20. April 2020

Tafeln in der Corona-Krise

"Alles wie immer, nur anders"

Kleinere Geschäfte dürfen ab heute wieder öffnen. Darunter befindet sich auch so manche Tafel in Trägerschaft von Diakonie und Kirche. Viele haben in den vergangenen Wochen ihre Essensausgabe geschlossen. Dennoch versuchten sie, ihren Betrieb trotz Corona aufrecht zu erhalten – mit verschiedenen Herangehensweisen, aber demselben Ziel: für Bedürftige da zu sein. Einige Beispiele aus Nordrhein-Westfalen und dem Saarland.

  • Mitarbeitende der Tafel der Bergischen Diakonie mit Mundschutz

Aus Sorge um die Gesundheit der ehrenamtlichen Helfer und Besucher hatten Tafeln im ganzen Land ab Mitte März ihren Betrieb eingestellt. Das galt auch für die Tafel Niederberg der Bergischen Diakonie. "Für uns war aber sofort klar, dass wir einen Lieferdienst organisieren möchten", sagt Renate Zanjani, Abteilungsleiterin der Zentralen Unternehmenskommunikation. Klar sei auch gewesen, dass sich das Angebot an allen sechs Standorten nicht nur an Tafelkundinnen und -kunden richten solle. "Die Krise trifft viele Menschen hart."

Manche würden arbeitslos, andere gehörten zur Risikogruppe. Zudem seien lange Zeit günstige Lebensmittel ausverkauft gewesen und in den Monaten März bis Mai belaste etwa die Jahresstromabrechnung das Budget zusätzlich. Umso glücklicher ist Zanjani, dass der Lieferdienst dank vieler Freiwilliger schnell starten konnte. Wer Hilfe sucht, kann sich online registrieren – ebenso wie Spenderinnen und Spender.

Mitarbeitende einer diakonischen Tafel sortieren Lebensmittel

Nach wie vor sortieren Mitarbeitende die Ware aus den Lebensmittelgeschäften und teilen sie aus - allerdings jetzt in Paketen. (Foto: Diakonie Deutschland)

Fußballprofis unterstützen Tafeln

Dienstagmorgens wird laut Zanjani bei Supermärkten alles an Obst, Gemüse und Frischeprodukten eingesammelt, was länger als ein oder zwei Tage haltbar ist. Dann beginne das muntere Sortieren und Aufteilen der Waren. Für mehr als 45 Haushalte werden Pakete für rund 14 Tage zusammengestellt. Ausgeliefert wird dienstags und donnerstags mit bis zu sechs Fahrzeugen. Zanjani koordiniert all das mit ihrer Kollegin Tanja Högström. Dabei haben sie auch promintente Unterstützung.

"Wir haben von der Initiative #wekickcorona der Fußballprofis Joshua Kimmich und Leon Goretzka 5.000 Euro bekommen", sagt Zanjani und freut sich. Genutzt werde das Geld für Zukäufe bei regionalen Caterern. "Denen geht es gerade sehr schlecht, sie unterstützen uns aber sonst auch immer." Ohnehin sieht Zanjani in der Krise etwas Gutes: "Die Gesellschaft beweist an vielen Stellen Solidarität."

Ehrenamtliche einer diakonischen Tafel gibt einem Mann eine Tüte mit Lebensmitteln

Die Taschen mit Lebensmitteln werden den Kunden nicht mehr im Tafelladen überreicht, sondern zu ihnen gebracht. (Foto: Diakonie Deutschland)

Lebensmittel-Taschen für 350 Menschen

Diese Erfahrung macht auch Stefan Gebhardt, Bereichsleiter Bildung und Soziale Teilhabe beim Diakonischen Werk an der Saar. "Die Unterstützung aus der Bevölkerung ist riesig. Wir haben mehr Freiwillige als Arbeit", berichtet er mit Blick auf die Tafel in Illingen. Allein 14 Ehrenamtliche seien neu dabei. "Dadurch können wir den Tafelbetrieb aufrechterhalten, wenn auch anders als gewohnt."

