30. Oktober 2020

Neue Corona-Beschränkungen

"Wohnungslose nicht vergessen"

Ab Montag gibt es einen zweiten "Lockdown light" in der Corona-Krise. Doch der Rückzug in die eigenen vier Wände ist nicht mit den Lebensbedingungen wohnungsloser Menschen vereinbar, kritisiert Susanne Hahmann von der Diakonie Michaelshoven. Sie ist Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe und engagiert sich im Fachverband der Diakonie RWL.

  • Susanne Hahmann engagiert sich auch im Vorstand des Ev. Fachverbandes Wohnungslosenhilfe der Diakonie RWL. (Foto: Diakonie Michaelshoven)

In der Wohnungslosenhilfe gab es viele kreative Einfälle, um die Menschen in der Pandemie zu erreichen. Jetzt ist es kalt, nass, und es gibt einen neuen Teil-Lockdown. Sie leiten die Wohnhilfen Oberberg der Diakonie Michaelshoven. Wie geht man dort damit um?

In den vergangenen Monaten haben wir uns – wie viele andere Träger der Wohnungslosenhilfe auch – stark auf die aufsuchende Arbeit konzentriert. Wir sind mit den Menschen, die wir in der ambulanten und stationären Wohnungslosenhilfe betreuen, spazieren gegangen, haben Lebensmittelgutscheine für sie besorgt und verteilt und konnten über den Landschaftsverband Rheinland sogenannte "indirekte Leistungen" für sie berechnen.

Im ersten Lockdown von März bis Mai gab es auch einige Möglichkeiten der unbürokratischen Hilfe und Fördermittel vom Land. Darauf hoffen wir jetzt auch wieder. Aber anders als im Frühjahr können Beratungen und Essensausgaben nicht mehr draußen stattfinden. Für Zelte oder Gartenpavillons ist es zu kalt.

Mitarbeitende der Diakonie Köln mit ihrem Beratungsmobil für wohnungslose Menschen. (Foto: Netzwerk Wohnungsnot Rheinberg)

Sozialarbeiter sind in der Pandemie mehr als sonst unterwegs, um wohnungslose Menschen zu erreichen. Etwa die Mitarbeitenden der Diakonie Köln mit ihrem Beratungsmobil. (Foto: Netzwerk Wohnungsnot Rheinberg)

Als Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe haben Sie gerade einen dringenden Appell an Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten verfasst, wohnungslose Menschen jetzt nicht zu vergessen. Was fordern Sie?

Die neuen Kontaktbeschränkungen und die bestehenden Hygieneauflagen führen dazu, dass wir jetzt schnell zusätzliche Räume für Beratungen, Tagesaufenthalte, Essensausgaben und Übernachtungsstellen brauchen. Bund und Länder sollten die Städte und Kreise finanziell unterstützen, damit sie diese Kapazitäten aufbauen und vorhalten können. Einige Kommunen haben schon Konzepte entwickelt und zum Beispiel Hotelzimmer angemietet. Bei anderen tut sich leider noch nichts.

Zudem benötigen wir auch in unseren Einrichtungen, in denen viele Menschen ein- und ausgehen, unkomplizierte Corona-Testmöglichkeiten. Wir werden bei den erlassenen Verordnungen regelmäßig übersehen. Das muss sich dringend ändern.

Trauriger obdachloser Mann (Foto: pixabay,de)

Aus Unsicherheit und Angst haben sich viele Wohnungslose zurückgezogen. (Foto: pixabay.de)

Wie reagieren die Menschen, die wohnungslos oder sogar obdachlos sind, auf diese Pandemie?

Sehr viele sind massiv verunsichert und ziehen sich zurück. Das sehe ich gerade in der ländlichen Region des Oberbergischen Kreises. Dort gibt es ja wenige Menschen, die wirklich auf der Straße leben und damit auch für viele Bürgerinnen und Bürger sichtbar sind. Sie übernachten eher in ihrem Auto oder in einem Schuppen, wenn sie wohnungslos geworden sind, oder sie schlüpfen bei Verwandten und Freunden unter. In der Pandemie sind weniger zu uns in die Beratung gekommen. Wir haben sie dort, wo sie gerade leben, aufgesucht und uns dann mit ihnen im Freien getroffen.

