9. Juli 2019

Fachtag Bündnis Fairer Wohnraum

Eigentum nutzen, Wohnungen schaffen

Rund 400.000 neue Wohnungen müssten jährlich gebaut werden, um die Wohnungsnot in Deutschland zu mildern. Doch sie sollten auch fair und bezahlbar sein, damit alle Bevölkerungsschichten davon profitieren. Welche Rolle Kirche und Diakonie dabei spielen können, war Thema eines Fachtages des Bündnisses Fairer Wohnraum der Diakonie RWL. Am Ende stand ein klarer Appell: Fordert nicht nur günstigen Wohnraum, sondern schafft ihn auch!

Wohnungen modernisieren, renovieren und dann zu deutlich höheren Preisen wieder vermieten. So sieht der Trend auf dem deutschen Wohnungsmarkt aus. Dass es auch anders geht, zeigt ein Projekt in Duisburg. Dort hat das Diakoniewerk vor drei Jahren zusammen mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft begonnen, Wohnungen in Häusern zu renovieren, die als unbewohnbar galten und lange leer standen. Die sanierten Räume werden an all jene vermietet, die auf dem Wohnungsmarkt fast keine Chance mehr haben: Familien mit mehreren Kindern, Alleinerziehende, ehemalige Obdachlose, Menschen mit kleinen Renten.

"108 Häuser für Duisburg" heißt das Modellprojekt, das Wohnraum in den 108 Quartieren der Ruhrgebietsstadt schaffen will. Die Bilanz kann sich sehen lassen. "Wir haben insgesamt 3.000 Quadratmeter in unserer Stadt wieder bewohnbar gemacht", erklärt Projektleiter Roland Meier. Und zwar nicht nur in sozialen Brennpunktvierteln, sondern in ganz Duisburg. "Uns war wichtig, dass es keine Ghettoisierung gibt", ergänzt Immobilienkauffrau Svenja Lippka, die die Renovierungen betreut und sich um die Mieter kümmert. Die beiden Experten stellten ihr Projekt auf dem ersten Fachtag des Bündnisses Fairer Wohnraum der Diakonie RWL in Essen vor. Ein gutes Beispiel, wie günstiger Wohnraum geschaffen und gleichzeitig das Quartier gestärkt werden kann.

RechtAufWohnen: "Wohnen ist ein Menschenrecht"

Lebensgut Wohnen nicht verspielen

"Wir müssen eine verträgliche Mischung beim Wohnen schaffen, wenn wir das soziale Miteinander in unserer Gesellschaft nicht gefährden wollen", sagte Stadtentwicklerin Frauke Burgdorff. Die Ingenieurin plädierte dabei für einen gemeinwohlorientierten Ansatz. Darunter versteht sie eine moderate Miete, ökologische Bauweise und vernetzte Nachbarschaft. "Das Lebensgut Wohnen ist zu einem Produkt geworden, das vor allem Rendite erwirtschaften soll", kritisierte sie. "Aber es ist ein logistisch knappes Gut, das wir nicht wie Kugelschreiber oder Bananen behandeln können. Wohnen ist ein Menschenrecht!"

In ihrem Vortrag appellierte Frauke Burgdorff dafür, kommunalen Grund wieder in die Hände von Bau- und Wohnungsträgern zu geben, die neue, innovative Wege gehen – von der Genossenschaft bis zu Mietersyndikaten. "Als diakonische Träger und Kirchengemeinden sind Sie gut in den Kommunen vernetzt, nutzen Sie das", lautete ihr Appell an die rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachtages. "Schließen Sie sich mit anderen gemeinwohlorientierten Gruppen in Ihrer Stadt zusammen, sorgen Sie dafür, dass öffentlicher Grund nicht an den Meistbietenden verkauft wird. Werden Sie, wenn möglich, selbst Bauherren!"

Lena Abstiens skizzierte die Entwicklung des deutschen Wohnungsmarktes.

Vom Bauboom zum Renditegeschäft

Wie stark sich der Wohnungsmarkt in Deutschland in den letzten 70 Jahren verändert hat, skizzierte die Sozialwissenschaftlerin Lena Abstiens. Vor allem in der Nachkriegszeit und den siebziger Jahren entstanden zahlreiche Neubauten. In den neunziger Jahren begannen die Kommunen dann, riesige Bestände an Sozialwohnungen zu verkaufen und ihre Bautätigkeit einzustellen. Sie glaubten, die Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt sei ausreichend gedeckt.

