31. Januar 2020

Tag der Straßenkinder

Auf Knopfdruck erwachsen

Schätzungsweise 11.000 Jugendliche und junge Erwachsene haben in Nordrhein-Westfalen keine Wohnung. Die meisten von ihnen leben nicht auf der Straße, sondern ziehen von Sofa zu Sofa. Drogen, psychische Probleme und Hoffnungslosigkeit prägen ihren Alltag. In den Einrichtungen "youtel" und "pro kids" des Diakoniewerks Duisburg finden sie nicht nur eine Unterkunft, sie werden auch dabei unterstützt, ihre Probleme anzugehen.

  • Ablenkung und Normalität im Kontaktcafé "pro kids": Praktikantin Jana Peitz spielt mit Marvin Karten.
  • Das Telefon steht selten still: Einrichtungsleiterin Lea Frings in ihrem Büro im "you@tel".
  • Gerade aufgewacht: Bewohner Marvin in seinem Zimmer im "you@tel".
  • Das Logo des Kontaktcafés an der Wand des Aufenthaltraums.
  • Konzentriert dabei: Besucherin Jessica spielt mit den anderen im "pro kids" Karten.
  • Kicker im Aufenthaltsraum des "pro kid".
  • Zusammen Karten spielen: Einige der Besucherinnen und Besucher des "pro kid".
  • Das Gemeinschaftszimmer in der Einrichtung you@tel.
  • Freude an der Gemeinschaft: Marvin und Praktikantin Jana.
  • Besprechung im Büro: Helga Evers im "you@tel".

An manchen Tagen fühlt es sich für Lea Frings so an, als bewege sie sich zwischen zwei Welten. In der einen leben Jaden und Benjamin. Jaden mit dem schüchternen Lächeln und jungenhaften Gesicht, der gerade aus seinem Anti-Aggressionstraining geschmissen wurde. Der 17-Jährige ist high zum Training gekommen. Und in dieser Welt gibt es auch Benjamin mit der Zahnspange, der den letzten Winter in einem Wald in Thüringen verbracht hat. Sobald Lea Frings nach Hause kommt, betritt sie die andere Welt. Dort erzählt ihre elfjährige Tochter wie der Schultag war und sagt ihr, dass sie sie lieb hat.

Nähe schaffen: Sozialbetreuerin Helga Evers (links) tauscht sich mit Angela aus.

Nähe schaffen: Sozialbetreuerin Helga Evers (links) tauscht sich mit Angela aus.

Wohnplätze für bis zu zwölf Jugendliche

Jugendliche, deren Eltern überfordert sind, meist wenig bis kein Interesse an ihren eigenen Kindern haben und selbst Hilfe bräuchten, sind beruflicher Alltag für Lea Frings. Sie ist Leiterin der Einrichtung "youtel" des Diakoniewerks Duisburg, einer Anlaufstelle, die Jugendliche dabei unterstützt, ihre Probleme anzugehen und sich eine Zukunft aufzubauen. 

"Wir sind keine Erzieher", stellt Frings klar. Den bis zu zwölf Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren werden Hilfestellungen geboten, wie etwa Drogenberatungen, begleitete Amtsgänge und Coaching für die Jobsuche. "Die Entscheidung, ob die Angebote angenommen werden, liegt bei den Jugendlichen selbst", ergänzt Sozialbetreuerin Helga Evers. Wer sich zwischen den beiden Welten hin und her bewegt, zieht klare Grenzen, um sich selbst zu schützen, aber auch, um den jungen Erwachsenen zu signalisieren: Es ist dein Leben.

