6. Juli 2018

Strafvollzug bei Müttern

Mit Mama im Gefängnis

Nur knapp sechs Prozent der Gefangenen in Deutschland sind Frauen. Viele von ihnen haben Kinder. Doch nicht alle müssen sich während der Haftzeit von ihnen trennen. In besonderen Mutter-Kind-Einrichtungen dürfen sie zusammen leben, betreut von pädagogischen Mitarbeiterinnen. Der Strafvollzug in NRW setzt dabei auf die Kompetenz der Diakonie. Zu Besuch in einer Anstalt mit Spielplatz.

An eine Zelle erinnert in Saras Appartement nichts.

Auf das kleine Regal über der Wickelkommode hat Sara (Name geändert) einen Spiegel gestellt. "Für die beste Mama der Welt", steht darauf. Er soll sie daran erinnern, was sie für ihren 15 Monate alten Sohn sein möchte – und sein kann. "Leon (Name geändert) ist mein ganzer Stolz", betont Sara und blickt auf den Spielplatz vor ihrem kleinen Appartement. "Für ihn möchte ich ein neues Leben beginnen, wenn ich hier rauskomme."

In einigen Monaten wird es so weit sein. Dann hat sie ihre fünfjährige Haftstrafe im offenen Vollzug verbüßt. Sie mache sich viele Sorgen, ob sie tatsächlich einen Kitaplatz für Leon, eine Wohnung und einen Job finde, gibt Sara zu. "Hier lebe ich seit Leons Geburt in einem Schutzraum und habe viel Unterstützung. Draußen muss ich wieder ums Überleben kämpfen. Aber ich will das schaffen."

Renate Tertel hat das Wohl der Kinder im Blick. Sie haben sogar ein eigenes Bällchenbad zum Spielen.

Appartements statt Zellen

Es ist diese klare Entscheidung für ein neues Leben mit ihrem Kind und die Liebe zu Leon, die Renate Tertel zuversichtlich macht, dass Sara es "draußen",“ tatsächlich schaffen wird. Seit knapp einem Jahr ist die Sozialarbeiterin der Bergischen Diakonie als pädagogische Fachberatung in der Mutter-Kind-Einrichtung in Fröndenberg tätig.

Es ist die einzige Einrichtung in NRW für straffällige Mütter. In zehn Bundesländern gibt es diese besonderen Angebote. Teilweise sind es Abteilungen im geschlossenen Vollzug, in denen die Mütter mit ihren Kindern bis zum Alter von sechs Jahren leben können. Zum Teil wohnen sie in speziellen Gebäuden im offenen Vollzug.

So wie in Fröndenberg nahe Unna. Dort wurde 1990 die Mutter-Kind-Einrichtung in einem Schwesternwohnheim am Justizvollzugskrankenhaus NRW eröffnet. Es gibt Plätze für 16 Mütter, die in kleinen Appartements mit ihren Kindern leben. Neben der Eignung für den offenen Vollzug ist eine wichtige Voraussetzung, dass das Kind zum Zeitpunkt der Entlassung nicht älter als sechs Jahre sein darf.

Diakonie RWL-Referentin Sabine Bruns (rechts) lässt sich von Renate Tertel das Konzept der Mutter-Kind-Einrichtung erklären.

Kinder sind keine Gefangenen

Betreut werden sie von zehn Vollzeitkräften. Darunter sind neben den Vollzugsbeamtinnen auch Erzieherinnen. Dass Renate Tertel das Team seit August 2017 unterstützt, sei eine große Besonderheit, erklärt Sabine Bruns, Expertin für Straffälligenhilfe bei der Diakonie RWL. "Damit stärkt die Einrichtung bewusst die pädagogische Ausrichtung ihres Konzepts."

Denn Strafvollzug und Jugendhilfe unter einen Hut zu bekommen, ist ein Kraftakt. Während die Haftanstalt für den Vollzug der Strafe sorgen und die Gefangenen kontrollieren, überwachen und notfalls auch disziplinieren muss, hat die Jugendhilfe vor allem das Wohl der Kinder im Blick und sollte alles für seine gute Entwicklung tun. "Die Kinder sind ja keine Gefangenen", betont Sabine Bruns.

