25. Februar 2021

Sozialbericht NRW

Wenn Wohnraum zur Ware wird

Zu wenig Sozialbauten, zu hohe Mieten: Die Bilanz der bundesweiten Wohnraumoffensive ist ernüchternd. Wohnen wird zunehmend zur sozialen Frage. Das macht auch der fünfte Armuts- und Reichtumsbericht 2020 der NRW-Landesregierung deutlich, den sie heute vorstellt. Gemeinsam mit der Freien Wohlfahrtspflege NRW hat die Diakonie am neuen Sozialbericht mitgewirkt.

  • Verzweifelter Mann vor Miniaturhaus und Gelddose (Foto Shutterstock)

Als arm würde Theresa Lindhorst sich nicht bezeichnen. Mit ihrer Vollzeitstelle verdient sie 2.400 Euro. Doch das Geld ist immer knapp, denn sie hat zwei Kinder, ist alleinerziehend und lebt in Köln. Fast 1.000 Euro bezahlt sie für ihre Mietwohnung in einem Stadtteil, aus dem sie seit Jahren wegziehen möchte. Ein Stadtteil, in dem ihre Tochter Angst vor Gewalt hat und deshalb Kampfsport trainiert. Doch in Köln fehlen etwa 50.000 bezahlbare Wohnungen.

"Ich habe nicht die Zeit, jedes Wochenende zu Besichtigungen zu gehen, mich in lange Schlangen zu stellen, um die Wohnung als Alleinerziehende doch nicht zu bekommen", sagt Theresa Lindhorst. "Es gibt Tage, da fange ich auf dem Weg zur Arbeit einfach an zu weinen." Sie hat Angst, dass sie dem Druck irgendwann nicht mehr standhält. Wie leicht es in Köln ist, den Job und dann auch die Wohnung zu verlieren, davon kann Ilse Kramer erzählen. Sie hat zeitweise auf der Straße gelebt, bis sie in einer Wohngemeinschaft der Diakonie wieder ein Dach über dem Kopf und Halt fand.

Theresa Lindhorst (Foto: Barbara Allebrodt/ LAG FW)

Seit Jahren auf Wohnungssuche in Köln: Theresa Lindhorst erzählt ihre Geschichte im Sozialbericht NRW. (Foto: Barbara Allebrodt/ LAG FW)

Die Geschichten hinter den Zahlen

Beide Frauen schildern im neuen Armuts- und Reichtumsbericht des Landes ihre persönliche Geschichte zum Thema Wohnungsnot. Über 600 Seiten umfasst der Sozialbericht, den die Landesregierung seit 1992 alle vier Jahre herausgibt und in dem die Freie Wohlfahrtspflege NRW seit 2007 die Gelegenheit erhält, Armut aus der Perspektive der von ihr betroffenen Menschen darzustellen.

"Wenn wir heute in NRW über Armut reden, geht es nicht nur um Arbeitslosigkeit, Bildung oder Gesundheit, sondern ganz zentral ums Wohnen", betont Heike Moerland, Leiterin des Geschäftsfeldes Berufliche und soziale Integration bei der Diakonie RWL. Ihre Expertise hat sie über die Freie Wohlfahrtspflege NRW auch in den aktuellen Sozialbericht des Landes eingebracht. "Wohnen ist zu einer Ware geworden. Immer mehr Menschen können die stark steigenden Mieten nicht zahlen und geraten dadurch in Armut."

Paar mit Atemschutzmasken sitzt vor einer Rechnung (Foto Shutterstock)

In der Pandemie können mehr Menschen ihre Rechnungen nicht zahlen. Der Sozialbericht vermutet, dass die Armutsquote in NRW steigen könnte, hat aber noch keine Statistik dazu.  

Mehr Armut durch Corona-Pandemie?

Wer über wenig Einkommen verfügt, verzeichnet in der Corona-Pandemie weitere Einkommenseinbußen. Auch wenn der Sozialbericht 2020 das noch nicht ausdrücklich mit Zahlen belegen kann, weil sich die Datensammlung auf 2018 und 2019 bezieht, deutet vieles darauf hin. NRW hatte im Frühjahr 2020 bundesweit mit 1,2 Millionen Menschen die meisten Beschäftigten in Kurzarbeit. Die Arbeitslosigkeit im Land ist in der Pandemie auf rund acht Prozent gestiegen. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass die Zahlen zur Armut, Armutsgefährdung und damit das Problem mangelnden bezahlbaren Wohnraums deutlich steigen werden.

Laut Sozialbericht mussten sich schon 2018 fast 28 Prozent der einkommensarmen Haushalte mit einer, gemessen an der Zahl der Haushaltsmitglieder, geringen Wohnfläche begnügen. Mehr als drei Fünftel (61 Prozent) der Haushalte mit Kindern lebte in beengten Wohnverhältnissen, was bei Seniorenhaushalten dagegen selten vorkam. Und diese beengten, aber bezahlbaren Wohnungen befanden sich meist in sozial benachteiligten Stadtteilen.

Dietrich Kehlbreier (Foto Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen)

Dietrich Kehlbreier, Vorstand der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen, beklagt die fehlende soziale Durchmischung in den Ruhrgebietsstädten.

