9. September 2020

Kommunalwahl 2020

Heinsberg und Düren: Eine Region im Umbruch

Kaum eine Region in Deutschland wandelt sich so schnell wie die Kreise Düren und Heinsberg. Nach dem für 2038 angekündigten Kohleausstieg muss sich die Gegend neu erfinden. Und mit ihr die Menschen, die nach einem neuen Ankerpunkt suchen, sagt Ursula Hensen, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks im Kirchenkreis Jülich. Die Kommunalpolitik müsse stärker in den Austausch mit den Bürgern kommen.

  • Blick in die Zukunft: Die Kreise Düren und Heinsberg planen für die Zeit nach der Braunkohle. (Foto: Pixabay)
  • Ursula Hensen, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks im Kirchenkreis Jülich. (Foto: privat)
  • RWE baut im größten Braunkohlereviers Europas noch bis 2038 weiter ab. (Foto: Pixabay)

Die Kreise Düren und Heinsberg, die zu Ihrem Kirchenkreis gehören, stecken mitten im Strukturwandel. Während RWE noch immer Dörfer umsiedelt, um die nächsten 18 Jahre Kohle abbauen zu können, versuchen die Städte und Gemeinden Pläne für die Energiewende zu schmieden. Wie geht es den Menschen?

Der Kohleausstieg kommt für viele Menschen zu spät. Sie sind wütend und frustriert, weil sie nicht nachvollziehen können, dass jetzt noch sechs weitere Dörfer weichen sollen. 26 Ortschaften wurden bereits weggebaggert. Das Dorf Keyenberg zum Beispiel müsste nicht unbedingt umgesiedelt werden. Da könnte RWE Umgehungen planen. Stattdessen berichten uns die Bewohner, dass auch nachts gebaggert wird. Die Menschen empfinden das als Einschüchterung. Es ist schon erschreckend, wenn man an den Löchern steht, wo vorher noch ein Gebäude stand. Zudem haben viele Sorgen, wie es nach der Umsiedlung weitergeht. Die Entschädigungszahlen drohen nicht die Kosten zu decken. 

Mehrere Tausend Menschen wurden für den Abbau im rheinischen Braunkohlerevier umgesiedelt. Wie geht es den Menschen, die ihre Dörfer zurücklassen mussten?

Vor allem die Kinder haben große Probleme mit dem erzwungenen Neuanfang. In unsere Beratungsstellen kommen Familien, die Schwierigkeiten haben, mit der Entwurzelung ihrer Kinder umzugehen und sich Rat holen. Diese Herausforderung für die gesamten Familie wird in den Gesprächen immer wieder deutlich.

Die Entwurzelung der Menschen ist immer wieder Thema in den Beratungsstellen. Für die Familien ist die Umsiedlung eine riesige Herausforderung. (Foto: Pixabay)

Die Entwurzelung der Menschen ist immer wieder Thema in den Beratungsstellen. Für die Familien ist die Umsiedlung eine riesige Herausforderung.

Ich wünsche mir von den Politikern und den Verantwortlichen, dass sie die Menschen stärker mitnehmen. Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern um Verständnis. Alle Beteiligten müssten viel stärker ins Gespräch kommen und gemeinsam schauen: Wie können wir die Umsiedlungen so erträglich wie möglich machen.

Gemeinsam mit den anderen Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege im Kreis Düren haben Sie ein Positionspapier zur Kommunalwahl herausgegeben. Was steht drin?

Wir haben zehn Positionen zu sozialen Themen formuliert, bei denen wir dringenden Handlungsbedarf sehen. Als unabhängige Verbände können wir glaubwürdig die Haltungen der vier großen Parteien – CDU, SPD, Grüne und FDP – zu den regionalen Herausforderungen präsentieren, sodass sich die Menschen informieren können. Wir finden es wichtig, zu signalisieren, dass die Wahlen für jede und jeden in unseren 15 Städten und Gemeinden wichtig sind.

Beraten und Unterstützen: Seit 2015 ist der Bereich der Migrationssozialarbeit im Kreis Heinsberg stark gewachsen. (Foto: Pixabay)

Beraten und Unterstützen: Seit 2015 ist der Bereich der Migrationssozialarbeit im Kreis Heinsberg stark gewachsen.

Welche Themen sind Ihnen davon ein besonderes Anliegen?

