16. Januar 2018

Diakonie gegen Armut

In Würde shoppen – Sozialkaufhäuser als moderne Einkaufszentren

Deutschland ist Shoppingland. Doch wer knapp bei Kasse ist, für den bleiben oft nur Discounter, Billigläden – und Sozialkaufhäuser. Damit der Einkauf dort nicht mit Scham, sondern Freude geschieht, setzen die Düsseldorfer Fairhäuser der Diakonie auf ein modernes Konzept. Sie bieten Anspruchsvolles zum kleinen Preis – und zwar für jeden Kunden.

Stephan Ambaum mit einer Tasse in der Hand

Eine Tasse Kaffee gefällig? Filialleiter Stephan Ambaum spendiert den Kunden gern ein Heißgetränk

Über 4.000 Tassen Kaffee hat Filialleiter Stephan Ambaum im vergangenen Jahr seinen Kunden spendiert. Dazu gab es einen Muffin und nicht selten auch ein freundliches Gespräch. "Unsere neue Kaffeebar war eine der besten Ideen, die wir in letzter Zeit hatten", sagt der ehemalige Raumausstatter.

Seit 12 Jahren arbeitet er in der Fairhaus-Möbelfiliale des Beschäftigungsträgers renatec der Diakonie Düsseldorf. Früher war Ambaum in den Häusern der Reichen unterwegs. Heute hat er viel mit Menschen zu tun, bei denen das Geld knapp ist. Und die er genauso zuvorkommend bedient, denn "der Kunde ist König – egal, wo er herkommt".

Ambaum an der Kasse

Stephan Ambaum mag die Vielfalt der Kunden, mit denen er täglich zu tun hat

Kunden aus allen sozialen Schichten

Die Vielfalt der Menschen, mit denen der Filialleiter im Sozialkaufhaus zu tun hat, ist genau das, was ihn dorthin geführt hat. Neben Langzeitarbeitslosen, Geringverdienern, Rentnern und Studenten gehören auch Schnäppchenjäger aus der Mittelschicht und Flüchtlinge zum Kundenstamm.

"Neulich habe ich meine Familie abends auf Englisch angeredet", erzählt Ambaum lachend, "weil ich den ganzen Tag Flüchtlinge beraten hatte." Sie dürfen sich mit einem Berechtigungsschein vom Sozialamt Möbel aussuchen. Kunden, die ihr Einkommen nachweisen und eine bestimmte Einkommensgrenze nicht überschreiten, erhalten 30 Prozent Rabatt auf die günstige Ware im Fairhaus. 

Portrait

Überzeugt vom Rabattsystem: renatec-Geschäftsführerin Britta Zweigner 

Rabattkarten gegen Vorurteile

In den meisten Sozialkaufhäusern gibt es diese gestaffelten Preise, mit denen auch die Waren ausgezeichnet sind. An der Kasse zeigt sich dann, wer zu den Bedürftigen gehört und wer nicht. "Es ist mit Scham verbunden, wenn Kunden jedes Mal einen Berechtigungsschein oder Einkommensnachweise vorzeigen müssen, um Rabatt zu bekommen", sagt renatec-Geschäftsführerin Britta Zweigner. "Das vermeiden wir mit unseren faircards." Neben Karten mit einem Rabatt von dreißig Prozent, die mittlerweile über 35.000 Menschen in den acht Sozialkaufhäusern der renatec nutzen, gibt es auch solche mit einen Nachlass von drei Prozent, den jeder Kunde erhält.

Wirtz mit Einkaufstasche

Zur "Marke" Fairhaus gehören für Leiter Michael Wirtz auch die Shoppingtaschen aus alten Oberhemden

Kundenbindung mit eigener Marke

"Mir ist es wichtig, dass wir als eigene Marke begriffen werden und deshalb für eine sozial gemischte Kundschaft attraktiv sind", betont Michael Wirtz, der die Fairhäuser seit zehn Jahren leitet. Das gelingt seiner Ansicht nach aber nur mit Geschäften, die mitten in der Stadt zu finden sind, eine moderne Ausstattung und ein anspruchsvolles Warensortiment haben. Gestapelte gebrauchte Ware, alte Registrierkassen und handgemalte Preisschilder bezeichnet er deshalb als "absolutes No-Go". 

