29. Oktober 2019

Spielbankengesetz NRW

"Der Spielerschutz wird zum Feigenblatt"

Glücksspiel ist in Deutschland verboten. Nur unter staatlicher Kontrolle dürfen Casinos betrieben werden. Der Spielerschutz muss laut Gesetz im Zentrum stehen. Dennoch sind 500.000 Menschen spielsüchtig. Und es könnten noch mehr werden, befürchtet Frank Gauls von der ambulanten Suchthilfe Bethel. Denn der Entwurf zum Spielbankengesetz NRW und die Neuregelung des Glücksspielstaatsvertrags öffnen den Markt weiter.

Warum sollen die Spielbanken NRW privatisiert werden?

Die landeseigene Spielbanken-Gesellschaft Westspiel macht seit Jahrzehnten Verluste in Millionenhöhe, sie verliert immer mehr Kunden. Durch die Privatisierung der vier Casinos in Duisburg, Dortmund, Aachen und Bad Oeynhausen will das Land NRW sich von den verlustreichen Casinos befreien. Als weiteren Anreiz für private Investoren sollen zusätzliche Lizenzen für zwei neue Standorte ausgeschrieben werden. Diese Privatisierung ist höchst problematisch, weil dahinter der Gedanke des Umsatzes steht. Das zeigt für mich ganz deutlich: Der Spielerschutz wird hier vernachlässigt.

Frank Gauls von der ambulanten Suchthilfe Bethel.

Ist es nicht natürlich, dass die Spielbanken auch entsprechende Umsätze machen wollen?

Nein. In Deutschland ist Glücksspiel grundsätzlich verboten und nur unter staatlicher Kontrolle und Aufsicht erlaubt. Der Schutz des Spielers steht im Zentrum der gesetzlichen Regelung. Und die Spielbanken haben im Vergleich bislang noch den besten Spielerschutz in Deutschland. Da gibt es Ausweiskontrollen an den Eingängen und süchtige Spieler können sich sperren lassen. Casinos sind eben kein normales Wirtschaftsunternehmen. Deshalb steht eine Gewinnmaximierung nicht im Vordergrund. In der Praxis sieht es aber ganz anders aus.

Foto: pixaybay/stux

Aber der Gewinn wird doch auch an gemeinnützige Organisationen ausgeschüttet?

Das stimmt. 2017 lag der Gesamtumsatz auf dem deutschen Glücksspielmarkt bei rund 11 Milliarden Euro. Ein Teil dieses Gewinns wird für gemeinnützige Zwecke ausgeschüttet. Bei WestLotto sind 2017 nach eigenen Angaben 630 Millionen Euro in den NRW Landeshaushalt geflossen – 1,3 Millionen Euro davon gingen an Hilfeeinrichtungen für Spielsüchtige wie unsere Ambulanz. Wenn man sich den Gesamttopf anschaut, ist das eine sehr geringe Summe.

Nicht nur der Spielbankengesetzentwurf NRW wird bald verabschiedet, auch der Glücksspielstaatsvertrag soll im neuen Jahr ratifiziert werden. Was wird sich ändern?

Es gab ein langes Ringen um die Überarbeitung des Vertrages. Die Bundesländer konnten sich in den Verhandlungen nicht einigen, ob Online-Casinos zugelassen und wie Anbieter von Sportwetten reguliert werden sollten. Der Kompromiss von maximal 20 Lizenzen an private Anbieter, wurde von denjenigen, die bei der Vergabe nicht berücksichtigt wurden, erfolgreich angefochten.

Jetzt ist eine "Experimentierklausel" herausgekommen. Faktisch wird der Markt komplett geöffnet. Und wo es mehr Angebot gibt, entwickelt sich automatisch mehr Nachfrage. Wir bereiten uns darauf vor, dass noch mehr Menschen glücksspielsüchtig werden. Derzeit gelten rund 500.000 Spieler als auffällig, 180.000 von ihnen haben ein pathologisches Spielverhalten, die verbleibenden 320.000 leiden unter einem problematischen Spielverhalten.

Vor allem die Online-Glücksspiele sind ein großes Problem. Die Sportwetten und anderen Glücksspiele im Internet machen schon jetzt 20 Prozent der Suchtbetroffenen aus. Das Paradoxe dabei: Online-Wetten sind eigentlich verboten. Derzeit agieren die Online-Wettanbieter in einer rechtlichen Grauzone. Sie registrieren sich in Ländern wie Malta oder Gibraltar und wenden sich von dort an die deutschen Spieler. Wenn sie sich ab Anfang des Jahres legal im deutschen Markt bewegen können, wird die Zahl der Anbieter zunehmen.

Foto: pixaybay/top10-casinosites

Was müsste sich verändern, um die süchtigen Spieler zu schützen?

Zum einen müssen Glücksspiele für die Anbieter wirtschaftlich unattraktiver gemacht werden, zum Beispiel durch höhere Abgaben. Zum anderen muss der Spielerschutz verbessert werden. Wir brauchen ein kohärentes Vorgehen für alle Formen des Glücksspiels. Ein einheitliches Sperrsystem für süchtige Spieler ist ein guter Anfang. Bislang können sich Spieler nur für die staatlich angebotenen Glücksspiele sperren lassen.

Die gewerblichen Anbieter haben meist gar keine Angebote zum Spielerschutz. Spielhallen sprechen allenfalls Hausverbote aus, und legen die Verantwortung damit in die Hände der Betroffenen. Nicht einmal ein zweistelliger Prozentsatz der Spielsüchtigen wird in den Spielhallen und Sportwettbüros auf ein möglicherweise problematisches Spielverhalten angesprochen. Wenn der Markt jetzt weiter geöffnet wird, wird es mehr Süchtige geben. Das Sozialkonzept, wie es im Glücksspielstaatsvertrag formuliert ist, wird immer mehr zum Feigenblatt.

Das Gespräch führte Ann-Kristin Herbst.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ann-Kristin Herbst

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (7 Stimmen)

Der Glücksspielmarkt in Deutschland

Glücksspiel ist in Deutschland nur unter staatlicher Kontrolle erlaubt. Dennoch gibt es zahlreiche Anbieter, die vor allem übers Internet, die unterschiedlichen Gesetze innerhalb der EU ausnutzen. Nach einer Erhebung der Glücksspielaufsichten der Bundesländer haben diese Anbieter 2017 im sogenannten nicht erlaubten Glücksspielmarkt 3,184 Milliarden Euro Umsatz gemacht, im staatlich regulierten Glücksspielmarkt waren es rund 11 Milliarden Euro. Mit der Überarbeitung des Glücksspielvertrags können Online-Casinos und Sportwetten ab 2020 auch über das Internet legal angeboten werden.

Zum Beispiel bei WestLotto gehen Einnahmen an gemeinnützige Organisationen, wie auch die Diakonie RWL. Dem "Lotto-Prinzip" zufolge gehen 40 Prozent der Spieleinsätze an Sport, Kunst und Kultur und Wohlfahrtspflege in Nordrhein-Westfalen. 2017 flossen bei WestLotto 630 Millionen Euro an das Gemeinwohl.