27. Februar 2020

Sozialpolitischer Aschermittwoch

Diakonie und Kirche als "Begegnungsgestalter"

Wenig Geschäfte, ungepflegte Straßen und Häuser – wer arm ist, wohnt oft in benachteiligten Stadtteilen. Wie können Kirche und Diakonie dazu beitragen, dass die Menschen dort bessere Zukunftsperspektiven bekommen? Diese Frage beschäftigte den diesjährigen Sozialpolitischen Aschermittwoch der Kirchen in Essen. Für die Diakonie RWL saß Helga Siemens-Weibring, Sozialpolitische Beauftragte, auf dem Podium.

  • Sozialpolitischer Aschermittwoch der Kirchen in Essen mit Präses Manfred Rekowski, Helga Siemens-Weibring und Christian Heine-Göttelmann von der Diakonie RWL
  • Sozialpolitischer Aschermittwoch der Kirchen in Essen mit Helga Siemens-Weibring und Stadtforscher Klaus Selle
  • Sozialpolitischer Aschermittwoch der Kirchen in Essen
  • Sozialpolitischer Aschermittwoch der Kirchen in Essen im Zentrum KD 11/13

"Wir müssen lernen, miteinander der Stadt Bestes zu suchen." Es war der schlichte Appell des rheinischen Präses Manfred Rekowski, der das Motto des diesjährigen Sozialpolitischen Aschermittwochs der Kirchen in Essen auf den Punkt brachte. Begegnung ermöglichen, Gemeinschaft schaffen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Teilhabe aller Menschen fördern – und zwar direkt und konkret vor Ort. Das ist Aufgabe von Kirche und Diakonie – vor allem dort, wo Armut und Benachteiligung, Vereinsamung und Vernachlässigung das Stadtbild bestimmen.

"Die Möglichkeit zur Teilhabe sollte für alle da sein", betonte die Sozialpolitische Beauftragte der Diakonie RWL, Helga Siemens-Weibring, in der Podiumsdiskussion. "Das Bedürfnis der Bewohnerinnen und Bewohner mitzugestalten, ist groß. Darauf sollten wir als Kirche, Diakonie und Caritas eingehen." Gemeinsam mit dem rheinischen Präses, Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck, dem Stadtforscher Klaus Selle und Tanja Rutkowski vom katholischen sozialen Träger "cse" debattierte sie darüber, welche Entwicklungsperspektiven es für benachteiligte Stadtteile gibt und welche Aufgabe den Kirchen und der Diakonie dabei zukommt.

Der Essener Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck auf dem sozialpolitischen Aschermittwoch der Kirchen in Essen

Räume der Begegnung in benachteiligten Stadtteilen zu schaffen, ist für den Essener Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck eine "ökumenische Aufgabe".

Räume der Begegnung schaffen

Für Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck liegt sie vor allem darin, Räume zur Begegnung im Stadtteil zu schaffen. Das sei eine "ökumenische Aufgabe, auch mit anderen Religionen zusammen", erklärte er. Wichtig für einen Stadtteil sei es auch, eine gemeinsame Idee zu verfolgen, "etwas, was man teilen kann", sagte der Bischof. Für das Ruhrgebiet als Ganzes sei beispielsweise die Bewerbung für die Olympischen Spiele so eine positive Idee.

Stadtforscher Klaus Selle bedauerte, dass vielfach zentrale Versammlungsorte, "wo Gemeinschaft sichtbar wird" in den Stadtteilen wegbrechen. Kirchen könnten dazu beitragen, solche Orte zu schaffen. Dabei sei die Kooperation mit anderen Akteuren im Stadtteil wie Schulen oder Wohlfahrtsverbänden wichtig. Kirchen könnten zu "Kondensationspunkten" für bürgerschaftliches Engagement werden, so der ehemalige Professor für Planungstheorie und Stadtentwicklung an der RWTH Aachen.

Arme Stadtteile, meist ehemalige Arbeiterquartiere mit hohem Migrantenanteil, seien für Führungskräfte oder auch Stadtplaner oft unbekannte "blinde Flecken". Zugleich hätten solche Stadtteile als "Ankunftsstadtteile" für Zuwanderer aber eine wichtige Funktion für die Gesamtstadt. Diese verschiedenen Lebenswelten müssten miteinander bekannt gemacht werden.

Der rheinische Präses Manfred Rekowski

Präses Manfred Rekowski sieht die Stärke der Kirche darin, "mittendrin" zu sein. (Foto: EKiR)

Nicht mehr Mittelpunkt, aber noch "mittendrin"

Präses Rekowski räumte ein, dass die Kirchen zu lange alleine auf ihre institutionelle Präsenz gesetzt hätten. "Früher waren wir oft der Mittelpunkt des Dorfes. Heute sind wir nicht mehr die dominante Kraft." Doch die Stärke der Kirche sei es, "mittendrin" zu sein. Von dort aus gelte es, gemeinsam mit anderen die Stadtteile wahrzunehmen "mit Potenzialen und Problemlagen".

Ein gutes Beispiel dafür ist nach Ansicht von Helga Siemens-Weibring die "Vesper-Kirche". In dem aus Süddeutschland stammenden Projekt öffnen Kirchen ihre Gotteshäuser für ein bis zwei Wochen täglich. Sie bieten Mittagessen, Kaffee und Kuchen an, laden zu Podiumsdiskussionen und kulturellen Abendveranstaltungen ein und informieren über soziale und diakonische Beratungsangebote in ihrem Stadtteil. Siemens-Weibring mahnte aber auch: "Wir können nicht erwarten, dass alle zu uns hinkommen, sondern müssen gemeinsam losgehen."

Türschild des KD 11/13

Früher Gemeindehaus, heute innovatives Stadtteilzentrum: KD 11/ 13 

Ort der Gemeinschaft und sozialen Innovation

Ein Ort, an dem diese Gemeinsamkeit vieler Akteure eines Stadtteils sichtbar werde, sei das Zentrum für Kooperation und Inklusion, KD11/13, so Siemens-Weibring. In dem ehemaligen evangelischen Gemeindehaus fand der Sozialpolitische Aschermittwoch statt. Unter dem Dach des Zentrums gibt es zahlreiche Projekte und Veranstaltungen, die Menschen im Stadtteil Altenessen zusammenbringen und dazu beitragen sollen, das Quartier lebenswert zu machen.

Zum Sozialpolitischen Aschermittwoch laden die Evangelische Kirche im Rheinland und das Ruhrbistum seit 1998 gemeinsam ein. In Anlehnung an die traditionellen Partei-Veranstaltungen an diesem Tag setzen die Kirchen hier einen politischen Akzent aus christlicher Perspektive. So wollen sie zum Ausdruck bringen, dass christlicher Glaube auch zugleich christlichen Einsatz für eine gerechte Gesellschaft bedeutet. Die Veranstaltung findet jährlich wechselnd in einer katholischen und einer evangelischen Kirche statt.

Text: Sabine Damaschke (mit epd), Fotos: Christoph Bürgener

Ihr/e Ansprechpartner/in
Helga Siemens-Weibring

Sozialpolitik

Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (18 Stimmen)