11. September 2019

Tag der Wohnungslosen

Rettungsanker vor der Obdachlosigkeit

Viele Jahre hat es in Deutschland so gut wie keine Familien gegeben, die länger wohnungslos waren. Heute richten immer mehr Großstädte Notunterkünfte für Eltern mit Kindern ein. In Köln haben die Stadt und die Diakonie Michaelshoven dafür Anfang 2018 ein ehemaliges Pfarrhaus gemietet. Seitdem sind die fünf Zimmer ständig belegt. Ein Besuch zum heutigen "Tag der Wohnungslosen".

  • Diakonie-Sozialarbeiterin Sheba Shumpert mit einem Kind in der Notunterkunft für Familien in Köln
  • Diakonie-Sozialarbeiterin Sheba Shumpert mit einem Kind im Büro der Notunterkunft für Familien in Köln
  • Diakonie-Sozialarbeiterin Sheba Shumpert mit einem Kind im Garten der Notunterkunft für Familien in Köln
  • Schuhe in der Notunterkunft für Familien in Köln

Es ist ruhig an diesem Morgen in der Kölner Notunterkunft für Familien. Die Kinder sind in der Schule, die Eltern arbeiten oder kaufen ein. Nur Mia (Name geändert) hat früher Schulschluss und stürmt ins Büro von Sozialarbeiterin Sheba Shumpert. Ob es um Hausaufgaben geht, ein neues Spiel oder ein selbst gemaltes Bild – das elfjährige Mädchen erzählt gerne davon. Seit Dezember vergangenen Jahres lebt sie mit ihren drei Geschwistern und Eltern in der Kölner Notunterkunft. Die sechsköpfige Familie bewohnt das größte Zimmer im Haus.

"Bevor sie zu uns kommen, haben viele Kinder mit ihren Familien in Hotels, bei Verwandten oder Freunden gewohnt", erzählt Sheba Shumpert. "Das war für alle unglaublich stressig. Hier können sie erstmal zur Ruhe kommen und aufatmen." Die Kinder gehen zur Schule und spielen im großen Garten hinterm Haus. Endlich führen sie wieder ein fast normales Familienleben. Dass sie sich in einer Notlage befinden, sei den Kindern zum Glück nicht so bewusst, sagt die 38-jährige Sozialarbeiterin.

Diakonie-Sozialarbeiterin Ursula Michalke in der Notunterkunft für Familien in Köln

Ursula Michalke leitet das Elisabeth-Fry-Haus für wohnungslose Frauen der Diakonie Michaelshoven. Sie hat darauf gedrängt, dass in Köln eine Notunterkunft für Familien entsteht.

Von der Notschlafstelle zur Notunterkunft

Die Notunterkunft für wohnungslose Familien in Köln ist ein Rettungsanker, die letzte Stufe vor der Obdachlosigkeit. Anfang 2018 hat die Stadt begonnen, im ehemaligen Pfarrhaus im Stadtteil Neubrück Familien aufzunehmen. Eine Sozialarbeiterin und eine Ergänzungskraft von der Diakonie Michaelshoven sind jeden Tag vor Ort, um sie auf ihrem schwierigen Weg in eine eigene Mietwohnung zu begleiten. "In die Notschlafstelle 'Auf dem Düppel' der Diakonie Michaelshoven sind in den letzten Jahren immer mehr Familien gekommen", sagt Ursula Michalke, die für die Notunterkunft verantwortlich ist. "Daher brauchten wir ein Haus, in dem wir Kinder und Eltern angemessen gemeinsam unterbringen können."

Die Familien leben in fünf Zimmern auf zwei Etagen. Es gibt einen großen Raum für maximal sechs Personen, zwei Zimmer für jeweils vier Personen und zwei Zimmer für alleinerziehende Eltern mit einem Kind. Auf jeder Etage stehen den Eltern und ihren Kindern eine Küche und ein Badezimmer mit Dusche zur Verfügung. Ihre Wäsche können sie im Keller waschen und trocknen. Seit Eröffnung der Notunterkunft sind alle Zimmer ständig belegt.

Sozialarbeiterinnen der Diakonie Michaelshoven schauen aus dem Fenster der Notunterkunft für Familien in Köln

Ein offenes Haus für Familien in Not: Sheba Shumpert und Ursula Michalke schauen aus der Küche der Notunterkunft.

Wohnungslosigkeit in der Mitte der Gesellschaft

Kein Wunder, denn laut aktueller Wohnungslosenstatistik der nordrhein-westfälischen Landesregierung waren im Juni 2018 knapp 45.000 Menschen in NRW von den Kommunen und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in freier Trägerschaft als wohnungslos gemeldet, rund 12.000 mehr als noch im Jahr zuvor. In jedem fünften wohnungslosen Haushalt (20 Prozent) lebten Kinder. 2017 waren es noch rund 16 Prozent. Auch in Köln ist die Zahl der wohnungslosen Familien gestiegen.