Ladenecke mit Männerkleidung

Das Warensortiment ergänzen die Fairhäuser durch Zukäufe

Konkurrenz durch Outlets

Über zwanzig Jahre hat Wirtz im Einzelhandel gearbeitet, zuletzt als Filialleiter einer großen Modekette. Als er damals bei der rentac einstieg, bestand das Warenangebot der Fairhäuser vor allem aus Privat- und Firmenspenden. Doch inhabergeführte Unternehmen, die liegen gebliebene Ware aus der letzten Saison spenden, gibt es immer seltener.

Und die großen Ketten haben inzwischen ihre eigenen Outlets, in die sie ihre Restbestände abgeben. Daher kauft Wirtz immer häufiger Ware für einen günstigen Einkaufspreis dazu – zum Beispiel hochwertige Möbelstücke, die auf Messen präsentiert wurden, Markenschuhe oder Scout-Schulranzen. Artikel, die sich viele seiner Kunden normalerweise nicht leisten können.

Pinkfarbene Schuhe auf einem Regal

Modern und farbenfroh: Schuhe im Fairhaus

Markenschuhe statt alte Latschen

"Ob jemand arm ist, sieht man heutzutage nicht mehr an der Kleidung", meint Wirtz. "Es sind die abgetragenen Schuhe oder die gebrauchten Schulranzen, die darauf hinweisen und Kinder schnell zu Außenseitern machen." Mit dem Sortiment seiner Düsseldorfer Fairhäuser hofft er deshalb darauf, armen Familien ein Stück Teilhabe zu ermöglichen.

"Bei uns soll das Einkaufen Spaß machen und dem Kunden zeigen, dass wir ihn wertschätzen", betont er. Anspruchsvolle Ware, helle Räume, bunte Dekorationen, eine Kaffeebar und freundlicher Service gehören daher zu seinem Geschäftsmodell.

Gruppenfoto

Inklusiv Tandem, das sich gut versteht: Regine Heinze und Marcel Böhm

Fair und inklusiv shoppen

Die Vielfalt der Kundschaft spiegelt sich auch im Personal. Seit zehn Jahren sind die Fairhäuser Integrationsbetriebe. In ihnen sind neben den 20 Angestellten und 85 Langzeitarbeitslosen, die in verschiedenen Qualifizierungsprogrammen beschäftigt sind, noch 19 Menschen mit Behinderung tätig. Als Integrationsbetrieb müssen die Fairhäuser auch Umsatz machen. "Das setzt uns unter wirtschaftlichen Druck, gibt uns aber auch mehr Freiheit, weil wir unabhängiger von der Arbeitsmarktförderung sind", betont Britta Zweigner.

Fernsehbildschirm mit Öffnungszeiten

Statt auf Werbebroschüren setzen die Fairhäuser auf Fernseher und Facebook

Mehr in digitale Vernetzung investieren

Wie andere Einzelhändler auch setzt der ständig zunehmende Onlinehandel die Fairhäuser unter Druck. Auch wenn die renatec im März noch ein neues Fairhaus eröffne, dürfe sie sich keineswegs zurücklehnen, meint Michael Wirtz. "Wir müssen mehr in die digitale Vernetzung investieren und mit besonderen Verkaufsaktionen auf uns aufmerksam machen", betont er.

Einen Anfang hat der engagierte Fairhaus-Leiter schon gemacht. Über Facebook und Fernseher in jeder Filiale werden die Kunden auf aktuelle Angebote aufmerksam gemacht. "Und bei einer Tasse Kaffee können sie die in Ruhe studieren", ergänzt Stephan Ambaum zufrieden.

Text und Fotos: Sabine Damaschke, Fotos: renatec

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Sabine Damaschke
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