1. Juli 2020

Prostitution in der Corona-Krise

Gestrandet, mittellos und verzweifelt

Viele Sexarbeiterinnen sind in Existenznot, weil sie während der Corona-Pandemie nicht arbeiten dürfen. Das am 1. Juli vor drei Jahren eingeführte Prostitutiertenschutzgesetz verschärft die Situation weiter, weil es Frauen in die Illegalität treibt. Pfarrerin Birgit Reiche, Leiterin diakonischer Prostituiertenberatungsstellen in Ost- und Südwestfalen sowie im Münsterland, fordert mehr unbürokratische Hilfen.

  • Prostituierte wartet in einem Bordell auf Kundschaft

Seit dem 16. März haben Prostituierte ein Arbeitsverbot, die Clubs sind geschlossen. Wie hat sich das auf Ihre Beratungsarbeit ausgewirkt?

In den Bordellen in Ostwestfalen, Südwestfalen und im Münsterland arbeiten viele Frauen, die aus Bulgarien und Rumänien stammen. Über 90 Prozent der Prostituierten, die wir beraten, kommen aus Osteuropa. Viele sind noch rechtzeitig in ihre Herkunftsländer ausgereist. Einige arbeiten jetzt in der Schweiz, in der das Berufsverbot aufgehoben wurde, oder planen, in die Niederlande zu gehen, wo es jetzt aufgehoben wird. Diejenigen, die hier geblieben sind, befinden sich in einer existenziellen Notsituation. Viele haben sich deshalb telefonisch an unsere Beratungsstellen "Theodora" und "Tamar" gewandt und um Unterstützung gebeten. Persönliche Treffen fanden unter freiem Himmel statt. Jetzt können wir – unter Beachtung der Hygieneauflagen – auch wieder in Cafés oder unseren Beratungsstellen für die Frauen da sein.

Pfarrerin Birgit Reiche leitet die Prostituiertenberatungsstellen "Theodora" und "Tamar" der Evangelischen Frauenhilfe von Westfalen.

Pfarrerin Birgit Reiche leitet die Prostituiertenberatungsstellen "Theodora" und "Tamar" der Evangelischen Frauenhilfe von Westfalen.

Wie unterstützen Sie die Frauen?

Wir klären mit ihnen, ob sie Corona-Hilfen oder Sozialleistungen erhalten können. Sehr ärgerlich fanden wir, dass es so lange gedauert hat, bis klar war, ob auch Prostituierte als "Solo-Selbstständige" von den Soforthilfeprogrammen für Kleinbetriebe und Selbstständige profitieren. Deutlich einfacher und unbürokratischer war die Antragstellung beim Nothilfefonds des Bundesverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD). Doch da sind die Mittel fast ausgeschöpft. Wir brauchen dringend weitere Nothilfen, damit die Prostituierten jetzt nicht noch tiefer in die Armut rutschen.

Eine andere Möglichkeit wäre es, das Berufsverbot wieder aufzuheben. Sind Sie dafür?

Das wünschen sich viele Sexarbeiterinnen. Der BesD hat auch schon ein Hygienekonzept vorgelegt, wie Prostitution mit Mund-Nasen-Bedeckung und Mindestabstand wieder möglich sein kann. Aber ich bin skeptisch. Zur Region, in der unsere Beratungsstellen liegen, gehören die Kreise Gütersloh und Warendorf, die gerade massiv von Corona-Fällen betroffen sind. Die Ansteckungsgefahr ist groß.

Eine Prostituierte steht vor einem Auto

Straßenstrich statt Bordell - Das Prostituiertenschutzgesetz hat längst nicht so viele Sexarbeiterinnen aus der Illegalität geholt wie gewünscht.

Also bleiben nur die Nothilfen. Eigentlich müssten Sexarbeiterinnen doch darauf Anspruch haben. Schließlich gilt seit dem 1. Juli 2017 das Prostituiertenschutzgesetz, das sie verpflichtet, ihre Tätigkeit zu melden, sich gesundheitlich beraten lassen und Steuern zu zahlen.