Selbstständig werden: Putzen, waschen und kochen müssen viele erst lernen. (Foto: Diakoniewerk Duisburg)

Selbstständig werden: Putzen, waschen und kochen müssen viele erst lernen. (Foto: Diakoniewerk Duisburg)

Selber kochen, waschen und putzen

Diese begleitete Selbstständigkeit ist in der Einrichtung allgegenwärtig. Auf zwei Etagen verteilt – eine für Frauen, eine für Männer - hat jede und jeder sein eigenes Zimmer mit Bett, Schrank und Schreibtisch. Küche, Bad und Wohnzimmer teilen sich die jungen Erwachsenen. Putzen, kochen, waschen – all das erledigen sie selbstständig. Wer Hilfe braucht, bekommt sie. Zusätzliche Unterstützung gibt es im Streetwork- und Kontaktcafé im Erdgeschoss, dem "pro kids". In dem durch Spenden finanzierten Café gibt es warmes Mittagessen für einen Euro und Tipps zum Ausfüllen des Antrags auf Arbeitslosengeld. 

"Als ich 18 geworden bin, war das erst einmal ein tolles Gefühl. Endlich war ich mein eigener Herr", erzählt Benjamin, der im Büro des "youtel" sitzt. Aber schnell sei ihm alles zu viel geworden. In den letzten Jahren ist Benjamin viel herum gekommen. Von Jugendeinrichtungen in Hessen ging es nach Brandenburg, dann nach Duisburg. "Mit meinem 18. Geburtstag war ich dann plötzlich auf mich alleine gestellt. Den Antrag auf Hartz IV habe ich nicht gepackt", erzählt der 19-Jährige. Als ihm alles zu viel wurde, sei er in die Wohnungslosigkeit gerutscht.

Schlechte Karten: Pierre hat kein Glück beim Romme-Spiel im "pro kids".

Schlechte Karten: Pierre hat kein Glück beim Romme-Spiel im "pro kids". 

Care-Leaver müssen schneller erwachsen werden

Benjamin sei ein ganz klassischer Fall, sagt Sozialwissenschaftler Matthias Beine, der das "pro kids"-Café leitet. Das deutsche Sozialsystem erwartet eine Menge von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die bei Pflegeltern, in Heimen oder Wohngruppen groß geworden sind. "Ein ‘normaler’ Jugendlicher hat Zeit, um erwachsen zu werden", erklärt Beine. In Deutschland ziehen junge Menschen im Durchschnitt mit 24 Jahren von Zuhause aus. "Und selbst dann können sie in der Regel auf ihre Eltern als unterstützende Ansprechpartner zählen".  Die sogenannten Care-Leaver, junge Erwachsene, die in Heimen, Wohngruppen oder bei Pflegefamilien groß geworden sind, müssten hingegen auf Knopfdruck erwachsen werden, Verantwortung für das eigene Leben übernehmen und die komplexen Anträge verstehen.

"Das ist eine deutliche Lücke in unserem Sozialsystem", kritisiert der Leiter des Kontaktcafés. Die Jugendhilfe endet meist  abrupt mit dem 18. Geburtstag. Wer es dann nicht schaffe, regelmäßig Anträge auf Wohngeld zu stellen, könne schnell obdachlos werden. "Bei wohnungslosen Menschen zwischen 18 und 21 Jahren ist das dramatisch, denn es fühlt sich im Regelfall kein Kostenträger zuständig", erklärt Tim Rietzke, Leiter des Geschäftsfelds "Familie und junge Menschen" in der Diakonie RWL.

Junge Wohnungslose dürfen nicht allein gelassen werden, fordert Tim Rietzke, Leiter des Geschäftsfelds "Familie und junge Menschen" in der Diakonie RWL.

Junge Wohnungslose dürfen nicht allein gelassen werden, fordert Tim Rietzke, Leiter des Geschäftsfelds "Familie und junge Menschen" in der Diakonie RWL.

Vielfalt von Problemen

Erst ab 21 Jahren sei der jeweilige Landschaftsverband zuständig. "Junge Wohnungslose sind in keinem Sozialgesetzbuch so richtig vorgesehen", so Rietzke. Und die Jugendlichen bleiben häufig unsichtbar, denn sie ziehen von Sofa zu Sofa und kommen bei Freunden und Bekannten unter, so lange bis es nicht mehr geht. 

