22. Februar 2018

Diakonie gegen Armut

25 Jahre Tafeln – Hilfe im Spagat

Vor genau 25 Jahren wurde in Berlin die erste Tafel gegründet. Grund zum Feiern gibt es im Jubiläumsjahr eigentlich nicht. Die hohe Nachfrage zeigt, wie stark die Armut in Deutschland zugenommen hat. Rund 1,5 Millionen Menschen kommen regelmäßig in die über 3.000 Lebensmittel-Ausgabestellen. Dabei sind die Hürden der Inanspruchnahme hoch. Ein Erfahrungsbericht.

Große Zahl 25, dann "Auch in Zukunft: Lebensmittel retten. Menschen helfen.

Mit dieser Grafik verspricht die Tafel Deutschland, auch in Zukunft Lebensmittel zu retten und Menschen zu helfen.

Imagefilme der Tafeln zeigen ein kundenfreundliches Ambiente, Umfragen zeigen eine hohe Kundenzufriedenheit. Eine Sonderbriefmarke zum Jubiläumsjahr würdigt das Engagement der nach dem Selbstverständnis der Tafeln "größten sozialen Bewegung der heutigen Zeit".  Die erste deutsche Tafel wurde heute vor 25 Jahren von der Initiative Berliner Frauen e.V. in Berlin gegründet. Mittlerweile gibt es bundesweit 930 Tafeln, in denen sich etwa 60.000 Menschen ehrenamtlich betätigen. 

Tafel-Kritik verstärkt das positive Bild

Dennoch gibt es seit langem auch Kritik an den Tafeln. Die gängige Kritik verstärkt dabei noch das Bild einer einfachen Versorgungsquelle für arme Menschen.

Etwa die oft geäußerte Befürchtung, dass durch die Tafeln die Folgen von Armut so gelindert werden, dass die Bekämpfung der Ursachen von Armut darüber noch weiter aus dem Blick gerät. Andere Kritiker treibt gar die Sorge, dass Menschen durch das Angebot der Tafeln davon abgehalten werden, sich selbst aus ihrer Bedürftigkeit zu befreien. Aber ist das, was Menschen bei den Tafeln bekommen, wirklich so verführerisch, dass sich irgendwer darauf ausruhen und der Sozialstaat sich beruhigt zurückziehen würde? 

Um mehr darüber herauszufinden, habe ich eine Tafel besucht und Besucherinnen und Besucher nach ihren Erfahrungen befragt. 

Menschen warten gedrängt in einer Schlange vor der Ausgabe von Dosen und Eiern

Das 25-jährige Tafeljubiläum hat eine neue Armutsdiskussion entfacht.  (Foto: Freie Wohlfahrtspflege NRW)

Kein Meckern über Waren

"Die sind alle nett hier", erklärt mir Dagmar M. und fügt hinzu: "Wenn man denen auch nett begegnet". Gisela B. stimmt ein. "Man darf halt nicht zu fordernd auftreten. Die machen das ja alles ehrenamtlich. Und wir bezahlen nichts für die Sachen". Wenn eine Tomate mal matschig sei, müsse man das akzeptieren. "Das sind doch hier alles Spenden".

In dieser Art laufen alle Gespräche, die ich führe. Die Ehrenamtlichen sind nett, über die Waren dürfe man nicht meckern, es sei ja alles kostenlos. Zu einem Foto ist niemand bereit, auch Namen darf ich nicht nennen, selbst die Vornamen muss ich ändern.

Die "Kundinnen" und "Kunden", mit denen ich spreche, warten vor der Tür, bis ihre gezogene Nummer dran ist. Danach stellen sie sich in einer Schlange an, gehen an Stationen mit Lebensmittelkörben vorbei, halten ihre Beutel auf und bekommen etwas hineingegeben. Manchmal können sie wählen, zwischen Äpfeln und Apfelsinen zum Beispiel. Welcher Apfel oder welche Apfelsine dann in der Tüte landet, entscheiden die Ehrenamtlichen, die die Aufgabe haben, alles möglichst gerecht zu verteilen. Und doch kommt es immer wieder vor, dass für die letzten in der Schlange nur noch wenig oder gar nichts mehr da ist. "Die Letzten beißen die Hunde", sagt ein Ehrenamtlicher, der schon lange dabei ist. Zwar versuche man, die Lebensmittel so zu strecken, dass für alle etwas übrig sei. Aber auch da gebe es Grenzen. "Man kann einen Blumenkohl vielleicht einmal teilen, aber nochmal geht nicht".

Grafik: Gabel, Messer und Schrift: Die Tafeln - Essen, wo es hingehört

Das vieldeutige Motto in der Grafik wurde eigentlich für den Aktionstag gegen Lebensmittelverschwendung 2011 entwickelt. Inzwischen findet sich das Logo auf vielen Webseiten und Flyern zur Arbeit der Tafeln. 