Mehr soziale Segregation in Städten

Der Bericht bestätigt, dass die soziale Segregation in den Großstädten Nordrhein-Westfalens nicht nur überdurchschnittlich hoch ist, sondern in den letzten Jahren auch zugenommen hat. Das gilt sowohl für die reichen Kommunen der Rheinschiene wie für die armen Städte des Ruhrgebiets. "Auch bei uns gibt es Wohngegenden, in denen Sie eine Kaltmiete von 15 Euro pro Quadratmeter zahlen. Dagegen stehen Stadtviertel, in denen nur fünf Euro verlangt werden können. Es fehlt zunehmend die soziale Durchmischung", beklagt Dietrich Kehlbreier, Vorstand der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen. 

Die Diakonie Bonn hat dieses Problem kurz vor den Kommunalwahlen im September 2020 gemeinsam mit der Caritas sogar in einem eigenen Sozialbericht zum Thema gemacht. "Wir haben Stadtteile wie das Bonner Talviertel, in dem es schöne Altbauten, Cafés und Grünanlagen gibt. Dort leben die einkommensstarken Bürger und die Arbeitslosigkeit ist mit nur zwei Prozent sehr niedrig. Andere Stadtteile wie Tannenbusch bestehen aus Hochhausblöcken und teilweise maroden Straßen. Dort liegt die Arbeitslosigkeit bei 16,6 Prozent und die Quote der Hartz-IV-Bezieher bei 42 Prozent", berichtet Geschäftsführer Ulrich Hamacher

Altbauten in Bonn (Foto pixabay.de)

Stadtteile mit sanierten und teuren Altbauten in Bonn stehen Vierteln mit hoher Arbeitslosigkeit und maroden Straßen gegenüber.

Stiefkind sozialer Wohnungsbau

Beide fordern vehement, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Allein in Bonn fehlen laut Hamacher mindestens 10.000 günstige Wohnungen für ärmere Familien. Doch seit 2002 nimmt die Zahl der Sozialwohnungen durch das Auslaufen von Sozialbindungen ab. Jährlich müssten mindestens 15.000 neue Wohnungen neu gefördert werden, um wenigstens den jetzigen Bestand an Sozialwohnungen zu erhalten. Tatsächlich war das 2019 bei weniger als 5.500 Wohnungen der Fall. Das sei zu wenig, betont auch das Aktionsbündnis "Wir wollen wohnen!", an dem die Diakonie RWL beteiligt ist. 

"Grundstücke, die der Kommune, dem Land oder dem Bund gehören, werden immer noch nicht für sozialen Wohnungsbau genutzt", kritisiert die Freie Wohlfahrtspflege NRW im Sozialbericht. Stattdessen würden gezielt nicht öffentlich geförderte Wohnungen gebaut, um Auflagen wie Barrierefreiheit zu umgehen. Sei ein Grundstück bereits einem Investor zugesprochen, fehle häufig die Auflage, Wohnungen für Menschen mit besonders geringem Einkommen zur Verfügung zu stellen.

Heike Moerland auf einer Kundgebung des NRW-Bündnisses "Wir wollen wohnen!" (Foto Damaschke/Diakonie RWL)

Heike Moerland auf einer Kundgebung des NRW-Bündnisses "Wir wollen wohnen!" im Sommer 2017

Wohnen ist ein Menschenrecht

Heike Moerland wünscht sich mehr Fantasie und Engagement in der Politik, um die Wohnungsnot und damit die Armutsgefährdung vieler Menschen in NRW in den Griff zu bekommen. Sie appelliert auch an Kirche und Diakonie, die häufig Eigentümer von Grundstücken und Wohnungen sind, sich stärker in kommunalen Bezügen für bezahlbaren Wohnraum einzubringen.

"Menschen im unteren Einkommensbereich kämpfen Monat um Monat um ihre Existenz. Sie leben in deutlich weniger attraktiven Quartieren, was nicht nur im Hinblick auf beengte Wohnverhältnisse, Lärmbelästigung und fehlende Grünanlagen gesundheitlich schädlich ist, sondern auch eine Beschränkung ihrer Teilhabechancen bedeutet", betont die gelernte Juristin. Sie wird nicht müde zu betonen, dass Wohnen schließlich auch ein Menschenrecht ist, verankert in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als auch im Sozialpakt der Vereinten Nationen.

Text: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Heike Moerland

Armut- u. Existenzsicherung, Straffälligenhilfe

 

 

, Geschäftsfeld Berufliche und soziale Integration
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Am Dienstag hat die Bundesregierung Zahlen zu ihrer vor zwei Jahren gestarteten Wohnraumoffensive vorgelegt. Ziel der Bundesregierung in dieser Legislaturperiode war es, gemeinsam mit Ländern und Kommunen 1,5 Millionen Wohnungen zu schaffen und bezahlbare Mieten zu sichern. Doch es wurden weniger neue Wohnungen als geplant gebaut und die Mieten sind weiter gestiegen. Besonders problematisch ist nach Ansicht der Diakonie Deutschland, dass es bundesweit immer weniger Sozialwohnungen gibt. Waren es im Jahr 2002 noch rund 2,6 Mio. Wohnungen mit Preisbindung, gab es im Jahr 2019 nur noch rund 1,14 Millionen Sozialwohnungen.