Dabei ist uns klar geworden, dass die Digitalisierung auch für die Wohnungslosenhilfe eine wichtige Rolle spielt. Über die Stiftung Wohlfahrtspflege erhalten wir jetzt Gelder, mit denen wir Handys und Telefonkarten kaufen und Schulungen organisieren wollen, so dass wir unter anderem mit unseren Klientinnen und Klienten leichter in Kontakt bleiben können.

Corona-Testung im Auto (Foto: Shutterstock)

Mal eben zur Teststation fahren - Für wohnungslose Menschen ist das kaum möglich. Testungen müssten unkomplizierter organisiert werden, fordert Susanne Hahmann. (Foto: Shutterstock)

Viele Wohnungslose gehören zur Risikogruppe, denn sie sind gesundheitlich stark angeschlagen. Was passiert, wenn sie sich infizieren?

Gerade für Menschen, die schon lange wohnungs- oder gar obdachlos sind, ist das Virus gefährlich. Viele haben Vorerkrankungen oder sind durch jahrelange Alkohol- oder Drogensucht stark gesundheitlich beeinträchtigt. Wir versuchen, sie in unseren stationären Wohnangeboten so gut es geht zu schützen. In der ambulanten Wohnungslosenhilfe ist das natürlich viel schwieriger. Unkomplizierte Testungen wären daher eine große Entlastung für uns. Zumal die Gesundheitsämter bei den stark gestiegenen Infektionszahlen gerade lange brauchen, um eine Testung zu organisieren.

Wohnungsloser mit Papphaus in den Händen (pixabay.de)

"Wir müssen dafür sorgen, dass nicht noch mehr Menschen ihre Wohnung verlieren", fordert Susanne Hahmann. (Foto: pixabay.de)

Seit Jahren nimmt die Wohnungslosigkeit zu. Ist sie in der Pandemie noch mal deutlich gestiegen?

Das können wir jetzt noch nicht sagen. Aber wir haben in der Wohnungslosenhilfe alle die Befürchtung, dass genau das noch passieren wird. Immer mehr Solo-Selbstständige verschulden sich, Menschen, die ohnehin in prekären Arbeitsverhältnissen leben, verlieren ihre Jobs. Doch die Situation auf dem Wohnungsmarkt hat sich durch die Pandemie ja nicht entspannt. Wir müssen jetzt wirklich mit offenen Augen und zupackenden Händen dafür sorgen, dass wohnungslosen Menschen geholfen wird und nicht noch mehr Menschen ihre Wohnung verlieren.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Jan Orlt

Wohnungslosenhilfe

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Die neuen Corona-Beschränkungen

Von Montag (2. November) an sollen Restaurants, Theater, Fitnessstudios, Kinos, Konzerthäuser und Schwimmbäder befristet bis Ende November schließen. Private Kontakte werden stark eingeschränkt: So dürften nur noch Angehörige des eigenen Hausstandes und eines weiteren zusammenkommen - maximal zehn Personen. Übernachtungen werden nur noch für notwendige und nicht für touristische Aufenthalte angeboten.

"Nur ein flexibler Lockdown macht Sinn und findet die notwendige Akzeptanz in der Bevölkerung", mahnt Diakonie-Präsident Ulrich Lilie. "Deshalb muss die Politik die jetzt beschlossenen tief einschneidenden Maßnahmen ständig auf ihre Wirksamkeit überprüfen und die Ergebnisse im Bundestag zur Diskussion stellen. Nicht vergessen werden dürfen jetzt die vielen Wohnungslosen. Hier erwarte ich von den Kommunen schlüssige Konzepte, wie sie untergebracht und mit dem Notwendigsten versorgt werden können."