Rettung der Lebensmittel

Dann stelle ich mich selbst in die Schlange. Den Ehrenamtlichen am Eingang erläutere ich, dass ich einen Bericht zum Jubiläumsjahr der Tafeln schreiben will. Von einem der beiden erfahre ich die Motivation für sein Engagement. Ihm gehe es vor allem um die Rettung der Lebensmittel. Dann darf ich mich anstellen.

"Heute ist ein guter Tag", erklärt mir eine Frau, die vor mir in der Schlange steht. Ein guter Tag? Ja, so viel Auswahl habe es schon lange nicht mehr gegeben, sagt sie. "Zwei Stück", unterbricht die Ehrenamtliche am Eingang der Reihe mit den verschiedenen Lebensmittelkörben. Zwei Stück, von was? Ich habe noch keine Erfahrung. Aber statt zu fragen, wähle ich rasch aus dem Korb direkt vor mir, zwei Paprika, der scheint auf jeden Fall Teil der Auswahl zu sein. 

Kein Ort für wählerische Kundschaft

An der nächsten Station ist es einfacher. Hier gibt es nur Möhren, darunter allerdings eine exklusive Sorte. "Die lila Möhren mag ich besonders gerne", sagt die Frau vor mir, und bekommt ein Bündel orange Möhren. Der Ehrenamtliche auf der anderen Seite des Korbs hat sie in der Geräuschkulisse nicht verstanden. Die Möhren mit der falschen Farbe sind in ihrem Beutel, und dort lässt sie die auch. "Ist doch egal", sagt sie auf meine vorsichtige Nachfrage.

Später stelle ich mich ein zweites Mal an, als letzter in der Schlange. Fast alle Lebensmittel sind bereits verteilt. An einer Station gibt es noch einige Erdbeeren. Der Ehrenamtliche sucht die guten raus und verteilt sie. Danach gibt es noch eine Station mit abgepacktem Fleisch und eine mit vielen Tuben extra scharfem Senf. Die letzte Station besteht aus einem großen Stapel Pfefferkuchen, anderem Weihnachtsgebäck und einigen Weihnachtsmännern aus Schokolade, mit denen die Beutel der Kundinnen vor mir aufgefüllt werden. Im Handel wird es bald die ersten Ostersachen geben.

Apfel mit Aufschrift: 25 Jahre Tafel in Deutschland

Sonderbriefmarke zum Jubiläum (Aus urheberrechtlichen Gründen ist bei einer Nutzung der Abbildung zwingend eine Abbildungsgenehmigung einzuholen: VB6@bmf.bund.de)

Das Dilemma der Tafeln

Die Tafeln befinden sich mit ihrer Arbeit im ständigen Spagat. Sie wollen Lebensmittel retten und Armut lindern. Sie wollen Menschen helfen, die "ganz unten sind", die viel zu häufig wenig entscheiden können und vielleicht mehr als alles andere Bestärkung brauchen. Die Verteilung von Lebensmittelspenden allein aber kann im besten Fall wirtschaftliche Not lindern.

Viele Tafeln reagieren auf dieses Dilemma mit zusätzlichen Angeboten und Projekten. So werden die Tafeln in diakonischer Trägerschaft häufig mit professionellen Beratungsangeboten verbunden. Auf diese Weise soll durch die Tafeln der Zugang zu weiteren Hilfen erleichtert werden.

Viel Aufwand für gesunde Mahlzeiten 

In meinem eigenen Versuch als Tafelkunde habe ich erlebt, wie verletzbar ich in der Position werde - mit beiden Händen an den Trägern des geöffneten Beutels, in den mir Lebensmittel gelegt werden, die ich im Supermarkt so nicht wählen würde. Ich habe erlebt, wie ich die kleinsten Gesten empfindlich ausdeute, auf Anzeichen von Wohlwollen oder Benachteiligung. Ich habe so Hochachtung gewonnen vor der Stärke, die viele Kunden mitbringen, um die schwierige Situation gut zu meistern. Wie Dagmar M., die seit 10 Jahren zur Tafel kommt, und erfinderisch mit dem, was sie nach Hause bringt, ihren Kindern gute Mahlzeiten bereitet. Und die mit dem dabei gesparten Geld ihrem Sohn einen Mannschaftssport finanziert und ihrer Tochter den Musikunterricht.

Und ich habe viel Respekt gewonnen vor der anspruchsvollen Aufgabe der Verantwortlichen und Ehrenamtlichen, die Verteilung von Lebensmitteln, die auch sie nicht ausgewählt haben, auf würdige Weise zu organisieren.

Text: Christian Carls

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Christian Carls
Onlineredaktion und Internetkoordination
FSJ/BFD
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