3. Januar 2017

Glücksspielsucht

Wenn aus Spiel bitterer Ernst wird

Neues Spiel, neues Glück – dieser Spruch fällt oft zu Jahresbeginn und ist selten wörtlich gemeint. Doch wer das Glück tatsächlich im Spiel finden will, kann leicht in einen Teufelskreis der Sucht geraten. Bis zu 670.000 Glücksspielsüchtige soll es in Deutschland geben. Die Dunkelziffer ist hoch. Bei der Diakonie Düsseldorf wird vielen Klienten erfolgreich geholfen. 

Geld und Spielkarten

Spielen um Geld kann riskant sein (Foto: Lupo/pixelio)

Bernd Schumann (Name geändert) ging gern in seine Stammkneipe. Ab und zu warf er dort ein paar Münzen in einen Geldspielautomaten. Soweit nichts Ungewöhnliches. Und dennoch der Einstieg in etwas, das sein Leben völlig aus dem Gleichgewicht brachte.

Was mit ein paar Münzen begann, steigerte sich schleichend. „Dann wurden es 50 Euro am Tag, dann 100 und irgendwann 500 oder sogar 1000.“ Irgendwann verbrachte er vier bis fünf Tage die Woche vier bis fünf Stunden am Geldspielautomaten. Bernd Schumann war glücksspielsüchtig geworden.

Die Diakonie Düsseldorf berät und begleitet jährlich mehr als 200 Glücksspielsüchtige - Tendenz steigend. "Bundesweit gibt es mehr als 200.000 Glücksspielsüchtige", verdeutlicht Anja Vennedey, Leiterin des Suchtberatungs- und Therapiezentrums der Diakonie, das Ausmaß der Sucht. Die Dunkelziffer ist hoch, deshalb gehen die Schätzungen der Fachleute auseinander. Der bundesweite Fachverband Glücksspielsucht spricht von etwa 531.000 betroffenen Menschen. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem vergangenen Jahr soll es sogar 676.000 Glücksspielsüchtige zwischen 16 und 70 Jahren in Deutschland geben.

Portrait

Anja Vennedy hat in ihrer Beratung vor allem mit Männern zu tun (Foto: Diakonie Düsseldorf)

Männersache Glücksspielsucht

Doch so unterschiedlich die Schätzungen sind, eine Tendenz stellen alle fest: "Unter den Glücksspielsüchtigen sind immer mehr junge Menschen und immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund", betont Anja Vennedey.

Drei Viertel von ihnen spielen an Automaten, aber auch Wetten, Online-Gewinnspiele oder Casino-Spiele sind alles andere als harmlos. Und: Es sind vor allem Männer, die glücksspielsüchtig werden. Männer wie Bernd Schumann.

In den ersten Monaten schaffte er es noch, seine Sucht zu verheimlichen. Lieh sich zum Beispiel Geld oder holte sich einen Vorschuss bei seinem Arbeitgeber, damit seine Frau nichts merkt. "Man muss echt ein Top-Schauspieler sein", erzählt er. "Da hat man gerade 500 Euro verzockt und tut zu Hause, als sei das ein super Tag gewesen. Ich wusste ja ganz genau, dass wir uns zum Beispiel den Urlaub gar nicht mehr leisten können und habe ihn trotzdem gebucht. Es durfte niemand merken."

Erfolgsquote von rund 70 Prozent

Irgendwann kam es aber durch einen Zufall doch heraus. Und seine Frau stellte ihn vor die Wahl: "Entweder, Du holst Dir Hilfe, oder ich bin weg." Das wirkte, Schumann ging zur Diakonie-Beratungsstelle. In der Motivationsgruppe traf er auf Menschen, die in ähnlichen Schwierigkeiten steckten. "Ich hätte nie gedacht, dass es so viele gibt, die die gleichen Probleme haben", sagt Schumann. 

Spielautomaten

Machen besonders schnell süchtig: Spielautomaten (Foto: Bernd Pixler/pixelio)

Dazu gab es Einzel- und Paargespräche, in denen es ans Eingemachte ging. Die Beraterinnen und Berater halfen ihm, zeigten ihm, welche biografischen Hintergründe die Sucht beeinflussen und dass sein Verhalten, Konflikten immer auszuweichen, suchtfördernd ist.

Neben der Gruppen- und Einzeltherapie bietet die Diakonie Düsseldorf immer auch eine Angehörigengruppe an, die ebenfalls betreut und beraten wird. Die Erfolgsquote der Arbeit mit Glücksspielsüchtigen liegt laut Anja Vennedey bei rund 70 Prozent. Dazu zählt die Expertin Betroffene, die auch ein Jahr nach dem Ende der ambulanten Therapie nicht rückfällig geworden sind.

Therapie mit Weinen und Lachen

Bernd Schumann hat es geschafft. Er lebt jetzt nach gut zwei Jahren Beratung und Therapie ohne das Glücksspiel. Er hat verstanden, warum er spielsüchtig wurde und hat sich finanziell und beruflich eine sichere Zukunft aufgebaut. Doch der Weg dorthin sei steinig gewesen, gibt er zu. "Da waren schon harte Momente dabei, aber auch Zeiten, wo man lachen konnte. Glaubt man vielleicht nicht, aber so eine Therapie kann auch Spaß machen."

Die Arbeit ist aber noch nicht vorbei. Denn auch wenn er kein Bedürfnis mehr verspürt zu spielen, an sich selbst zu arbeiten dauert. Und auch an der Beziehung zu seiner Frau: "Wir haben wieder viel Vertrauen aufgebaut, aber bei 100 Prozent sind wir noch nicht."

Text: Christoph Wand/Sabine Damaschke

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Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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