Dieses Gesetz hat die Situation der Frauen, die wir beraten, nicht verbessert. Im Gegenteil. Deutschlandweit soll es mindestens 200.000 Sexarbeiterinnen geben, von denen aber nur 32.000 angemeldet sind. Und das hat Gründe. Viele empfinden die Gesundheitsberatungen bei den Behörden als entwürdigend. Da auch die Finanzämter informiert werden, haben sie Angst, dass ihre Familien von der Tätigkeit erfahren. Das Gesetz nimmt zwar auch die Bordellbetreiber in die Pflicht. Doch Wuchermieten sind nach wie vor nicht verboten. Ohne Anmeldung dürfen die Sexarbeiterinnen nicht in registrierten Bordellen oder Wohnungen arbeiten. Nicht wenige Frauen weichen deshalb auf Parkplätze oder billige Hotels aus, in denen es dann gar keinen Schutz für sie gibt. Sie arbeiten in der Illegalität und haben deshalb keinerlei Anspruch auf staatliche Leistungen.

Beratungsgespräch im Bulli: Die Mitarbeiterinnen der diakonischen Prostituiertenberatung "Theodora" und "Tamar" sind viel unterwegs.

Die Mitarbeiterinnen von "Theodora" und "Tamar" kommen oft zu den Sexarbeiterinnen. Vor der Pandemie war das auch mit dem "Beratungsbulli" möglich. 

Sind das nicht alles Gründe für die Frauen, spätestens jetzt über einen Ausstieg aus der Prostitution nachzudenken?

Wir haben überwiegend mit Sexarbeiterinnen zu tun, die aus der Armutsprostitution kommen. Viele sprechen die deutsche Sprache nur schlecht, manche sind sogar Analphabetinnen. Auch für diejenigen, die in ihrem Herkunftsland eine Ausbildung gemacht haben, ist der Weg zu einem halbwegs gut bezahlten Job in Deutschland weit. Wir unterstützen die Frauen natürlich dabei, wenn sie sich beruflich umorientieren wollen. Aber wenn sie in der Prostitution bleiben wollen, akzeptieren wir das auch und suchen mit ihnen nach Wegen, wie sie das selbstbestimmt und gesund tun können.

Die diakonischen Beratungsstellen haben sich an der Aktion "#RotlichtAN" beteiligt, die ein Prostituitionsverbot ablehnt.

Die Beratungsstellen haben sich an der Aktion "#RotlichtAN" beteiligt, die ein Prostitutionsverbot ablehnt.

Das Berufsverbot in der Corona-Pandemie hat die Diskussion um ein Sexkaufverbot nach nordischem Modell, in dem die Freier bestraft werden, neu entfacht. Wie stehen Sie dazu?

Wir sind grundsätzlich gegen ein Prostitutionsverbot, weil es die Situation der Sexarbeiterinnen verschlechtert. Sex wird auch gekauft, wenn er verboten ist – aber im Untergrund. Und das bedeutet weniger Schutz vor sexueller Gewalt und Krankheiten, weniger Rechte und noch mehr Stigma. Deshalb haben wir Anfang des Jahres das Positionspapier "Unterstützung statt Sexkaufverbot" unterzeichnet, das auch von der Diakonie Deutschland veröffentlicht worden ist.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Fotos: Evangelische Frauenhilfe von Westfalen; Teaserfoto: Shutterstock

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ulrike Martin
Referent/in

Gewaltschutz für Frauen und deren Kinder

Kinder- und Jugendschutz

 

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Die Beratungsstellen "Theodora" "Tamar Münsterland" und "Tamar Südwestfalen" werden von der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen getragen und mit Projektmitteln gefördert, die zeitlich befristet sind. So lief die Förderung für "Tamar Südwestfalen" mitten in der Corona-Pandemie aus. Die derzeit fünf Mitarbeiterinnen besuchen regelmäßig die Clubs, Bordelle und Wohnungen in der ländlich geprägten Region Ostwestfalen-Lippe, im Kreis Siegen-Wittgenstein und im Münsterland. Dafür sind sie oft bis zu 100 Kilometer unterwegs. Die Beratungsstellen befinden sich in Herford und Soest. In Detmold gibt es noch die Frauenberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel, Nadeschda, die die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen bereits 1997 gründete.