10. September 2021

Tag der Wohnungslosen

Zuhause in der Notunterkunft

Schon zwei Monate Mietrückstand reichen aus – und die Wohnung ist weg. Mittlerweile sind immer mehr Frauen mit Kindern betroffen. "Wir brauchen mehr kindgerechte Unterkünfte", sagt Stefanie Volkenandt von der Diakonie Düsseldorf. Zum Tag der Wohnungslosen am 11. September fordert die Diakonie: Wohnungslosen- und Jugendhilfe müssen sich besser vernetzen.

  • Ohne Wohnung und verzweifelt: Immer mehr Frauen mit Kindern kommen in Notunterkünfte. (Foto: Ariadne/Diakonie Düsseldorf)
  • Eine Stimme für wohnungslose Frauen: Stefanie Volkenandt leitet das Sachgebiet "Hilfen für Frauen" bei der Diakonie Düsseldorf und ist Sprecherin der Fachkonferenz Frauen im Fachverband Wohnungslosenhilfe der Diakonie RWL. (Foto: privat)
  • Alltag: In der "Kleinen Ariadne" können Mütter und Kinder zur Ruhe kommen. (Foto: Ariadne/Diakonie Düsseldorf)

Wohnungslosigkeit ist eine akute Notlage. Besonders hart ist es für Frauen mit Kindern. Gibt es Gemeinsamkeiten bei den Schicksalen der Familien?

Die Lebensläufe sind unterschiedlich, aber typisch ist, dass die Frauen aus toxischen Beziehungen kommen. Da geht es um Demütigungen, psychische und körperliche Gewalt. Wenn das Geld für eine eigene Wohnung fehlt, verharren die Frauen oft in dieser Situation.
Dazu kommen Ängste, dass man ihnen das Kind wegnimmt, wenn sie gehen und kein Obdach haben. Die Mütter sind oft in einem starken Konflikt: "Halte ich das der Kinder zuliebe aus? Gehe ich alleine? Dann bin ich eine Rabenmutter."

Wer sich entscheidet zu gehen, findet in der "Ariadne", einer Notunterkunft der Diakonie Düsseldorf, Unterstützung. Es gibt auch eine extra Unterkunft für Frauen mit Kindern. Wie hat sich das Angebot entwickelt?   

Als die "Ariadne" 2004 öffnete, gab es zwölf reguläre Betten und acht Notbetten. Die Notbetten haben wir irgendwann gar nicht mehr zusammengeklappt, weil so viele Frauen kamen. Und es waren auch wesentlich mehr Mütter mit Kindern als wir dachten. 
Jede Hilfesuchende wird aufgenommen, mit all den Problematiken, die sie mitbringt – etwa Suchterkrankungen oder psychische Probleme. Uns war schnell klar, dass das ein ungünstiges Umfeld für Kinder ist: 2015 konnten wir die "Kleine Ariadne" eröffnen, eine Wohnung nur für Mütter mit Kindern. 

Toben in der Notunterkunft: Bei der "Kleinen Ariadne" der Diakonie Düsseldorf wird viel wert auf Wohnlichkeit und Gemütlichkeit gelegt. (Foto: Ariadne/Diakonie Düsseldorf)

Toben in der Notunterkunft: Bei der "Kleinen Ariadne" der Diakonie Düsseldorf wird viel wert auf Wohnlichkeit und Gemütlichkeit gelegt.

Reicht das Platzangebot damit aus?

Der Bedarf an Unterbringungsplätzen ist stetig gestiegen, in diesem Jahr wurden bis zu 50 Frauen pro Nacht untergebracht. Dafür reicht die Bettenzahl der "Ariadne" nicht aus. Trotzdem muss niemand ohne Alternative weggeschickt werden, denn die Stadt Düsseldorf stellt zusätzliche "Not-Notplätze" zur Verfügung.

Die "Ariadne" wird künftig statt zehn Doppelzimmern 24 Einzelzimmer und zwei Doppelzimmer für Paare haben. Dazu kommt der separate Bereich für acht Mütter und Kinder – die Plätze werden praktisch verdoppelt.

In einer Notunterkunft zu leben ist besonders für Kinder und Jugendliche belastend.

Das stimmt. Auf den ersten Blick gehen Kinder oft flexibel mit der Situation um, aber natürlich ist das eine enorme Belastung. Scham und Schutzlosigkeit sind gerade bei Schulkindern ein Thema: Sie können keine Freunde mit nach Hause bringen. Was sollen sie in der Schule erzählen? Die Unterbringung ist oft mit einem Kita- oder Schulwechsel verbunden. Und wenn die Frauen dann eine Wohnung finden, steht ein erneuter Wechsel an.

Angespannter Wohnungsmarkt: Die Zahl der Sozialwohnungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als halbiert. Alleinerziehende Mütter warten bei der "Ariadne" im Schnitt sechs bis zwölf Monate auf eine eigene Wohnung. (Foto: Ariadne/Diakonie Düsseld

Angespannter Wohnungsmarkt: Die Zahl der Sozialwohnungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als halbiert. Alleinerziehende Mütter warten bei der "Ariadne" im Schnitt sechs bis zwölf Monate auf eine eigene Wohnung.

