2. November 2017

Diakonie gegen Armut

Vom Abstürzen und Aufstehen - Der schwere Weg aus der Sucht

Knapp acht Millionen Menschen in Deutschland sind abhängig vom Alkohol. Nicht alle verlieren deshalb Job, Wohnung und soziale Kontakte. Doch die Gefahr, durch die Sucht in Armut abzurutschen, ist groß. Hans-Ulrich Funk hat das in seinem Leben schmerzhaft erfahren. Heute engagiert sich der trockene Alkoholiker für Menschen, die aus der Sucht herausfinden wollen.

Portrait

Mit 14 Jahren trank Hans-Ulrich Funk sein erstes Bier. Als er 50 Jahre alt war, hatte der Alkohol ihn das Studium, zahlreiche Jobs, Freundschaften und seine Gesundheit gekostet. 27 Magengeschwüre fanden die Ärzte bei ihm. "Sie tragen den Sarg schon auf dem Rücken", warnte ihn ein Arzt.

Eine drastische Mahnung, die Hans-Ulrich Funk ernst nahm. Mit Unterstützung der diakonischen Suchtselbsthilfe des Blauen Kreuzes kam er nach 36 Jahren vom Alkohol los.

"Dort habe ich erfahren, dass mein Leben trotz allem lebenswert ist", sagt der 66-jährige Rentner. Ein Leben, das ihn zeitweise in Armut, Einsamkeit, Verzweiflung und fast in den Tod geführt hat. Rund 74.000 Menschen sterben nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen jährlich an den Folgen eines riskanten Alkoholkonsums. Schätzungsweise 7,8 Millionen Menschen in Deutschland sind davon betroffen – das ist jeder 10.

Arme können Sucht schlechter verstecken

Nicht jeder verliert seinen Job, seine Wohnung und seine Freunde. "Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Sucht und Armut", meint Ralph Seiler, Sucht-Experte der Diakonie RWL. Aber Sucht sei oft die Ursache für Arbeitslosigkeit und Armut. Und gleichzeitig die Folge. "Menschen mit Bezug von Arbeitslosengeld II-Leistungen weisen statistisch überdurchschnittlich häufig eine Suchtproblematik auf." Knapp 40 Prozent der Menschen, die ambulant in der Sucht- und Drogenhilfe betreut werden, haben laut Deutscher Suchthilfestatistik keinen Job. Bei denjenigen, die stationär behandelt werden, sind es sogar 49 Prozent.

Bei Wohnungslosen gibt es immer einen großen Anteil an Alkoholkranken. "Menschen, die arm sind, können ihre Sucht auch schlechter verstecken. Sie ist sichtbarer", so die Erfahrung von Ralph Seiler. Arme landeten schneller auf der Parkbank. Auslöser für den Absturz sind oft Krisen wie Scheidungen, Schicksalsschläge oder der Verlust des Arbeitsplatzes. Bei Hans- Ulrich Funk war es eher ein schleichender Prozess.

Der Pegel bei Alkoholkranken steigt kontinuierlich.
(Foto: pixelio / birgitH)

Mit Alkohol gegen die Ängste

Zwar hat er immer in diversen Handwerker-Jobs oder im Verkauf gearbeitet und dort als Hilfskraft etwas Geld verdient. Doch durch seine Sucht verlor er auch immer wieder die Arbeitsstelle. Zum Leben, so erzählt der Rentner heute, habe er nicht viel gebraucht, für Kleidung und Essen nicht viel ausgegeben.

Aber der Alkohol war natürlich teuer. Seine Familie hat ihm finanziell immer wieder unter die Arme gegriffen. Mietschulden übernahm sein Vater.

Auch wenn Hans-Ulrich Funk wenig Geld hatte, zur Tafel ist er nie gegangen. Dafür war er zu stolz. Er habe immer unter der Armutsgrenze gelebt und sei irgendwie durchgekommen, erzählt er. "Ich habe kaum noch etwas gegessen, nur noch getrunken." Der Pegel sei kontinuierlich gestiegen. Anders als bei seinem Vater, der für diese exzessive Form des Trinkens kein Verständnis gehabt habe. "Er hat mir immer gesagt, mach es wie ich und trink abends ein Bier", berichtet Hans-Ulrich Funk.