Die Wohnungslosigkeit steht oft erst am Ende einer langen Kette von einer Vielfalt von Problemen. Psychische Erkrankungen, Drogensucht und Bildungslücken seien die Klassiker in den Lebensläufen der Bewohner: "Viele haben die Schule sehr früh abgebrochen oder sind nur sporadisch hingegangen", berichtet die Psychologin Sarah Maria Stappert. Kaum einer habe einen abgeschlossene Schul- oder Berufsabschluss. 

Matthias Beine bereitet das Frühstück im Kontaktcafé vor. Im "pro kids" gibt es außerdem warmes Mittagessen.

Matthias Beine bereitet das Frühstück im Kontaktcafé vor. Im "pro kids" gibt es außerdem warmes Mittagessen.

Gestrecktes Cannabis

Hinzu kämen die Drogen. "Fast alle unserer Bewohner haben damit Erfahrungen gemacht", so Frings. "Wir beobachten, dass der THC-Gehalt des Cannabis, das hier auf der Straße verkauft wird, immer höher wird. Und manchmal sind die Drogen auch noch gestreckt, zum Beispiel mit Haarspray". Wer das über Jahre hinweg rauche, könne sich nur schwer konzentrieren, berichtet Matthias Beine.  

So wie Jaden, der ins Büro kommt, um von seinem Ausschluss aus dem Anti-Aggressionstraining zu erzählen. "Ohne Gras zu rauchen, kann ich nicht schlafen. Ich komme einfach nicht zur Ruhe", erzählt der 17-Jährige frustriert. Zwei Tage habe er es ohne Rauchen ausgehalten, dann sei der Drang zu groß geworden. Er wolle jetzt eine Drogenberatung besuchen.

Hilfe bei den Anträgen: Psychologin Sarah Stappert sortiert die Unterlagen eines Bewohners.

Hilfe bei den Anträgen: Psychologin Sarah Stappert sortiert die Unterlagen eines Bewohners.

Vernetzung innerhalb Duisburgs

Das "youtel" und das "pro kids" sind gut vernetzt. Im Jobcenter der Stadt Duisburg gibt es eine eigene Abteilung für wohnungslose Menschen. Dort bekommen sie schneller einen Termin, bei fehlenden Unterschriften und Nachweisen der Eltern wird auch schon mal ein Auge zugedrückt, um die Jugendlichen vor zusätzlichen Konfrontationen zu schützen.

Plätze in Drogenberatungen können die Mitarbeitenden in der Regel innerhalb einer Woche vermitteln. "Wir haben viele Möglichkeiten hier", so Helga Evers. "Die Jugendlichen müssen sie nur annehmen wollen".

Text und Fotos: Ann-Kristin Herbst


Das Streetwork- und Kontaktcafé "pro kids" erhält keine Regelfinanzierung seitens der Stadt oder staatlicher Institutionen. Es finanziert sich zu 100% aus Spenden.

Spendenkonto: Bank für Kirche und Diakonie EG-KD Bank, IBAN DE513 5060190 0000 515 515; Verwendungszweck: pro kids
Ihr/e Ansprechpartner/in
Tim Rietzke

Jugend und Schulen

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Zahlen zur Wohnungslosigkeit
Zur genauen Zahl der wohnungslosen Minderjährigen und jungen Erwachsenen in Deutschland gibt es nur Schätzungen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) geht von 32.000 wohnungslosen minderjährigen Kindern und Jugendlichen aus. Geringer fällt die Zahl nach Erhebungen des Deutschen Jugendinstituts aus. In einer Studie wurden Fachkräfte aus der Obdachlosenarbeit befragt. Nach den Ergebnissen waren 2016 etwa 37.000 Jugendliche und junge Menschen bis einschließlich 26 Jahre obdach- oder wohnungslos. Um die genaue Zahl der obdachlosen Menschen in Deutschland zu ermitteln, haben am Mittwoch Ehrenamtliche in Berlin begonnen Obdachlose zu zählen.
In NRW wird bereits seit 2011 eine Wohnungslosenstatistik geführt. Nach den neusten Zahlen von 2018 waren 11.035 Minderjährige und junge Erwachsene bis 21 Jahren wohnungslos. Rechnet man die 21- bis 25-Jährigen hinzu, waren es insgesamt 15.283 junge Erwachsene.