Wie schnell finden sie denn eine neue Wohnung?

Das geht oft etwas schneller als bei alleinstehenden Frauen. Ein großes Problem ist der angespannte Wohnungsmarkt, aber Wohnungen für Alleinstehende sind noch umkämpfter als für Familien. Statistiken zeigen, dass sich die Zahl der Sozialwohnungen von 1990 bis 2020 mehr als halbiert hat, von 2,8 Millionen auf eine Million. Immerhin: Gut die Hälfte der Mütter in der "Kleinen Ariadne" schafft es, eine Wohnung zu finden. Die anderen können von der Stadt Düsseldorf längerfristig untergebracht werden oder weichen auf das private Umfeld aus.

Im Schnitt bleiben die Mütter mit Kindern sechs bis zwölf Monate bei uns. Das ist für Kinder eine lange Zeit. Deshalb ist unsere Forderung, dass wohnungslos gewordene Mütter mit ihren Kindern zusammen untergebracht werden und diese Unterbringung kindgerecht sein muss. Das heißt zum Beispiel ein eigener abgeschlossener Wohnraum.

In Düsseldorf gibt es spezifische Angebote für wohnungslose Frauen mit Kindern. Wie sieht es insgesamt in NRW aus?

Wir haben als Fachkonferenz Frauen der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe eine Umfrage gestartet, an der sich 34 Einrichtungen und Dienste der Wohnungslosenhilfe im Rheinland, in Westfalen und in Lippe beteiligt haben. 69 Prozent der Kommunen gaben an, dass sie wohnungslose Mütter mit Kindern rund um die Uhr aufnehmen. 74 Prozent der Angebote sind ausschließlich Frauen vorbehalten. Das Ergebnis stimmt hoffnungsvoll, aber da ist noch Luft nach oben.

Sich zu Hause fühlen: In der "Kleinen Ariadne" leben die Frauen mit ihren Kindern in einer Wohngemeinschaft. Sie kochen zusammen und unterstützen sich bei der Kinderbetreuung. (Foto: Ariadne/Diakonie Düsseldorf)

Sich zu Hause fühlen: In der "Kleinen Ariadne" leben die Frauen mit ihren Kindern in einer Wohngemeinschaft. Sie kochen zusammen und unterstützen sich bei der Kinderbetreuung.

Laut Statistik sind in NRW rund ein Drittel der Wohnungslosen weiblich. Gehen Frauen anders mit der Situation um als Männer?

Frauen scheuen sich oft, in Notunterkünfte zu gehen. Sie versuche lange, ihre Wohnungslosigkeit zu verbergen oder abzuwenden. Wir sprechen von "verdeckter Wohnungslosigkeit". Ich mag das Wort Wohnungsprostitution nicht, aber einige Frauen gehen Beziehungen nur der Unterkunft wegen ein. Die Gefahr ist dann hoch, ausgebeutet zu werden.

Was ist wichtig, damit speziell Frauen mit Kindern besser geholfen werden kann?

Die Wohnungslosenhilfe muss sich stärker der Tatsache stellen, dass auch Mütter mit Kindern von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Neben der Forderung nach einer kindgerechten Unterbringung streben wir eine enge Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe an: Das kann bedeuten, dass die Jugendhilfe uns proaktiv auf drohenden Wohnungsverlust aufmerksam macht oder wir gemeinsam dafür sorgen, dass wohnungslose Familien zusammen untergebracht werden.

Das Interview führte Silke Tornede. Redaktion: Ilka Hahn und Ann-Kristin Herbst, 
Fotos: Ariadne/Diakonie Düsseldorf und Shutterstock.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Jan Orlt

Wohnungslosenhilfe

, Geschäftsfeld Berufliche und soziale Integration
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Zur Person
Stefanie Volkenandt ist Sprecherin der Fachkonferenz Frauen im Fachverband Wohnungslosenhilfe der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Die Sozialarbeiterin hat zwölf Jahre in der Düsseldorfer Notunterkunft "Ariadne" gearbeitet. 2016 übernahm sie die Sachgebietsleitung "Hilfe für Frauen" und leitet ein Wohnheim für wohnungslose Frauen der Düsseldorfer Diakonie.

Wohnungslosenstatistik NRW 
Die Zahl der wohnungslosen Menschen ist in NRW im vergangenen Jahr erneut gestiegen. Laut Statistik des Sozialministeriums hatten knapp 50.000 Menschen keine Wohnung, ein Plus von 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Mehr als ein Fünftel der erfassten Wohnungslosen (21,9 Prozent) sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre (plus 17,6 Prozent). In NRW lebten 2020 in jedem vierten wohnungslosen Haushalt Kinder (25,3 Prozent), 2019 waren es noch 22,4 Prozent. Die wohnungslosen Haushalte mit Kindern bestehen aus Paaren mit einem oder mehreren Kindern (16,9 Prozent) sowie aus Ein-Elternhaushalten (8,4 Prozent). Von den 8,4 Prozent alleinstehenden Personen mit Kindern waren 88 Prozent Prozent Frauen. Rund zwei Drittel der Wohnungslosen waren männlich. Die Hälfte der erfassten erwachsenen wohnungslosen Personen hatte eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit.