15. November 2017

Diakonie gegen Armut

Das Ende einer langen Reise - Notübernachtung für Frauen

Vier von zehn Wohnungslosen in NRW sind Frauen. Die meisten landen nicht auf der Straße, sondern kommen bei Freunden oder männlichen Bekanntschaften unter. Wer schließlich in der Frauenübernachtungsstelle der Diakonie Dortmund um Hilfe bittet, hat viel hinter sich. Seit zwei Jahren ist die Notunterkunft voll belegt. Auch mit Rentnerinnen, die ihre Miete nicht mehr zahlen können.

Zwei Frauen am Bürotisch im Gespräch

Austausch in Sachen Wohnungssuche: Inge (links) ist oft in Ilda Kolendas Büro

Eine größere, bezahlbare Wohnung – davon hatten Inge und ihr Sohn schon lange geträumt. Anfang des Jahres war die Chance plötzlich da, der Mietvertrag schnell unterschrieben, die alte Wohnung gekündigt. Doch dann lief alles schief. Der neue Vermieter kündigte den Vertrag. Die 68-jährige Rentnerin und der Student mussten aus der alten Wohnung ausziehen, ohne ein neues Dach über dem Kopf zu haben.

Seit sieben Monaten wohnt Inge nun in der Frauenübernachtungsstelle der Diakonie, ihr Sohn ist in einer Notschlafstelle für Männer untergebracht. Noch immer sucht sie nach einer bezahlbaren Wohnung. "Nie hätte ich geglaubt, dass mir das mal passieren würde", sagt die ehemalige Raumpflegerin. "Wir haben niemanden, der uns aufnehmen kann."

Eingang der Frauenübernachtungsstelle

Keine Wohnung, kein soziales Netz

Inge ist kein Einzelfall. Immer öfter klingeln ältere Damen bei der Frauenübernachtungsstelle, die ihre Wohnung verloren haben. "Bis vor zwei Jahren war es kein großes Problem, in Dortmund eine günstige Wohnung zu finden", erklärt Ilda Kolenda, stellvertretende Leitern der Frauenübernachtungsstelle.

"Jetzt konkurrieren Rentnerinnen mit Familien mit kleinen Einkommen, Studenten und Flüchtlingen darum." Außerdem gebe es mehr Menschen, die auf kein soziales Netz zurückgreifen könnten. "Das macht mir Sorge", betont die 33-jährige Sozialarbeiterin. Seit 23 Jahren gibt es die Frauenübernachtungsstelle in Dortmund. Doch selten war sie so voll belegt wie in den letzten zwei Jahren.

Sie hat 14 Schlafplätze, dazu sechs weitere in einem Außenwohnbereich. Mindestens vier Notbetten sind im Dauereinsatz. 2016 hatte die Einrichtung eine Auslastung von 142 Prozent, aktuell sind es 151 Prozent. 337 Frauen und 45 Kinder übernachteten im vergangenen Jahr in dem Haus nahe der Dortmunder Innenstadt.

Notbett im Flur - Fast jeden Tag wird es gebraucht

Starker Anstieg der Wohnungslosigkeit

Ähnlich wie in Dortmund sieht es in den anderen sechs Frauenübernachtungsstellen aus, die sich unter dem Dach der Diakonie RWL in NRW befinden. Kein Wunder, denn landesweit hat sich die Zahl der registrierten wohnungslosen Menschen um fast 60 Prozent auf über 25.000 erhöht. Das belegt ein aktueller Bericht des NRW-Sozialministeriums. Eine gerade veröffentlichte Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geht sogar davon aus, dass 2016 insgesamt rund 860.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung sind, darunter 440.000 Flüchtlinge.

Vier von zehn Wohnungslosen in NRW sind weiblich. Doch für sie gibt es deutlich weniger Übernachtungsstellen als für Männer. Von bundesweit etwa 180 Diensten und Angeboten, die ausschließlich Frauen vorbehalten sind, befinden sich laut Sozialministerium etwa 70 in NRW. Dazu gehören unter anderem zehn Wohngruppen, zwölf stationäre Einrichtungen und etwa zehn Notübernachtungsstellen. Die meisten Angebote befinden sich in Großstädten. So kommen Frauen aus dem gesamten Dortmunder Umland in die Stadt, wenn sie einen Schlafplatz benötigen. Geflüchtete Frauen sind, so betont Ilda Kolenda, aber selten darunter. 

Schlafraum in der Notübernachtung

Manche bleiben nur wenige Tage, viele aber bis zu sechs Monate und mehr. Schon seit zwei Jahren wohnt eine pensionierte Lehrerin in der Einrichtung, die psychisch krank ist. Immer wieder hat sie Therapien abgebrochen. "Es ist schwer, jemandem zu helfen, der keine Krankheitseinsicht hat", sagt Ilda Kolenda. Auch diese Fälle nehmen nach ihrer Beobachtung zu. Psychische Erkrankungen sind neben Suchtproblemen die häufigste Ursache für Obdachlosigkeit.

Ein Schlafplatz für jede Frau

Während sich laut Bericht des Sozialministeriums der Großteil der obdachlosen Männer in ihrer Lebensmitte befinden, gibt es unter den weiblichen Wohnungslosen mehr junge Frauen unter 21 Jahren und ältere Frauen über 65 Jahren. Ilda Kolenda kann das bestätigen. "Bei mir rufen häufiger Mädchen an, die von zuhause abhauen wollen, weil sie die familiäre Situation nicht mehr ertragen", erzählt sie. Durch das Internet und die sozialen Medien haben sie von der Frauenübernachtungsstelle erfahren.

Portait

Ilda Kolenda vermittelt die Frauen auch andere Hilfsstellen

"Natürlich nehmen wir alle Frauen zu jeder Jahreszeit auf", sagt sie. "Aber wer ein geschütztes Umfeld hat, sollte dort erstmal bleiben und andere Hilfen in Anspruch nehmen." Die Sozialarbeiterin vermittelt die Mädchen deshalb an die Beratungsstellen der Diakonie. Frauen, die mit Kindern zu ihr kommen, versucht sie immer in einem Frauenhaus unterzubringen. Doch auch das ist schwierig, weil die Plätze meistens belegt sind. Die Wohnungsnot führt dort ebenfalls zu monatelangen Aufenthalten.

Dringend gesucht: Ehrenamtliche Helferinnen

Im Winter ist die Übernachtungsstelle – anders als bei den männlichen Notunterkünften – nicht viel stärker ausgelastet als im Sommer. Denn es gibt deutlich weniger Frauen, die auf der Straße schlafen. Wer nicht bei Freunden oder Verwandten unterkommt, geht häufiger Beziehungen mit Männern ein, um an einen Schlafplatz zu kommen. Derzeit leben nur vier Frauen in der Dortmunder Übernachtungsstelle, die sonst im Freien schlafen. Zudem greift die Polizei Frauen auf der Straße schneller auf, um sie vor Gewalt zu schützen, und bringt sie in die Einrichtung.

Portrait

Mit der Teetasse auf die Heimat trinken: Ani aus Rumänien möchte wieder nach Hause

So ist auch Ani aus Rumänien zu Ilda Kolenda gekommen. Die fast achtzigjährige Frau war auf der Suche nach Arbeit in Dortmund gestrandet. Sie kann weder lesen noch schreiben und möchte nun selbst wieder zurück in die Heimat. "Die meisten Frauen, die bei uns wohnen, haben eine Vielzahl von Problemen", erzählt Ilda Kolenda.

"Sie brauchen Unterstützung, damit sie überhaupt einen Antrag auf Hilfeleistung stellen." Doch gemeinsam mit ihren zwei Kolleginnen kann die Sozialarbeiterin das kaum leisten. Sie wünscht sich ehrenamtliche Helferinnen, die die Frauen zu den Ämtern und Beratungsstellen begleiten.

Die 68-jährige Inge gehört zu den Bewohnerinnen, die all das noch alleine schaffen. Und die sich deshalb umso fremder in der Übernachtungsstelle fühlt. "Ich gehöre hier doch nicht hin", sagt sie traurig. "Nein", bestätigt Ilda Kolenda und macht ihr Mut: "Sie werden sicher noch eine Wohnung finden."

 Text: Sabine Damaschke, Fotos: Sabine Damaschke, Tim Cocu (Diakonie Dortmund)

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (8 Stimmen)