19. Mai 2020

Sucht in der Corona-Krise

Der gefährliche Griff zur Flasche

Homeoffice, Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit – Suchtberater der Diakonie warnen, dass soziale Isolation und Verunsicherung in der Corona-Krise Alkoholmissbrauch und Abhängigkeiten begünstigen. Die Beratungsstellen rechnen mit einem steigenden Hilfebedarf. Gleichzeitig haben sie mit krisenbedingten Einschränkungen bei ihrer Arbeit zu kämpfen.

  • Mann mit leerer Schnapsflasche

Da ist der Partner, der jetzt zu Hause arbeitet und seinen Alkoholkonsum nicht mehr im Griff hat, oder die Mutter, die schon mittags anfängt zu trinken. "Die Frau ist in Kurzarbeit und hat vermutlich Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Der Sohn hat sich hilfesuchend an uns gewandt", erzählt Frank Schlaak, Leiter der Diakonie Fachstelle Sucht in Dortmund. Auch Betroffene rufen an, etwa weil sie im Homeoffice aufgefallen sind. Bei einem Telefonat mit seinem Chef sprach ein Angestellter zum Beispiel so undeutlich, dass der Vorgesetzte schnell merkte: Da ist Alkohol im Spiel. Sein Chef verpflichtete ihn daraufhin, sich an eine Beratungsstelle zu wenden, wenn er weiter zu Hause arbeiten wolle.

Für Suchtgefährdete ist es eine kritische Zeit: Kontakte sind auf ein Minimum reduziert, statt geregeltem Arbeitsalltag ist Homeoffice angesagt, oder noch schlimmer Kurzarbeit. "Die Angst um den Job, finanzielle Nöte und dazu noch die Sorge, sich mit dem Virus anzustecken – viele Menschen erleben gerade eine existenzbedrohende Situation", beobachtet Schlaak. Beim Team der Dortmunder Beratungsstelle melden sich im Moment etliche besorgte Angehörige, die berichten, dass Familienmitglieder mehr trinken als sonst.

Frank Schlaak, Leiter der Diakonie Fachstelle Sucht in Dortmund, erklärt die Wirkung des Alkohols anhand einer Puppe.

Vom Mund ins Hirn - Frank Schlaak, Leiter der Diakonie Fachstelle Sucht in Dortmund, erklärt die Wirkung des Alkohols anhand einer Puppe. (Foto: Diakonie Dortmund

Suchtkranke vermissen Austausch

Auch Menschen, die um ihre Abstinenz ringen, haben es derzeit nicht leicht. Therapeutische Gruppensitzungen in der ambulanten Reha oder nach einem Entzug mussten wegen der Kontaktbeschränkungen gestrichen werden, ebenso Präventionsangebote. "Die Betroffenen sagen uns ganz klar: Die Gruppe fehlt. Sie vermissen den Austausch und die gegenseitige Unterstützung", fasst Schlaak zusammen. Einzelberatungen und Klienten-Kontakte finden zwar statt, aber meistens nur telefonisch oder per Videochat. Außerdem erhalten die Reha-Teilnehmenden per Mail Aufgaben, die zum Nachdenken über die eigene Situation anregen.

"All das ersetzt aber nicht das persönliche Gespräch. Viele nonverbale Informationen, auf die wir als Therapeuten reagieren können, gehen jetzt verloren", ergänzt Klaus Brameier von der diakonischen Fachstelle Sucht in Herford und weist auf ein weiteres Manko hin: "Nicht alle unsere Klienten sind gleich gut erreichbar oder haben die technischen Voraussetzungen, etwa für einen Videochat."

Klaus Brameier, Suchtexperte der Diakonie in Herford, ist besorgt über den gestiegenen Alkoholverkauf in der Corona-Krise.

Klaus Brameier, Suchtexperte der Diakonie in Herford, ist besorgt über den gestiegenen Alkoholverkauf in der Corona-Krise.  (Foto: Diakonisches Werk Herford)

Mehr Verkauf von Alkohol

Alarmierend sind für die Experten Hinweise, dass der Verkauf von Alkohol mit Beginn der Pandemie deutlich gestiegen ist. Von Ende Februar bis Ende März kauften die Deutschen rund 30 Prozent mehr Wein und Schnaps als im Vorjahreszeitraum, meldete das Marktforschungsinstitut GfK. Alkohol ist jederzeit verfügbar und bringt gefährdete Menschen leicht in Versuchung. Konsumenten illegaler Drogen stehen derzeit dagegen unter großem Beschaffungsdruck, weil Grenzen geschlossen und Nachschubwege abgeschnitten sind.

