21. Dezember 2017

Reisen mit der Bahnhofsmission

Ein Funke Menschlichkeit im Weihnachtsstress

Viele Reisende, viel Gepäck und volle Züge – In der Advents- und Weihnachtszeit haben die Mitarbeitenden der Bahnhofsmission Düsseldorf alle Hände voll zu tun. Mehr Menschen brauchen Hilfe am Bahnsteig. Andere kommen, um sich aufzuwärmen. Leiterin Barbara Kempnich und ihr Team wollen jedem "einen Funken Menschlichkeit" geben.

Portrait

Trotz der Kälte gut gelaunt: Melina

Eine ganze Stunde hat Melina Kleinöder mit einer älteren Dame am Bahnsteig gestanden und auf den verspäteten Zug gewartet. Jetzt ist sie froh, dass sie sich wieder in der Bahnhofmission Düsseldorf aufwärmen kann, bei Kaffee und Weihnachtsplätzchen. "Blöd, dass ich Schal und Handschuhe vergessen hatte", erzählt sie lachend.

"Aber die hat mir die ältere Dame kurzerhand geliehen und wir haben uns prima unterhalten." Gesprächsstoff gebe es am Bahnhof ja genug, sagt die 19-Jährige, die seit Oktober ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Bahnhofsmission macht. Melina ist eine der zwei FSJ’ler, die das kleine hauptamtliche Team und die 60 Ehrenamtlichen unterstützen. Über 34.000 Hilfesuchende hat die Bahnhofsmission Düsseldorf 2016 gezählt. In diesem Jahr sind es nicht weniger gewesen, vermutet Leiterin Barbara Kempnich.

Barbara Kempnich am Telefon

Leiterin Barbara Kempnich muss kurz vor Weihnachten besonders viel organisieren

Ruhe bewahren in der Reisehektik

Zumal gegen Ende des Jahres noch viele Anträge auf Reisehilfe gestellt werden und mehr Menschen kommen, die in den kalten Wintermonaten Unterstützung bei der Bahnhofsmission suchen. "Jetzt haben wir richtig viel zu tun", erzählt Barbara Kempnich. "Wenn dann noch Mitarbeitende krank werden, heißt es: Nerven bewahren."

Seit zehn Jahren leitet sie die Bahnhofsmission, die von der Diakonie Düsseldorf und vom katholischen Verband "In Via" getragen wird. Nie vergisst sie den Samstag, an dem sie plötzlich alleine mit einem großen Stapel an Reisehilfeanträgen auf dem Gleis stand, weil alle anderen Mitarbeiter die Grippe hatten. Ähnlich ging es dem Kollegen vom Mobilitätsservice der Deutschen Bahn. "Wir sind dann beide über die Bahnsteige geflitzt und haben uns gegenseitig unterstützt, wenn nicht nur zwei, sondern vier Hände nötig waren, um einem Reisenden zu helfen", erzählt sie. 

Mann im Rollstuhl mit zwei Mitarbeitern der Bahnhofsmission

Mit einem Rollstuhl geht's oft schneller (Foto: Bahnhofsmission)

Wünsche der Reisenden akzeptieren 

Trotz aller Hektik lautet das oberste Gebot immer, Ruhe zu bewahren. Oft sind gerade ältere Reisende unsicher, ängstlich – und bisweilen auch etwas eigensinnig. Zum Beispiel, wenn es um einen Rollstuhl geht. "Ich bin hier schon eine halbe Stunde mit einem älteren Herren durch den Nordtunnel gelaufen. Mit einem Rollstuhl hätten wir das in fünf Minuten geschafft. Aber ihm war es wichtig, aufrecht zu gehen." Die Leiterin der Bahnhofsmission akzeptiert das, zumal sich in einer halben Stunde meistens ein nettes Gespräch ergibt.

Anders sieht das aus, wenn die Umstiegszeit knapp ist und statt einem Menschen mit Behinderung plötzlich eine ganze Gruppe vor ihr steht. "Einmal musste ich sieben blinden Menschen helfen, die mit drei verschiedenen Zügen weiterreisen wollten", so Barbara Kempnich. "Da war klar, das geht nur mit Schieben und Puschen, aber alle waren damit einverstanden. Wir haben sehr dabei gelacht." 

Melina mit Mann am Arm auf dem Bahnsteig

Wer gestresst ist, den versucht Melina aufzumuntern

Von klein auf gelernt zu helfen

Viele der blinden Menschen, denen die Bahnhofsmission in Düsseldorf hilft, seien unkompliziert und lustig, bestätigt auch Melina. Sie hat blinde Eltern und will ihr Soziales Jahr am Bahnhof dafür nutzen, ein digitales Leitsystem zu entwickeln, mit dem sich Blinde besser und schneller zurechtfinden können.

"Ich bin damit groß geworden, Menschen mit Behinderung zu helfen", erzählt sie. "Dort ist die Bahnhofsmission bekannt. Als ich erfahren habe, dass man hier auch ein FSJ machen kann, habe ich mich sofort beworben." 

Inzwischen gehe sie mit einem ganz anderen Blick durch den Bahnhof, gibt Melina zu. Sie achtet nun nicht nur auf all diejenigen, die Hilfe beim Ein- und Umsteigen brauchen, sondern auch auf die vielen Menschen, die sich hier täglich aufhalten, weil sie sich zuhause einsam fühlen oder überhaupt kein Zuhause mehr haben.

Tasse mit Aufschrift "Bahnhofsmission"

Aufwärmen bei einer Tasse Kaffee

Bahnhof: Spiegelbild der Armut

"Ich hätte nicht gedacht, dass die Armut in Deutschland so groß ist", sagt sie. "Jeden Tag kommen Menschen zu uns, die sich aufwärmen wollen, Hunger haben oder uns um Hilfe beim Ausfüllen von Formularen bitten, die sie nicht verstehen." 

Wie groß die Verzweiflung sein kann, hat Melina schon hautnah mitbekommen, als ein Mädchen in ihrem Alter mit Selbstmord gedroht hat. Auch hier heißt es: Ruhe bewahren und Hilfe organisieren. "Wir sind eine Anlaufstelle für Menschen mit ganz verschiedenen Problemen aus verschiedenen sozialen Schichten", betont Barbara Kempnich. "Und immer geht es darum, den Funken Menschlichkeit zu finden, mit wir uns verbinden können."

Melina mit dem Adventskalender der Bahnhofsmission

Schenken macht Freude

Wenn das freundliche, aufmunternde Wort oder die stützende Hand angenommen wird und zu einem Lächeln führt, dann, betont die Leiterin der Bahnhofsmission, sei das einfach ein wunderbarer Moment. "Und den erleben wir hier täglich."

Trotz aller Hektik ist die Advents- und Weihnachtszeit deshalb für sie eine schöne Zeit. Die Mitarbeiter der Bahnhofsmission haben einen Adventskalender aufgehängt, deren Inhalt täglich verlost wird. Sie bereiten kleine Speisen zu, verteilen Weihnachtsmänner aus Schokolade und feiern Heiligabend um 12 Uhr einen ökumenischen Gottesdienst in der Bahnhofshalle. Darauf freut sich Melina schon. "Schenken macht Spaß und Beschenkt werden macht gute Laune. Deshalb liebe ich Weihnachten."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 4.9 (16 Stimmen)