nicht leisten können."

Ursula Michalke, Leiterin der Wohnungslosenhilfe für Frauen und Familien bei der Diakonie Michaelshoven, im Garten der Notunterkunft für Familien

Ursula Michalke, Leiterin der Wohnungslosenhilfe für Frauen und Familien bei der Diakonie Michaelshoven, im Garten der Kölner Notunterkunft für Familien 

Knapp 47.000 Wohnungslose in NRW

In NRW verlieren offenbar immer mehr Familien ihr Zuhause. Ein Fünftel der knapp 47.000 Menschen, die sich laut aktueller Wohnungsnotfallstatistik im vergangenen Jahr bei den Behörden als wohnungslos gemeldet hatten, sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren aus Mehrpersonenhaushalten. Ihre Zahl ist innerhalb eines Jahres um 10,4 Prozent gestiegen.

Und das sind nur all jene, die sich überhaupt registrieren lassen. Denn wer seine Wohnung verliert, wohnt oft erst bei Verwandten, Freunden oder in billigen Hotels. Es können Monate, wenn nicht gar Jahre vergehen, bis die verdeckte Wohnungslosigkeit offenbar wird.

"Wir befürchten, dass die Zahl wohnungsloser Familien aufgrund der Corona-Pandemie in diesem Herbst weiter ansteigen wird", sagt Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann. Je länger die Krise dauere, für desto mehr Haushalte sei das Zahlen der Miete ein Kraftakt oder gar unmöglich geworden. Betroffen davon sind vor allem Solo-Selbstständige und ihre Familien, Alleinerziehende oder Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen.

Immer mehr wohnungslose Frauen mit Kindern melden sich bei Stefanie Volkenandt, Leiterin der Wohnungslosenhilfe für Frauen der Diakonie Düsseldorf. (Foto: Damaschke/Diakonie RWL)

Immer mehr wohnungslose Frauen mit Kindern melden sich bei Stefanie Volkenandt, Leiterin der Wohnungslosenhilfe für Frauen der Diakonie Düsseldorf. 

Anstieg häuslicher Gewalt

Eine Sorge, die Stefanie Volkenandt von der Diakonie Düsseldorf teilt. Schon im vergangenen Jahr sei die Zahl hilfesuchender Frauen mit Kindern in der Notunterkunft "Ariadne" gestiegen, erzählt die Leiterin der Wohnungslosenhilfe für Frauen. Während der Pandemie hätten sich mehr Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen gewesen seien, gemeldet.

"Aufgrund der Abstands- und Hygienebestimmungen konnten wir nicht alle aufnehmen. Daher hat die Stadt Hotelzimmer angemietet." Auch für den Herbst gibt es sowohl in Düsseldorf wie in Köln bereits Konzepte, wie weitere Räumlichkeiten für wohnungslose Menschen bereitgestellt werden können.

Das aber ist keine Selbstverständlichkeit, beobachtet der Wohnungslosenexperte der Diakonie RWL, Jan Orlt. "In vielen Kommunen sind die Notunterkünfte sehr beengt und schlecht ausgestattet." Eine Trennung nach Geschlechtern oder gar besondere Unterkünfte für wohnungslose Familien gebe es häufig nicht. "Damit die Unterkünfte im Herbst und Winter nicht zu Corona-Hotspots werden, muss unbedingt mehr getan werden", warnt Orlt.

In der "Kleinen Ariadne" der Diakonie Düsseldorf werden wohnungslose Frauen mit Kindern aufgenommen und bei der Wohnungssuche unterstützt. (Foto: Damaschke/Diakonie RWL)

In der "Kleinen Ariadne" der Diakonie Düsseldorf bekommen wohnungslose Frauen mit Kinder ein Dach über dem Kopf und werden bei der Wohnungssuche unterstützt. Das soziale Angebot wird seit Jahren über Spenden finanziert.

Mehr Räume und mehr soziale Hilfen

Doch es fehlt auch an sozialer Begleitung, damit die Menschen aus der Wohnungslosigkeit herausfinden. Das wäre vor allem für die Familien wichtig. Aus Angst, dass ihnen das Jugendamt die Kinder wegnimmt, melden sich viele nicht bei den Behörden.

In Köln wie auch Düsseldorf sucht die Diakonie gemeinsam mit dem Jugendamt nach Wegen, damit die Familien zusammenbleiben können. "Die Inobhutnahme findet nur im Notfall statt, wenn die Eltern ihre Kinder vernachlässigen oder gewaltsam behandeln", erzählt Ursula Michalke. Wünschenswert wäre diese Kooperation auch in anderen Kommunen, meint Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann. "Wir haben das Know-How, das Fachpersonal sowie Ehrenamtliche, um angemessene, schnelle und effektive Hilfe möglich zu machen."

Angesichts der seit Jahren steigenden Zahl wohnungsloser Menschen in NRW appelliert er kurz vor den Kommunalwahlen noch einmal an die Politiker, für mehr sozialen Wohnraum in den Städten und Kreisen zu sorgen. "Die langjährige Forderung der Diakonie nach einer sozialen Bindung von rund 30 Prozent aller Neubauwohnungen bekommt dieses Jahr durch die Corona-Pandemie und die damit verbundene Wirtschaftskrise eine neue Dringlichkeit."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Jan Orlt

Wohnungslosenhilfe