Nach der Finanzkrise 2008 entdeckten immer mehr in- wie ausländische Investoren den Immobilienmarkt als Renditegeschäft. Allerdings sei es falsch zu glauben, dass das gesamte Wohnungsgeschäft in der Hand von großen Unternehmen liege, betonte Abstiens. "Von den 40,6 Millionen Wohnungen in Deutschland gehören 61 Prozent privaten Kleinvermietern." Sie dürften beim Thema bezahlbarer Wohnraum nicht vergessen werden.

Wohnungen suchen, Wohnraum schaffen – Ute Herbst gab die Erfahrungen der Diakonie Michaelshoven aus Köln weiter.

Wohnraum finden und schaffen

Die Diakonie Michaelshoven hat diese Kleinvermieter durchaus im Blick, wenn sie Wohnungen für Senioren, Menschen mit Behinderung oder Kinder und Jugendliche sucht. "Weil der Wohnungsmarkt in Köln und Region sehr angespannt ist, schöpfen wir alle Möglichkeiten aus", erklärte Ute Herbst, Geschäftsbereichsleiterin von dia.Leben.

Dazu gehört die Anmietung auf dem freien Wohnungsmarkt ebenso wie der Kauf von Wohnungen als Investor und die Bebauung eigener Grundstücke, insbesondere auf dem eigenen großen Campus der Diakonie. Die strategische und rechtzeitige Planung sei ebenso entscheidend für den Erfolg wie eine gute Vernetzung zu allen Beteiligten der Wohnungswirtschaft, betonte Ute Herbst.

Christian Potthoff arbeitet als Standortentwickler für die Diakonie Michaelshoven.

Diakonisches Gesicht für Bauträger

Gute Erfahrungen hat die Diakonie auch damit gemacht, ihre derzeit rund 40 Projekte in der Hand eines Standortentwicklers zu bündeln. Seit vier Jahren ist Christian Potthoff Ansprechpartner für die Bauträger. Er ist nicht nur für sie "das Gesicht der Diakonie Michaelshoven", sondern auch für Bürgerversammlungen in den Nachbarschaften.

"Es ist wichtig, vor Ort präsent zu sein, wenn es Vorbehalte gegen Bauprojekte für Menschen mit Behinderung, benachteiligte Jugendliche oder Wohnungslose gibt", betont der Betriebswirt. "Hier müssen wir immer wieder Überzeugungsarbeit leisten." Gleichzeitig schafft die Diakonie aber auch auf ihrem großen Campusgelände, das zu einem Park umgestaltet wurde, Wohnraum für Menschen mit mittlerem Einkommen – ganz im Sinne einer sozial gemischten Nachbarschaft.

Ob auch Kirchengemeinden in der Verantwortung stehen, Wohnraum zu schaffen, beurteilten Gisbert Schwarzhoff und Gudrun Gotthardt sehr unterschiedlich.

Kirchengemeinden als Bauherren?

"Es kann nicht darum gehen, jetzt schnell und günstig Wohnungen in Brennpunktvierteln hochzuziehen, in denen die Mietpreise niedrig sind", betonte auch Gisbert Schwarzhoff, Geschäftsführer der Wohnungs- und Siedlungs-GmbH in Düsseldorf. "Wir müssen Wohnungen bauen, in denen die Menschen dreißig Jahre und länger leben wollen und können." Dafür sieht er auch die Kirchen in der Pflicht. Sie hätten in vielen Stadtteilen Grundstücke und Immobilien, die sie bebauen oder an gemeinnützige Investoren abgeben könnten.

Ein Appell, den Gudrun Gotthardt kritisch beurteilte. Die leitende Landeskirchenbaudirektorin der rheinischen Kirche warnte davor, Kirchengemeinden zu überfordern. Um sich im Wohnungsbau zu engagieren, sei viel Know How nötig, das den meisten Presbyterien fehle. "Die Menschen brauchen dringend günstigen Wohnraum“, betonte dagegen eine Teilnehmerin des Fachtags. "Das ist die Chance für Kirche zu zeigen, dass sie für die Menschen da ist!"

Text und Fotos: Sabine Damaschke, Video: Christoph Bürgener

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