Denn: die Ausgabestelle und das Café der Tafel, die in Trägerschaft der Diakonie Saar und dem Caritasverband Schaumberg-Blies ist, seien geschlossen. Dafür sammelten Ehrenamtliche Waren bei kleinen Geschäften und großen Discountern ein. Dauerhaft haltbare Produkte wie Mehl und Nudeln würden durch Spendengelder dazu gekauft. "Pro Woche werden zwischen 75 und 90 Taschen für zirka 350 Menschen gepackt", erklärt Gebhardt und ergänzt: "Immer mittwochs ab 14 Uhr werden die Sachen an den Mann und die Frau gebracht."

Altmodischer Wecker

Wecker stellen für die Essensausgabe an der Tafel - Jeder Kunde erhält eine Uhrzeit, wann er seine gepackte Kiste abholen kann. (Foto: pixabay.de)

Pünktlichkeit zählt

Auf ein ähnliches Modell wie in Völklingen setzt die Merziger Tafel im Saarland, die von der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde betrieben wird. "Normalerweise werden unsere Kunden elektronisch erfasst. Damit kontrollieren wir die Zugangskriterien und zählen, wie viele Menschen da waren", berichtet Tafel-Leiter Frank Paqué. Darauf werde derzeit verzichtet, ebenso wie auf den Eigenanteil der Hilfesuchenden.

"Alle bekommen eine exakte Uhrzeit, wann sie da sein sollen", beschreibt Paqué den Ablauf. An der Ausgabe im Hof erhielten sie schließlich montags und freitags eine fertig gepackte Kiste mit Lebensmitteln. "Durch dieses System haben wir null Kundenkontakt", bekräftigt der Tafel-Leiter. "Hier läuft also alles wie immer, nur anders." Das gilt vor allem für die Ehrenamtlichen. Während ein Teil des Stammpersonals, das überwiegen aus Senioren besteht, zuhause bleibt, helfen nun viele junge Leute mit.

Gemeindezentrum der Evangelischen Kirchengemeinde St. Johann in Saarbrücken

Gemeindezentrum der Evangelischen Kirche St. Johann in Saarbrücken  (Foto: Ev. Kirchengemeinde St. Johann)

Kirchengemeinde verteilt Care-Pakete

Eine Welle der Hilfsbereitschaft schwappte auch durch die Evangelische Kirchengemeinde St. Johann in Saarbrücken. Seit Kurzem packt dort ein Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen sogenannte Care-Pakete mit Grundnahrungsmitteln und Hygieneartikeln. Weil die Saarbrücker Tafel geschlossen habe, hätten sie in diesem Bereich großen Bedarf gesehen, berichtet Pfarrer Herwig Hoffmann. Und so werden die Pakete nun dienstags und freitags im Kirchgarten der Alten Kirche verteilt.

"Beim ersten Mal waren 100 Leute da. Wir rechnen aber mit einer deutlich größeren Nachfrage, nachdem wir es jetzt publik ist", sagt Hoffmann. Dafür sieht sich der Pfarrer gut gerüstet. Schließlich mangelt es nicht an Helfenden. "Egal ob Pfarrer, Pfarrerinnen, Jugendleiterin, Hausmeister oder Studierende der THW Saarbrücken, jeder packt mit an."

Text: Andreas Attinger (ekir); Redaktion: Sabine Damaschke; Teaserfoto: Bergische Diakonie

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Sabine Damaschke

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Die erste Tafel in Deutschland wurde 1993 in Berlin gegründet. Inzwischen verteilen bundesweit 948 solcher Hilfsorganisationen mit mehr als 2.000 Läden und Ausgabestellen überschüssige Lebensmittel an insgesamt 1,6 Millionen Bedürftige. Zwischenzeitlich sind aufgrund der Corona-Pandemie etwa 450 Einrichtungen geschlossen gewesen. Durch eine Umstellung ihrer Arbeit konnten inzwischen aber mehr als 100 Tafeln vor allem in größeren Städten wieder öffnen. (epd)