Abhängigkeit begann in der Jugend

Schon als Jugendlicher mit 14 Jahren durfte er mittrinken. Alkohol war weder in seiner Familie, noch in der Schule oder bei der Bundeswehr verpönt. Im Gegenteil. Er habe früh gelernt, dass Alkohol locker macht und die Probleme des Lebens dann leichter erscheinen, sagt er heute. "Es war vor allem eine innere Angst, die mich hat trinken lassen." Er habe versucht, seine Ängste zu verdrängen. Und geriet so immer tiefer in die Abhängigkeit hinein.

Das Studium brach Hans-Ulrich Funk ab. Mit seiner damaligen Freundin betrieb er mehrere Trinkhallen in Bochum. Die ständige Verfügbarkeit von Alkohol am Kiosk war fatal. "Das war der Übergang zur Sucht", ist er sich heute sicher. Hatte er bisher Bier getrunken, brauchte er jetzt Schnaps. Nach zwölf Jahren ging die Beziehung zu seiner Freundin in die Brüche. Ein Grund für die Trennung war auch sein hoher Alkoholkonsum. Die Freundin wollte seine Sucht nicht mehr akzeptieren. "Ich war einerseits erleichtert, weil die Streiterei vorbei war, andererseits konnte ich ohne Hemmungen weitertrinken."

Ein Glas Bier reicht zum Absturz.
(Foto: pixelo / www.foto-fine-art.de)

Von Entzug zu Entzug

Als "Halb-Studierter" habe er dann zunächst im Fruchthandel gearbeitet, erzählt Hans-Ulrich Funk. Danach hangelte er sich von Job zu Job, mal als Angestellter, mal als Selbstständiger. "Den Rest der Zeit habe ich mich mit Alkohol abgeschossen." Als seine Mutter krank wurde, zog er wieder in sein Elternhaus, um sich um sie zu kümmern. Wieder bei den Eltern zu wohnen war auch billiger, denn er musste keine Miete bezahlen. Doch all das überforderte ihn. Hans-Ulrich Funk begann, nun auch auf der Arbeit zu trinken. Er wurde gekündigt. Mit 45 war er arbeitslos.

"Ich wusste, so geht das nicht weiter", erzählt der trockene Alkoholiker. Bei einem Beratungsgespräch im Gesundheitsamt traf er die Frau eines Schulkollegen, die ihn zum Entzug ermutigte. Es folgten Jahre, in denen sich eine Vielzahl von Entzügen aneinanderreihte. Immer wieder hatte er das Gefühl, ein Leben ohne Alkohol zu schaffen, aber dann kam es doch wieder zum Absturz. Oft reichte dafür nur eine Dose Bier.

"Man muss die Krankheit akzeptieren", betont er heute. Sonst sei es ein ständiger Kampf. Geholfen haben ihm schließlich die Gruppengespräche der diakonischen Suchtselbsthilfe des Blauen Kreuzes. Sein Vater hat leider nicht mehr miterlebt, dass er schließlich trocken war. Bei dessen Tod hat er dann gelernt, dass man auch trauern kann. Er konnte die Trauer zulassen. "Heute kann ich mich den Gefühlen stellen." Und auch seine Lebensgeschichte mit all den Abstürzen und Brüchen akzeptieren.

Gerne würde Hans-Ulrich Funk in die USA reisen.
(Foto: pixelio / Petra Schmidt)

Die Sucht akzeptiert

Rückblickend sagt er, dass er mehr Glück als Verstand gehabt habe. Es hätte auch anders ausgehen können. Alleinstehende alkoholkranke Männer landen oft auf der Straße. "Heute mache ich Info-Abende in Krankenhäusern, in denen ich früher selbst den Entzug gemacht habe, und erzähle offen von mir." Auch überregional engagiert er sich für das Blaue Kreuz in Gremien.

Seit über 17 Jahren ist Hans-Ulrich Funk jetzt trocken – und stolz darauf. Gerne würde er in seinem Leben eine weite Reise in die USA unternehmen. Doch dafür reicht seine kleine Rente nicht. Hans-Ulrich Funk ist dennoch zufrieden. "Das Leben ohne Alkohol ist der größte Wunsch, der für mich in Erfüllung gegangen ist", betont er. Er hat ihn sich selbst erfüllt.

Text: Sabine Portmann, Foto Teaser: Rouven Weidenauer/pixelio.de

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Ralph Seiler
Suchthilfe und Aids
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