Die Migrationssozialarbeit. Wir bieten seit 1995 – über unseren Migrationsfachdienst im Kreis Heinsberg und im Nordkreis Düren – umfangreiche Beratungsleistungen in der Migrationssozialarbeit an: Flüchtlingsberatung, Ausreise- und Perspektivberatung, Verfahrensberatung und Beschwerdemanagement und Migrationsberatung für Zuwanderinnen und Zuwanderer. Der Arbeitsbereich ist seit 2015 immens von vier auf 13 Mitarbeitende expandiert. Damit haben wir die höchste Anzahl Hauptamtlicher in der Migrationssozialarbeit im Kreis Heinsberg.

Bislang erfolgt die Finanzierung des Migrationsfachdienstes größtenteils über Landesmittel und Bundesmittel. Die vom Land NRW geplante flächendeckende Einführung des Kommunalen Integrationsmanagements (KIM) könnte unsere Arbeit massiv verändern. Die neu zu schaffenden Case-Managementstellen sollen bei den Kommunalen Integrationszentren (KI) angesiedelt werden, wodurch das Subsidiariätsprinzip unterlaufen würde. Aktuell können wir nicht sagen, wie es weitergeht. Wir wünschen uns im Kreis Heinsberg von der Lokalpolitik, dass wir als verlässliche Partner ins KIM einbezogen werden.

In der Corona-Krise rutschen immer mehr Menschen in die Überschuldung. Die Schuldnerberatungsstellen rechnen mit einem Ansturm. (Foto: Shutterstock)

In der Corona-Krise rutschen immer mehr Menschen in die Überschuldung. Die Schuldnerberatungsstellen rechnen mit einem Ansturm.

In der Corona-Pandemie war der Kreis Heinsberg besonders betroffen. Spüren Sie bereits die Auswirkungen der Krise?

Gerade Personen mit geringem oder mittlerem Einkommen haben oft nicht die nötigen Reserven, um die Krise unbeschadet zu überstehen. Neue Anschaffungen werden häufig über Ratenkäufe und kleinere Darlehen finanziert.

Kommt dann eine Krise – wie jetzt die Corona-Pandemie – dazu, drohen die Menschen von der geplanten Verschuldung in eine Überschuldung abzurutschen. In unseren Schuldnerberatungsstellen zeigt sich immer wieder, dass die Problemfelder eng miteinander verknüpft sind. Selbstständige geraten häufig mit ihrer Krankenversicherung in Verzug, melden sich nicht zurück und landen dann automatisch im Höchstsatz. So laufen ganz schnell enorme Schulden auf. Und dann können auch andere Rechnungen nicht mehr beglichen werden.

Auch bezahlbarer Wohnraum ist immer wieder Thema. Klienten im SGB-II-Bezug können in unserer Region nur schwer Wohnungen finden, die den Bestimmungen der Jobcenter genügen. Um nicht wohnungslos zu werden, bezahlen viele Familien den fehlenden Mietanteil aus ihrem Regelsatz und können dadurch in eine Schuldenspirale geraten.

Die Kreise Düren und Heinsberg stehen vor enormen Herausforderungen. Verlieren Sie manchmal den Mut?

Ich erlebe, dass die Menschen in der Region sehr anpassungsfähig und offen für Neues sind. Wir erleben hier gerade im Kleinen die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Klimawandel, Strukturwandel, Zuwanderung, Wohnungsnot und Digitalisierung. Das ist enorm, aber wir sind schon seit einiger Zeit dabei, diese Veränderungen anzugehen und unterstützen die Menschen mit unserer Arbeit dabei.

Das Interview führte Ann-Kristin Herbst. Fotos: Pixabay, Privat und Shutterstock.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ann-Kristin Herbst

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit / Social Media

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Zum Kreis Düren gehören fünf Städte und zehn Gemeinden mit insgesamt 265.000 Einwohnern. Im Kreis Heinsberg gibt es sieben Städte und drei Gemeinden mit 256.000 Einwohnern. Die durchschnittliche Kaufkraft lag 2019 bei rund 6.900 Euro je Einwohner, im Kreis Heinsberg lag sie bei 6.500 Euro. In beiden Kreisen liegt die Armutsquote bei 19 Prozent. Damit liegen die Regionen noch vor Städten wie Köln und Düsseldorf.

Das Diakonische Werk im Kirchenkreis Jülich ist der örtliche Wohlfahrtsverband für 19 Kirchengemeinden des Kirchenkreises Jülich. Seit Anfang Mai 2020 wird das Werk von Ursula Hensen geleitet. Die 55-Jährige ist ausgebildete Diplom-Kauffrau und hat viele Jahre in der Schuldnerberatung gearbeitet.