5. Februar 2019

Fachtagung Armut

Diakonie als "Anwältin der Armen" oder mehr?

Die Wirtschaft brummt, der Wohlstand wächst. Trotzdem verfestigt sich die Armut in Deutschland. Es gehört zum Selbstverständnis der Diakonie, sie zu bekämpfen. Aber lässt sie sich auch überwinden? Und welchen Beitrag kann die Diakonie mit ihrer sozialen und politischen Arbeit dazu leisten? Schwierige Fragen, mit denen sich jetzt ein Fachtag der Diakonie RWL beschäftigt hat.

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Professor Benjamin Benz forderte die Diakonie auf,  sich beim Thema Armut politisch-gesellschaftlich stärker einzumischen.

Ein Haushaltsüberschuss von knapp 50 Milliarden Euro im vergangenen Jahr, die Unternehmensgewinne und Vermögenseinkommen stiegen um rund drei Prozent, die Löhne in der Privatwirtschaft um 3,2 Prozent. Und die 45 reichsten Haushalte in Deutschland besitzen rund 214 Milliarden Euro. Angesichts dieser Summen ist klar: Niemand müsste hierzulande arm sein. Dennoch stieg die Quote der einkommensarmen Menschen von rund 11 Prozent im Jahr 1991 auf knapp 16 Prozent in 2017.

Für Professor Benjamin Benz von der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe ist daher klar: Ökonomisch kann Deutschland allen Menschen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, mehr finanzielle Unterstützung geben. Aber gegen die Überwindung der Armut wirken für ihn wirtschaftliche Interessen wie die Gewinnmaximierung, gesellschaftliche Haltungen wie die allgemein verbreitete Ansicht, Arme seien faul, und eine unzureichende oder gar verfehlte Sozialpolitik.

Dazu gehören für den Wissenschaftler unter anderem zu niedrige Hartz-IV-Sätze, Sanktionierungen statt Ermutigung der Jobcenter bei der Arbeitssuche und zu wenig Handlungsspielräume für Sozial- und Wohlfahrtsverbände. "Die Diakonie muss sich dazu positionieren und die begrenzten Handlungsspielräume, die sie hat, nutzen, um Veränderungen anzustoßen", so Benz vor rund 80 Teilnehmenden des Fachtages, zu dem die Diakonie RWL nach Düsseldorf eingeladen hatte.

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Einkommensarme Menschen müssen mehr Raum in öffentlichen Diskussionen erhalten, meint Michael David, Armutsexperte der Diakonie Deutschland.

Menschen zur Teilhabe befähigen

Doch dabei sollte sie von Armut betroffene Menschen stärker als bisher beteiligen, betonte Michael David von der Diakonie Deutschland. Der Wohlfahrtsverband verstehe sich als "Anwältin der Armen" und beschreibe damit zwar eine unbedingte Parteilichkeit, stehe aber auch in der Gefahr, sich als reine Stellvertretung zu sehen.

"Wir sollten nicht wie Anwälte im Vordergrund sein, sondern von Armut betroffene Menschen befähigen, ihre Angelegenheiten selbst zu vertreten und durchzusetzen." Dafür aber müssten sie – wie andere Mitarbeitende auch – qualifiziert werden. David organisiert für die Diakonie Deutschland Veranstaltungen mit von Armut betroffenen Menschen und lässt sie auch über die Nationale Armutskonferenz zu Wort kommen. "Uns ist wichtig, dass nicht nur ältere wohnungslose Männer für die Armen sprechen", sagte er, "sondern auch Alleinerziehende, Geflüchtete, kinderreiche Familien oder prekär Beschäftigte. Nur so können wir Klischee- und Standardbilder von Armut überwinden."

Der Anspruch, Arme als "Experten in eigener Sache" zu sehen, erfordert auch in den diakonischen Einrichtungen vor Ort ein Umdenken. So berichtete David von einer Wärmestube für Obdachlose in Berlin, in der gebrauchte Kleidung einfach auf einen großen Haufen geworfen wurde, aus dem sie sich ihre Kleidungsstücke heraussuchen mussten. Eine Mitarbeiterin fand das respektlos gegenüber den Obdachlosen. Sie sorgte für eine ordentliche Auslage, Beratung und Spiegel. "Es geht nicht nur um Hilfe, sondern darum, dass sich Menschen wertgeschätzt fühlen und wieder erleben, dass sie Rechte haben", so David.

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Nachdenken, aufschreiben, diskutieren – In den Workshops war intensive Mitarbeit gefragt.

Begegnung auf Augenhöhe

Über den Umgang mit Betroffenen, die eigene Haltung und Werte sowie Konzepte und präventive Ansätze der sozialen Armutsarbeit tauschten sich die Teilnehmenden des Fachtages in verschiedenen Workshops aus. "Bei dem Thema kommen schnell auch eigene Haltungen, Befürchtungen und Ängste zum Vorschein, die Auswirkungen auf unser professionelles Handeln haben", erklärte Heike Moerland, Leiterin des Diakonie RWL-Geschäftsfeldes Berufliche und soziale Integration. "Das kritisch zu hinterfragen, gehört mit in die Diskussion."

So wurde deutlich, dass eine Begegnung auf Augenhöhe mit armen Menschen in Diakonie und Kirche nicht immer gelingt. Eine Leiterin sozialer Dienste beklagte, dass die Beratungsstellen, Sozialkaufhäuser und Tafeln vor Ort häufig spartanisch und lieblos gestaltet sind. "Ich war geschockt, als mir ein Anwalt bei einem Rundgang sagte: Jetzt weiß ich, wo ich angekommen bin: ganz unten."

Eine Schuldnerberaterin kritisierte, die Beteiligung armer Menschen höre meist bei verantwortungsvolleren ehrenamtlichen Aufgaben wie der Mitarbeit in einem Presbyterium auf. "Und das ist keineswegs nur eine Frage der Bildung", meinte sie. "Oft scheitert ehrenamtliches Engagement schon daran, dass arme Menschen nicht die materiellen Ressourcen haben, um etwa Fahrtkosten zu Gremiensitzungen zu bezahlen."

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Wie können sich diakonische Träger vor Ort gegen Armut ausrichten? Antworten darauf hatte Anne Fennel, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes an der Saar.

Aktiv mitmischen in der Sozialpolitik

Anne Fennel, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes an der Saar, betonte in ihrem Vortrag, ein diakonischer Träger müsse "Räume und Aktionen so gestalten, dass andere sich beteiligen können". Als positives Beispiel nannte sie die Tafel, in der Kunden sich auch als Mitarbeitende engagieren oder Vereine in benachteiligten Stadtquartieren, in denen Bewohner von den Sozialarbeitern der Diakonie ermutigt und befähigt werden, Verantwortung zu übernehmen.

"Aber natürlich sind wir auch gefragt, aktiv gegen Missstände in der Sozialpolitik vorzugehen", sagte die Geschäftsführerin. So sei das Diakonische Werk an der Saar massiv mit der Landesregierung "in den Diskurs" gegangen, damit der im Koalitionsvertrag vereinbarte "Aktionsplan gegen Armut" Realität wurde. Schon im Alten Testament gebe es vielfache Hinweise darauf, dass "wir arme Menschen in einen Rechtsschutz hineinholen müssen". Für Fennel ist daher klar: "Als Diakonie sind wir Anwältin der Armen."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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