"Die Wohnungslosigkeit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen", beobachtet Ursula Michalke, die seit 17 Jahren in der Wohnungslosenhilfe für Frauen tätig ist. "Es trifft immer mehr Menschen, die man eigentlich für geschützt hält: Alleinerziehende Mütter mit kleinen Kindern, Eltern, die Arbeit haben, sich in Köln jedoch keine Wohnung mehr leisten können." In Köln sind mittlerweile knapp 6.000 Menschen wohnungslos gemeldet.

Diakonie-Sozialarbeiterin Sheba Shumpert im Gespräch in der Notunterkunft für Familien in Köln

Sheba Shumpert freut sich mit Denisa, dass ihr Job als Reinigungskraft entfristet wurde. Bei der Wohnungssuche hat das der Rumänin bisher aber nicht geholfen.

Chancenlos trotz festem Job

Viele kommen nach Zwangsräumungen, der Trennung vom Partner oder der gescheiterten Suche nach einem besseren Leben in die Notunterkunft für Familien. Seit ihrer Eröffnung im Januar 2018 haben dort neun Familien gelebt. Sie dürfen so lange bleiben, bis sie eine neue Bleibe gefunden haben. Und das kann dauern. Die 51-jährige Denisa (Name geändert) wohnt mit ihrem 17-jährigen, gehörlosen Sohn bereits sechs Monate in der Notunterkunft. "Sobald ich sage, dass ich Rumänin bin, habe ich keine Chance mehr", erzählt sie auf Französisch. Sechs Jahre hat sie mit ihrer Familie in Belgien gelebt. Nachdem sich ihr Mann von ihr getrennt hatte, kam sie Anfang letzten Jahres auf der Suche nach einem Job nach Köln. Dort lebte bereits ein erwachsener Sohn.

Denisa fand Arbeit als Zimmermädchen in einem Hotel, wo sie mit ihrem jüngsten, behinderten Sohn auch wohnte. Er geht in eine Schule für gehörlose Jugendliche. Als sie starke Rückenprobleme bekam und nicht mehr im Hotel arbeiten konnte, musste sie ausziehen. Sie fand zwar einen neuen Job als Reinigungskraft bei der Caritas, aber keine bezahlbare Wohnung. "Mein Sohn macht bald seinen Abschluss und würde gerne eine Ausbildung zum Heizungsinstallateur beginnen", sagt Denisa. "Wir fühlen uns wohl in Köln. Ich habe inzwischen sogar einen unbefristeten Job. Wir möchten in Deutschland bleiben."

Spielzeug im Garten der Notunterkunft für Familien in Köln

Spielzeug im Garten der Notunterkunft

Wohnungsmarkt rund um Köln leergefegt

Selbst wenn beide bereit wären, aus der Großstadt in die umliegenden Kleinstädte oder gar ins Oberbergische Land zu ziehen, würden sie dort kaum etwas finden. "Der Wohnungsmarkt für bezahlbare Wohnungen ist rund um Köln so gut wie leergefegt", beobachtet Ursula Michalke. "Und wenn die Wohnung günstiger ist, fehlt das Geld für ein Monatsticket des öffentlichen Nahverkehrs oder ein Auto, um zum Job und zu den Schulen zu kommen."

Ob in der Großstadt oder auf dem Land - früher sei es privaten Vermietern vor allem wichtig gewesen, dass die Miete regelmäßig überwiesen wird, ergänzt Sheba Shumpert. Auch wenn sie vom Sozialamt kam. "Heute ist die Mietwohnung eine Geldanlage, um die Rente aufzubessern." Menschen mit geringem Einkommen haben da kaum eine Chance, erst recht nicht, wenn sie aus der Wohnungslosigkeit kommen. Wer dennoch fündig wird, muss bescheiden sein. Doch das fällt den Familien aus der Notunterkunft nicht schwer. "Neulich hat ein junges Paar mit Baby eine Wohnung in Bonn gemietet. Da musste ich echt schlucken", erzählt die Sozialarbeiterin. "Sie war total verdreckt und renovierungsbedürftig. Aber die Eltern haben sich unglaublich gefreut."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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Sabine Damaschke

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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Zum bundesweiten Tag der Wohnungslosen am 11. September will die Stadt Köln mit mehreren Aktionen für das Thema sensibilisieren. Es gibt Infostände in der City, Führungen mit Streetworkern und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe öffnen ihre Türen. Insgesamt sind in Deutschland nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe rund 650.000 Menschen ohne Wohnung. Die meisten von ihnen leben in Notunterkünften, etwa 48.000 sind obdachlos.