"Die Menschen konsumieren möglicherweise weniger, dafür aber riskanter. In der Substitutionsbehandlung fehlt eine engmaschige medizinische Kontrolle, weil Praxen runtergefahren sind", beobachtet Klaus Brameier. Außerdem könnten Abhängige derzeit nicht so schnell in eine Entgiftung vermitteln werden, weil Kliniken weniger Patienten aufnehmen oder sich auf regionale Versorgungsaufträge beschränken, womit sich die Verfügbarkeit der Behandlungsplätze insgesamt deutlich reduziert.

Den ganzen Tag unkontrolliert gamen - Auch die Onlinespielsucht nimmt im Homeoffice zu.

Den ganzen Tag unkontrolliert gamen - Auch die Onlinespielsucht nimmt im Homeoffice zu, beobachten die Suchtexperten. (Foto: pixabay.de

Online-Spielsucht außer Kontrolle

Und noch eine Gruppe bereitet dem Leiter der Herforder Beratungsstelle Sorgen: die Online-Spielsüchtigen. Sie seien in der Corona-Krise gefährdeter denn je, sagt Brameier. Viel freie Zeit, Kurzarbeit, Langeweile – all das öffne der Spielsucht Tür und Tor. "Von vielen Betroffenen bekommen wir die Rückmeldung: Es entgleitet uns gerade. Wir haben es nicht mehr unter Kontrolle. Gerade heute Morgen hatte ich einen jungen Mann am Telefon, der sagte, er komme überhaupt nicht mehr raus, spiel nur noch Online-Casino." Andere zocken nebenbei im Homeoffice mit der Folge, sich weiter zu verschulden, ihre Abhängigkeit zu verfestigen und unter enormem Druck zu stehen.

Die Dunkelziffer bei diesen und anderen Abhängigkeiten schätzt Brameier hoch ein. "Viele Menschen wenden sich jetzt gar nicht an uns, weil sie denken, das sei in Corona-Zeiten nicht möglich." Andere Klienten, die unter psychischen Problemen oder Depressionen leiden, ziehen sich von selbst zurück. "Wir merken, dass einige Leute einfach abtauchen. Die rufen wir gezielt an. Oft sind sie unglaublich dankbar, dass wir uns um sie kümmern und wir merken, in welcher Not sich diese Menschen gerade befinden."

Ralph Seiler, Suchtexperte der Diakonie RWL

Ralph Seiler, Suchtexperte der Diakonie RWL, geht von einem steigenden Beratungsbedarf in den kommenden Monaten aus.

Suchtberatung ist systemrelevant 

Wie wichtig die Arbeit der Beratungsstellen ist, zeige sich jetzt in der Krise, betont der Suchtexperte der Diakonie RWL, Ralph Seiler. "Suchtberatung ist in der Corona-Krise ein stabilisierendes Element." In NRW werden etwa zwei Drittel der über 160 Sucht- und Drogenberatungsstellen von der Diakonie und Caritas getragen, rund 60.000 Betreuungen finden in diese Einrichtungen pro Jahr statt.

"Wir gehen davon aus, dass der Beratungsbedarf in den kommenden Monaten steigen wird." Gleichzeitig verschärfe die Pandemie die ohnehin schon angespannte Finanzsituation der Einrichtungen. "Die Förderung ist eine freiwillige Leistung der Kommunen und richtet sich oft nach deren Kassenlage, und die wird gerade schlechter. Die Gewerbesteuereinnahmen brechen ein." Die Kirchensteuereinnahmen gehen ebenso zurück, als Folge von Kurzarbeit und niedrigeren Löhnen. Das kann auch die notwendigen Eigenmittel für die Suchtberatung treffen, befürchtet Seiler. "Wir hoffen, dass die Politik erkennt, dass auch die Suchtberatung systemrelevant ist."

Text: Silke Tornede

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ralph Seiler

Suchthilfe und Aids

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Homeoffice in der Corona-Pandemie:  Jeder dritte Beschäftigte ist laut einer Umfrage in der Corona-Krise ins Homeoffice gewechselt. 35 Prozent gaben in der ersten Aprilhälfte an, teilweise oder vollständig von zu Hause aus zu arbeiten, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung auf Basis des Sozio-Ökonomischen Panels ermittelte. Vor der Corona-Krise haben nur zwölf Prozent gelegentlich oder immer den heimischen Schreibtisch genutzt. Vor allem Beschäftigte mit höherem Einkommen und höherer Bildung konnten demnach ins Homeoffice wechseln. Jeder Zehnte meint, dass er zu Hause sogar mehr Arbeit erledigen kann als im Büro. 40 Prozent der Betroffenen machen die gegenteilige Erfahrung. (dpa)