Auch für den Medienkonsum der Kinder gibt es klare Regeln.

Strikte Hausregeln

Für Renate Tertel steht die Beziehung zwischen Mutter und Kind im Vordergrund. Doch was der Mutter nützt, schadet bisweilen dem Kind – und umgekehrt. "Es gibt zwar keine Gitter vor den Fenstern, einen eigenen Zimmerschlüssel und regelmäßigen Ausgang“, erklärt Tertel, "aber strikte Hausregeln."

Wer die Regeln nicht einhält, wird sanktioniert – bis dahin, dass eine Mutter wieder in den geschlossenen Vollzug muss. "Für das Kind ist das eine Katastrophe", betont die Sozialarbeiterin. In NRW gibt es keinen geschlossenen Vollzug für Mütter mit ihren Kindern. Sie müssen also zu Angehörigen oder Pflegefamilien. "Die Entscheidung, eine Trennung von Mutter und Kind vorzubereiten, braucht sinnvolle Absprachen." Und das wiederum braucht Zeit, die aufgrund der Verlegung der Mutter in den geschlossenen Vollzug nicht immer gegeben ist.

Vollzugsbeamtin Sabine Grams hilft den Müttern manchmal beim Kochen.

Angst vor einer Trennung

"Solche Situationen hatten wir hier schon. Sie sind auch hochemotional belastend für die anderen Mütter", sagt Sabine Grams. Die Vollzugsbeamtin gehört seit Gründung der Mutter-Einrichtung in NRW zum Team. "Alle haben Angst davor, dass ihnen die Kinder wieder weggenommen werden", erklärt die gelernte Erzieherin. "Aber vielen ist nicht bewusst, dass sie mit ihrem Verhalten Vorbild sind. Von ihnen lernen die Kinder." Deshalb sei eine Tagesstruktur mit klaren Regeln wichtig: feste Essens-, Fernseh- und Schlafzeiten, ein sauberes Appartement, die Beteiligung an der Hausarbeit.

Ein Regelwerk, das Renate Tertel mit ihrem Fokus auf die Mutter-Kind-Bindung bisweilen in Frage stellt. "Ich bin zum Beispiel dafür, dass Frauen die Kinder zu sich ins Bett holen dürfen", sagt sie. "Darüber hatten wir viele Diskussionen." Die Sozialarbeiterin möchte die Eigenverantwortung der Mütter stärken und sie an Entscheidungen, die ihr Kind betreffen, mehr beteiligen. Etwa, wann es in die Kita gehen soll.

Sara hat mitentschieden, dass Leon vormittags in eine Kita geht statt in der Einrichtung zu spielen.

Partizipation der Mütter

Mit Sara hat sie zum Beispiel überlegt, dass es Leon guttun würde, vormittags ein anderes Umfeld zu erleben. Sara wiederum nutzt die Zeit, um in Küche und Haushalt der Mutter-Kind-Einrichtung zu helfen. Dafür bekommt sie Lohn und ist sozialversicherungspflichtig beschäftigt. So erwirbt sie einen Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Im Gegensatz zu den meisten straffälligen Müttern kann Sara eine Ausbildung vorweisen. Sie hat als Speditionskauffrau gearbeitet. Doch dann geriet sie "aus Liebe" in eine Bande von Menschenhändlern, die Mädchen aus Sri Lanka in die Prostitution zwangen. Viele Jahre hatte sie keinen Kontakt zu ihrer Familie. In ihrer Haftzeit wurde sie während eines Freigangs schwanger.

Appartement ohne Gitter, aber doch nicht in Freiheit: Sara darf hier bald ausziehen.

Familie unterstützt draußen

Jetzt steht die Familie wieder an ihrer Seite. "Meine Mutter hat geweint, als ich mich gemeldet habe", erzählt Sara. "Sie meinte: Hauptsache, du bist wieder da und nicht tot." Bei diesem Satz fängt sie selbst an zu weinen. "Ich bin dankbar, dass ich die Chance hatte, mit Leon in der Mutter-Kind-Einrichtung zu wohnen", betont sie. "Hier habe ich viel gelernt und draußen wird mich meine Familie unterstützen."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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Sabine Bruns
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