11. September 2018

Tag der Wohnungslosen

"Wir brauchen einen nationalen Plan gegen Obdachlosigkeit"

Schätzungen zufolge werden bis Ende 2018 über eine Million Menschen in Deutschland wohnungslos sein. Immer mehr leben auf der Straße. Am heutigen Aktionstag der Wohnungslosen plädiert Roland Meier deshalb für einen nationalen Plan gegen Obdachlosigkeit. Der Duisburger Experte ist seit 30 Jahren in der Wohnungslosenhilfe aktiv und Fachverbandsvorsitzender bei der Diakonie RWL.

Portrait

Roland Meier leitet den Fachbereich Wohnungslosenhilfe beim Diakoniewerk Duisburg und ist Fachverbandsvorsitzender Wohnungslosenhilfe bei der Diakonie RWL. (Foto: Diakoniewerk Duisburg)

In deutschen Großstädten ist es immer schwieriger geworden, günstige Wohnungen zu bekommen. Wo bleiben all jene, die die hohen Mieten nicht zahlen können?

Bis Menschen auf der Straße landen, haben sie oft einen typischen "Werdegang" hinter sich. Wer seine Wohnung verliert, weil er die Miete nicht mehr zahlen kann, wendet sich zunächst an Familie oder Freunde. Dort bleibt er dann so lange, bis Probleme auftreten. Über ihre Bekannten, die Stadtverwaltung, das Internet oder auch die Bahnhofsmission finden viele Menschen dann den Weg in die Beratung der kommunalen Wohnungslosenhilfen oder in Einrichtungen freier Träger wie der Diakonie. Grundsätzlich hat jede Stadt eine Unterbringungsverpflichtung. Trotzdem landen Menschen auf der Straße. Seit fünf Jahren beobachten wir, dass die Zahl der Wohnungslosen rapide gestiegen ist – und zwar in Großstädten wie auch ländlichen Regionen.

Genaue Zahlen, wie viele Menschen in Deutschland wohnungslos sind, gibt es nicht. Woran liegt das?

Diesem Thema ist in der Vergangenheit nicht allzu viel Beachtung geschenkt worden. Dies zeigt sich schon daran, dass nur wenige Bundesländer, darunter Nordrhein-Westfalen, überhaupt eine Wohnungsnotfallstatistik führen. Danach ist die Zahl der registrierten wohnungslosen Menschen in NRW von 2014 bis 2017 um fast 30 Prozent auf über 32.000 Menschen gestiegen. Sie liegt aber tatsächlich höher, weil sich nicht alle Wohnungslosen registrieren lassen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzt, dass bundesweit rund 860.000 Menschen ohne Wohnung sind und diese Zahl bis Ende 2018 auf 1,2 Millionen steigen wird. Das halte ich für realistisch. Wir brauchen dringend einen nationalen Plan gegen Wohnungslosigkeit wie ihn andere europäische Staaten wie etwa Finnland bereits haben.

Wie sollte so ein nationaler Plan aussehen?

Auf Bundesebene müssten sich alle Akteure der Wohnungslosenhilfe mit der Bundesregierung, Ländern, Kommunen und der Wohnungswirtschaft zusammensetzen und verbindliche Ziele für eine Reduzierung der Wohnungsnot in Deutschland festlegen. Die Wohnungsfrage ist mittlerweile zur zentralen sozialen Frage geworden. Die Politik muss Rahmenbedingungen für bezahlbaren Wohnraum setzen. Viel zu lange haben wir zugeschaut, wie Wohnungen zur Handelsware gemacht und Profit damit erwirtschaftet wurde. Wenn wir so weitermachen, steigt die Armut in Deutschland immer stärker. Früher war der durchschnittliche wohnungslose Mensch zwischen 40 und 65 Jahre alt. Heute kommen immer häufiger Rentner in unsere Beratung, die ihre Miete nicht zahlen können und junge Menschen unter 30 Jahren. Sie machen mittlerweile die Hälfte der Wohnungslosen in Deutschland aus.

Obdachloser sitzt an einer Mauer

Rund die Hälfte aller Wohnungslosen in Deutschland sind unter 30 Jahre alt. (Foto: pixabay)

Gibt es genug Hilfsangebote für all die Menschen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind?

In vielen Großstädten haben wir ein gut ausgebautes System an differenzierten Hilfen. Sie reichen von der Beratung über Wohntrainingsangebote in Gruppen oder auch Einzelwohnungen. Damit versuchen wir, den Menschen und ihren vielfältigen Problemen – ich nenne hier nur Arbeitslosigkeit, Sucht, psychische Erkrankungen – gerecht zu werden. In Duisburg zum Beispiel erreichen wir mit unserem gut vernetzten Hilfesystem die meisten Wohnungslosen. Doch auch bei uns gibt es immer weniger bezahlbaren Wohnraum. Die Konsequenz daraus ist, dass Wohnungslose nicht aus den Einrichtungen entlassen werden können und für neue Bedürftige Plätze fehlen. Besonders schlimm betroffen sind davon z.B. München, Frankfurt, Freiburg oder Hamburg und Berlin.  

Dass Armut und Wohnungslosigkeit zunehmen, merken viele Bürger an der gestiegenen Zahl von Menschen, die Flaschen sammeln, um Pfand zu bekommen, in Mülleimern nach Essbarem suchen und Passanten um Geld anbetteln. Was kann die sogenannte Mittelschicht tun, um zu helfen? Soll sie tatsächlich ein paar Euro aus der Tasche ziehen?

Ich sage immer: Geben Sie das, was Sie geben können und tun es mit gutem Gewissen. Wenn ich unterwegs bin, habe ich immer einige Geldstücke in der Tasche. Niemand bettelt gerne. Einfach nur genervt den Kopf zu schütteln oder wenn man spendet, dann nur ein Brötchen oder einen Apfel zu geben, finde ich entwürdigend. Wir haben es mit erwachsenen Menschen, nicht mit unmündigen Kindern zu tun. Sie sollen selbst bestimmen können, wofür sie das Geld ausgeben. Das ist für mich eine Frage des Respekts. Wer dann noch ein freundliches Lächeln und Zeit für ein Gespräch übrig hat, zeigt Anteilnahme. Etwas, das viele dieser Menschen dringend brauchen und leider selten erfahren.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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